Auf sechs Beinen durch Wien

Berndt Anwander fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Berndt Anwander, geboren 1960 in Bregenz, Beruf Kinoveranstalter und per Eigendefinition „Sechsbeiniger Hund“, wohnt in Wien Donaustadt


Berndt Anwander kennt die Stadt und ihre guten Plätze bis in ihre letzten Winkel. Er kam 1981 nach Wien, war bei der Gebietsbetreuung in einem Architekturbüro als Raumplaner tätig und hatte so von Anfang an die besten Voraussetzungen, in die Stadt einzutauchen.

Zu Beginn arbeitete und plante der gebürtige Vorarlberger im Kalvarienbergviertel. Irgendwann stieß er dort auf ein Gebäude, das ihn inspirierte: ein Supermarkt, in dem sich vormals ein Kino befunden hatte. Das Schicksal vieler kleiner „Lichtspiele“ endete damals in der Umwidmung der Kinosäle in Supermärkte.

Kurzum wurde der Platz vor diesem ehemaligen Kino zum ersten Open-Air-Kino Wiens, ein Zitat, das dem kreativen Raumplaner und Cineasten gefiel. Entgegen aller Widerstände und Unkenrufe war das Interesse groß und die Vorführungen schlugen voll ein.

Dass das Wetter mitspielte, trug damals wie heute zum Erfolg der Vorstellungen bei. „Hätte es geregnet, wäre meine Karriere wohl anders verlaufen“, meint Berndt Anwander im Rückblick.

Ausgehend von der positiven Resonanz wurde in rascher Folge der Verein St. Balbach gegründet und das Projekt expandierte bereits ab dem Folgejahr kontinuierlich. Anfänglich vor allem außerhalb des Gürtels, an Plätzen, die fernab der herkömmlichen kulturellen Infrastruktur liegen, was den Veranstaltern ein großes Anliegen war.

Heute ist St. Balbach Art Produktion ein Verein und eine GmbH, unter deren Dach sich das Volxkino, das Kino am Dach, das Stummfilmfestival „Stumm & laut“ und verschiedene Wanderkinos befinden. Ebenso ist St. Balbach der größte Anbieter des Landes für mobile Open-air-Kinos. Diese sind für Veranstaltungen jeglicher Art in verschiedenen Größen zu mieten. Egal ob private Gartenpartys oder größere Events, die Nachfrage nach Air-Screens steigt.

Zusätzlich angeboten wird vom Zeltaufbau bis zum Catering so gut wie alles, was eine Veranstaltung glücken lässt. Auch Gemeinden außerhalb von Wien oder Veranstalter im Ausland zählt St. Balbach zwischenzeitlich zu ihren Kunden. Besondere logistische Herausforderungen sind Festivals im Ausland oder in den Bundesländern, etwa das La Guarimba Filmfestival in Amantea/Kalabrien oder die Alpinale in Vorarlberg. Da ist der Chef dann schon mal persönlich vor Ort und packt mit an.

Das Volxkino geht heuer in die 28. Saison, das Kino am Dach  der Hauptbücherei gibt es bereits zum 14. Mal. Keine Stadt auf der Welt hat eine so hohe Open-air-Kino-Dichte wie Wien, die Wiener sind wahre Freiluft-Kino-Fans. Ganz neu ist dieses Jahr das Kino im Kammergarten, wo im Innenhof des Belvedere zum barocken Ambiente passende Filme wie etwa Les Adieux à la reine/Leb wohl, meine Königin!, Orlando, Farinelli, La dolce vita, Marie Antoinette und andere wunderbare Kinoklassiker gezeigt werden.

Die Geschichte, wie es zum klingenden Firmenamen St. Balbach Art Produktion kam, erzählt Berndt Anwander gerne, denn sie passt gut ins Bild. Der Verein mietete demnach bald nach seiner Gründung ein Büro, an dessen Eingangstüre noch ein altes Namensschild befestigt war: St. Balbach, wohl für Stefanie Balbach, die bereits verstorbene Vormieterin.

Nach längerer Suche nach einem geeigneten Namen beschloss man, das Unternehmen nach dem Türschild zu benennen und St. Balbach scherzhaft zur Schutzheiligen der Freiluftveranstaltungen zu machen.  

Den Wahlwiener Berndt Anwander umtriebig zu nennen, wäre wohl eine Untertreibung. Er selbst bezeichnet sich als einen sechsbeinigen Hund oder als Schausteller mit Wanderkino. Und er ist Event-Organisator, Buchautor und neuerdings auch Möbelhändler. Er gehöre zu der Spezies, die „immer etwas Neues ausbrüte“, lacht er, während er darüber nachdenkt, was er alles schon gemacht hat in seinem Leben. Der Schalk sitzt ihm im Nacken, die Dinge geht er stets mit der Lockerheit und  dem Humor an, der erfolgreichen Leuten oft eigen ist.

