Special Agent Stehauf-Gretel

Gretel Healy fotografiert von Nini Tschavoll

Name Margarete Healy, (geb. Schön), geboren 1923 in Wien, befindet sich im Unruhestand, war viele Jahre im US Civil Service und nach der Pensionierung Steuerberaterin, wohnt in Baden bei Wien 


Gretel Healy hat auf vier Kontinenten gelebt und zwei Kriege, vier Ehen und zahllose Neuanfänge überstanden. 1938 war sie als Jüdin gezwungen, Wien zu verlassen, um zu überleben. Sie rang viele Jahre damit, die Ansprüche der kulturbeflissenen „Wiener Bürgerstochter“ mit denen des „All American Girl“ in Einklang zu bringen. Weil man ihr als Tochter, Frau und Ehefrau generell wenig zutraute, musste sie jedoch viele Umwege machen.

Als echte Stehauf-Gretel hat sie sich nach jedem beruflichen, privaten oder finanziellen Rückschlag aufgerappelt, abgebeutelt und weitergemacht. Wien hat die passionierte Tagebuchschreiberin ab 1950 immer wieder besucht. Im Jahr 2002 kaufte sie eine Wohnung in Baden statt in Wien, weil ihr die BAWAG im Hinblick auf ihr fortgeschrittenes Lebensalter einen Kredit verwehrte.

Die elegante, charmante und geistig überaus rege 94-jährige Dame liest Ludwig Wittgenstein und erzählt nebenbei delikate Graf Bobby Witze. Wer ihr begegnet, vergisst sie nie.

Bis heute ist sie „verliebt in Wien“, jene Stadt, die sie 1938 nicht mehr haben wollte: „Mein Leben an allen möglichen Orten hat mir gezeigt, dass Wien eine der schönsten und besten Städte ist, um darin zu leben. Antisemitismus und Machismo sind mir überall auf der Welt begegnet. Warum also nicht dort leben, wo man sich wohl fühlt?"

Ihre vier Jahre mit den US-Besatzungskräften (1950-1954) in Wien zählt sie zu den schönsten in ihrem langen Leben. Heute wohnt sie in Baden bei Wien, trifft sich mit ihrem Freund Josef aus Ottakring und schreibt am zweiten Teil ihrer Autobiografie ab 1963.

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 beschloss Familie Schön (der Vater Ingenieur, die Mutter Künstlerin), dass die zweitgeborene Margarete das Land verlassen müsste. Also ging die 15-Jährige allein an Bord des Dampfers Europa von Bremerhaven nach New Jersey, wo sie bei Verwandten unterkam.

Doch die Onkel und Tanten in Amerika waren ihr fremd und förderten sie kaum, daher nahm sie alsbald Reißaus, um sich allein durchzuschlagen. „Ohne Sprachen geht es nicht“, sagt Gretel, die sich nur ein paar Monate gab, um ihr Schulenglisch auf Vordermann zu bringen.

alte Dame, Exil-Wienerin, CIA Mitarbeiterin

Ihr erster Job war der eines Kindermädchens bei einer wohlhabenden Familie mit Hotels in den Catskills, New York und Miami. „Ich hatte nie ein Baby im Arm gehalten und log, was das Zeug hielt, über mein Alter und meine Erfahrung. Ich kümmerte mich um die beiden Kleinkinder, wusch ihre Windeln, verdiente zehn Dollar und hatte eine halbe Stunde Freizeit pro Woche.“

Als dem Vater ihrer Schützlinge die Ehefrau abhanden kam, suchte er sie nachts im Schlafzimmer heim. Nach erfolgreicher Abwehr nahm jedoch niemand die Beschwerde der jungen Frau ernst, sie bekam sogar zu hören: „What are you saving it for?“ Das konnte sie sich keinesfalls gefallen lassen und so quittierte sie den Job bereits am nächsten Tag.

Weiter ging es mit der nahezu idealtypischen Karriere für Neuankömmlinge in den USA: Kindermädchen, Putzfrau, Snack-Bar-Aushilfe, Putzereiangestellte in New York, Washington und Miami. Bei „Aristo Cleaners“ in Washington, D.C. wurde ihr Handelsschulabschluss aus Wien erstmals als Qualifikation erkannt. Binnen zweier Jahre arbeitet sie sich zur Filialleiterin hoch, denn sie war mit ihrer Fähigkeit für blitzartiges Kopfrechnen aufgefallen.

Mit 18 Jahren heiratete Gretel das erste Mal, und weil ihr Mann bei der Air Force war, begann sie 1942 in der Eglin Air Base in Florida zu arbeiten. 1946 wurde sie US-Staatsbürgerin und konnte ihre Eltern nachholen. Ihre beruflichen Engagements begannen immer wieder als Sekretärin. Anderes traute man Frauen damals auch nicht zu.

Nicht nur ihre Eltern hätten sie lieber als Hausmütterchen in der Provinz gesehen. Mit viel Einsatz arbeitete sie sich jedes Mal aufs Neue an anspruchsvolle Aufgaben heran, bis eine Versetzung (des jeweiligen Ehemannes) anstand und sie von vorne beginnen musste.

Wer eine Beamtenkarriere für langweilig hält, wird von Gretel eines besseren belehrt. In ihren Händen wurden selbst Maschine schreiben, Stenografie und Buchhaltung zu Superkräften. Die größten Hämmer erwähnt sie in ihren Erinnerungen nur nebenbei.

Ein kleines schwarzes Büchlein brachte sie etwa aus der Schreibstube zur Counter Intelligence (CIA). Ihr zweiter Mann diente in der US-Army und war, durch eine glückliche Fügung, bei der Gretel ein wenig die Finger im Spiel hatte, während der Besatzungszeit nach Wien versetzt worden. Auch hier fing Gretel wieder ganz unten in einer Schreibstube an. Eines Tages ging ein Mitarbeiter durch die Büros, um zu fragen, ob jemand die rätselhaften Zeichen in dem Büchlein entziffern könne.

Gretel konnte, denn es war deutsche Kurzschrift, die sie in der Handelsschule in Wien erlernt hatte. Und so wurde sie flugs zum „Intelligence Analyst“ mit eigener Abteilung befördert. Zu einer Zeit, als „Die Vier im Jeep“ gemeinsam durch Wien patrouillierten.

„Geheimdienst ist wie jede andere Arbeit“, sagt sie trocken. „Du musst sorgfältig sein, Informationen sammeln und bewerten. Wien war wirklich eine Spionagehauptstadt.“ Mit Doppelagenten hatte sie ständig zu tun. Und einmal schüttelte sie einen Verfolger ab, indem sie ihren Mantel wendete.

Gretel war keine, die nur am Schreibtischsessel pickte. 1968 war sie in Vietnam in der Kommandozentrale stationiert und geriet nahe Vung Tao in einen Hinterhalt. Durch Schrapnell-Beschuss durch den Vietkong wurde sie schwer verletzt, sie glaubte damals nicht, dass sie überleben würde. Bis heute piepst es wegen der in ihrem Brustkorb verbliebenen Metallteilchen, wenn sie am Flughafen durch den Metalldetektor geht.

So nahe am Tod gewesen zu sein, hat ihre Einstellung verändert: „Ich fürchte mich nicht davor, dass mein Leben langsam zu Ende geht. Ich erwarte noch ein paar gute Jahre, und in die will ich so viel hineinpacken, wie geht.“

1975 schrieb sie am Vietnam-Abschlussbericht mit, danach begann sie im Pentagon zu arbeiten. Dort verfasste sie (damals noch mit der Schreibmaschine) eine vermutlich bis heute gültige Direktive für den Schriftverkehr des Außenministeriums. „Wie man die Bürokratie bedient, wusste ich inzwischen“, meint sie, eine Kopie davon hat sie noch in einer ihrer vielen Laden aufbewahrt.

Gretel ging immer mit der Zeit, schreibt Biografie und Tagebuch inzwischen auf dem Computer, korrespondiert per E-Mail mit Freunden und Verwandten auf der ganzen Welt. Wenn der Drucker nicht gleich pariert, flötet sie ihn an: „Komm, komm!“ Um dann selbstironisch zu ergänzen, dass man meinen könnte, in ihrem fortgeschrittenen Alter sei sie geduldiger geworden: „Bin ich aber nicht!“.

Die Wände ihres Büros zieren Zertifikate, eine kleine Auswahl an Auszeichnungen und Fotos. Als sie im Civil Service pensioniert wurde, „war mir fad. Ich wollte nicht herumliegen. Also habe ich mit 74 die Prüfung gemacht für meine Steuerberatungslizenz.“ In Montross, Virginia, eröffnete sie mit ihrem vierten Mann, der ebenfalls schon pensioniert war, eine Kanzlei mit zuletzt 1000 Klienten.

„Die einzige Ehe, die ich anerkenne“ führte sie mit Jack J. Healy, der aus der vorangegangenen Ehe fünf Kinder mitbrachte (inzwischen ist sie Oma von sechs Enkeln). 1976 stellte ihre eine Freundin den Nachbar im selben Wohnhaus vor. Beinahe ein Jahr lang trafen sich die beiden, um Tennis zu spielen, wobei Sportskanone Gretel meistens siegte. Sie heiratete ihr große Liebe 1977. Die Ehe würde heute noch bestehen, wenn Jack 2011 nicht an Alzheimer gestorben wäre.  

Auch er liebte Wien, „das Bier, das Essen, die Atmosphäre“. Sie kamen jedes Jahr mit zwei Katzen für mehrere Wochen. Als es 2008 zu schwierig wurde zu pendeln, riet ihnen seine Tochter, in Österreich zu bleiben.

Heute holt sie ihren Freund Josef jeden Donnerstag mit dem Auto aus Wien Ottakring ab, um mit ihm das Wochenende in Baden zu verbringen: „Er war mein Freund und Rettungsschirm in der schweren Zeit, als mein Mann so krank war“, erinnert sie sich.

„Mit 88 Jahren begann dann noch einmal eine richtig gute Zeit für mich. Mit Josef kann ich wieder herzlich lachen, wir beide genießen das Zusammensein, ohne uns gegenseitig einzuengen.“  Josef hat ein nicht enden wollendes Repertoire an Wiener Dialektausdrücken und Vokabular, „schmähstad“ wird er wohl nicht so schnell.

Auf die Frage, ob Gretel ihr Leben verfilmen lassen würde, lacht sie auf: „Nein, ich bin viel zu beschäftigt!“

Josef und Gretel

Du bist in Wien aufgewachsen, hast noch einmal vier Jahre in der Stadt für die US-Streitkräfte gearbeitet und warst dann viele Jahre Wien-Touristin und -Pendlerin. Hast du einen Lieblingsort oder hat sich das über die Zeit verändert? Den Stadtpark. Mit dem verbinde ich sehr viele schöne Erinnerungen.

Wo hast du in Wien gelebt? Aufgewachsen bin ich in der Hyegasse 3 im dritten Bezirk. Das Haus steht nicht mehr. Ich habe auch in der Hasenauerstraße gewohnt und hätte beinahe eine Wohnung in der Grinzingerstraße gekauft. Als mein Mann und ich Wien besucht haben, mieteten wir immer für mehrere Wochen eine Wohnung,  erst in der Weihburggasse und dann in der Singerstraße. Wir haben nicht im Hotel gewohnt.

Du überblickst einen langen Zeitraum, beobachtest Wien schon viele Jahre – als Kind, mit den Alliierten und ab dann laufend. Hast du das Gefühl, dass sich Wien verändert oder bleibt es im Kern gleich? Sehr stark. Oft gehe ich in meiner alten Nachbarschaft spazieren, sehe mir die Straßen an, wie sie sich verändert haben. Der Rabenhof wurde gerade gebaut als ich ein Kind war. Ich bin froh, dass ich immer wieder in Wien war. Ich war da, als der ganze Stephansplatz für den U-Bahn-Bau aufgegraben wurde. Ich habe die Veränderungen als Entwicklung gesehen – Wien hat sich für mich nicht plötzlich verändert.

 

Was ist unverändert? Die Ringstraße. Ich kenne die Innenstadt seit ich ein Kind war. Meine Großeltern hatten ein Wollgeschäft in der Rotenturmstraße 20 an der Ecke bei den Kammerspielen.

Empfindest du die Veränderungen durchwegs positiv? Teilweise. In den 1930er-Jahren war Wien grau. Es war kein Geld da, um etwas herzurichten. Die Österreicher waren durch den Ersten Weltkrieg und die Reparationszahlungen verarmt. Inzwischen putzt sich Wien heraus. Es freut mich, dass Wien heute glänzt. Was mich nicht freut, ist, dass mein wunderschöner Prater verunstaltet wird. Ich habe zum Geburtstag eine Fiakerfahrt geschenkt bekommen und war geschockt über das Ausmaß der Verbauung.

Wie hast du es geschafft, Wien als guten Ort in Erinnerung zu behalten. Du wurdest schließlich vertrieben? Die Voreingenommenheit der Menschen, den Antisemitismus, gibt es überall. Ich habe das auch in Amerika gespürt. Aber Wien hat den Prater, das Stadionbad, gutes Essen, den Wienerwald – es ist schön, es ist sauber. Ich habe mich hier als Kind wahnsinnig gut gefühlt, es war für mich ein Paradies.

In New York war ich geschockt von der Schmutzigkeit und der Schlampigkeit der Menschen im Umgang miteinander. Ich habe mich immer nach Wien gesehnt, wo die Kellner zuvorkommend grüßen. Ich habe mich von unten nach oben gearbeitet, habe mich in den USA eingelebt. Ich könnte dort zurechtkommen. Aber der Lebensstil und der Kulturbegriff sind ganz anders. Ich habe immer meine Schallplatten mit Opern und Operetten, mit Melodien, die ich liebe, gehabt.

Als ich in den 1950er-Jahren in Wien war, bin ich fast jeden Abend in eine Oper oder ein Konzert gegangen. Meine Mutter war eine fantastische Musikerin und Sängerin. Ich bin in diesem Milieu aufgewachsen und war glücklich. Ich mache mir jetzt mein eigenes Milieu, sehe mir noch die alten TV-Übertragungen an. Mit den aktuellen Inszenierungen kann ich aber wenig anfangen.

Welche ist deine Lieblingsoperette? Die „Gräfin Mariza“, ich kann jedes Lied auswendig. Überhaupt die Kàlmàn-Stücke. Auch „Viktoria und ihr Husar“ von Paul Abraham. „Die Csardas Fürstin“ ist auch fantastisch. Die habe ich als Kind alle gesehen. Zu meinem 90. Geburtstag habe ich mir eine Gruppe von Musikern eingeladen und mit dem Josef „Ja so ein Teufelsweib“ gesungen und performt.

Was ist dein Rezept für ein langes Leben? Musik, insbesondere das Klavierspiel, und Sport haben mich immer begleitet. Ich habe immer versucht, nicht in die Breite zu wachsen, auf mich geschaut. Und es ist wichtig, einen Freundeskreis zu pflegen, immer im Austausch mit Menschen und ihren Ideen zu sein. Ich habe Menschen, die ich regelmäßig treffe. Wir sind eine „Gang“.

Welche Lokale besuchst du gerne? Josef kocht so gerne. Das ist gut, weil ich es nicht gerne tue. Meine Mutter hat mich immer aus der Küche gejagt und gesagt: „Geh’ Klavier spielen!“ Aber ich gehe gerne ins Café Engländer. Im Café Imperial gibt es die besten Schnitzel! Ich mag die Rote Bar im Hotel Sacher. Und in Ottakring das Grünspan. Gute Steaks gibt es in Baden beim El Gaucho.

Was sind deine Lieblingsgerichte? Palatschinken, Schinkenfleckerl, Gulasch, Linsen mit Knödel und auch klassisch Wiener Schnitzel.

Bist du modebewusst? Ich habe immer versucht mich ordentlich zu kleiden – im Stil sehr konservativ. Bis ich Josef kennengelernt habe, war meine Garderobe grau, schwarz, beige, braun und blau. Jetzt trage ich auch hellere Farben, er findet, die stehen mir besser.

Bist du bei einem Verein? Nein. Aber ich war als Jugendliche bei den Zionisten (Betar), weil man wo dabei sein musste.

Welches Buch liest du aktuell? Ich lese gerade Wittgenstein auf Deutsch und Englisch. Das lese ich zwischendurch seitenweise. Das brauche ich als Stimulans für mein Gehirn. Sonst lese ich täglich Zeitung. „Wiener Zeitung“ und „Kurier“ bekomme ich geliefert und am Computer blättere ich „Wall Street Journal“ und „Washington Times“ durch. Wenn man stehenbleibt, ist man tot.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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