Auf die Frage, ob er immer schon ein Macher war, erinnert er sich besonders gerne an seine Arbeit in einem palästinensischen Kulturzentrum in Ost-Jerusalem. Das damalige Österreichische Kulturministerium finanzierte ein Kulturmanagement-Qualifizierungsprogramm und schickte Berndt Anwander nach Israel/Palästina.

Dort konnte er einmal mehr sein organisatorisches Talent unter Beweis stellen und Ausstellungen, Vernissagen, Filmvorführungen und vieles mehr veranstalten.Weil es so interessant und spannend war, wäre er fast dortgeblieben; am Ende zog es ihn aber doch nach Österreich zurück.

Als richtigen Wiener sieht sich Berndt Anwander allerdings nicht, auch wenn er die Stadt wie seine Westentasche kennt. Neben dem Veranstalten, Organisieren und Projizieren schrieb das Multitalent bereits mehrere Bücher, die meisten im Zusammenhang mit Wien Kellergassen in Österreich, Wiener Museumsführer, Unterirdisches Wien, Sex in Wien, Beisln in Wien usw., viele davon im Falter Verlag.

Vor ein paar Jahren entstand sogar ein Roman in Zusammenarbeit mit seinem Freund Thomas Askan Vierich. In Praterglück  geht es um zwei völlig unterschiedliche Brüder, die einen Würstelstand im Prater übernehmen und allerlei Seltsames dabei erleben. Da sich die beiden so gar nicht mögen, beschließen sie, via E-Mail zu kommunizieren. Das war übrigens auch der Weg, auf dem das Buch entstand: die beiden Autoren mailten ihre ruppigen Dialoge hin und her, heraus kam eine lustig-skurrile Krimi-Groteske mit Lokalkolorit.

Was magst du an deinem Beruf? Abende wie die vor einigen Wochen: Wir hatten in der Steinergasse mitten im 17. Bezirk mit dem Volxkino die Vor-Premiere des Films „Die Migrantigen“. Den Platz haben wir ausgesucht, um die Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere die Jugendlichen, gezielt ins Kino zu bekommen. Das war schon toll, die Kids kamen vom Yppenplatz und überall her und haben es sichtlich genossen.

Anfang Juli eröffneten wir das Kino am Dach, wieder mit diesem Film. Auf den Treppen standen über tausend Menschen, die hinein wollten, das war verrückt. Wir haben ihn dann nochmal aufgeführt, weil am Dach nur 250 Sitzplätze zugelassen sind. Es ist toll, wenn Veranstaltungen so gut ankommen, das bestätigt einen ja auch. Noch dazu waren die Schauspieler und der Regisseur alle drei Mal da und hatten ebenfalls großen Spaß. Die leben den Film richtig, eine tolle junge Truppe. Auch deswegen kommt er so gut an.

Du siehst unzählige Filme im Jahr, hast du einen All-Time-Favourite-Film? „True Romance“ von Tony Scott.

Wo entspannst du dich in deiner raren Freizeit? An der unteren Alten Donau, wo ich wohne. Und ich reise sehr gerne mit meiner Frau.

Wo findest du die nötige Inspiration für deine Projekte? In meinem großen Netzwerk. Die Stadt bietet sehr viele Möglichkeiten, etwas zu machen und auf die Beine zu stellen.

Welches Buch hast du zuletzt gelesen? „Die Terranauten“ von T. C. Boyle

Und welche Musik hörst du? Alles! Na ja, besonders gerne Prince, Tom Waits, Jim Morrison. Dean Martin ist auch einer meiner sentimentalen Lieblinge.

Wo kaufst du gerne ein? Im Urban Speed im 1. Bezirk, ansonsten am liebsten in Neapel.

Welche Lokale besuchst du gerne? Wir gehen gerne zu Hanno Pöschl ins Pöschl. Das Essen im Mochi  ist sehr gut. Und dann natürlich der Reichsapfel am Karmeliterplatz. Ich glaube, ich kenne so gut wie jedes Beisl der Stadt, noch aus der Zeit, als ich den Wiener Beislführer für den Falterverlag geschrieben habe. 

Meine Frau und ich haben eine große Bandbreite und gehen ins Gasthaus „Zum Sieg“, ein Beisl in der unmittelbaren Nachbarschaft in der Leopoldstadt, aber genauso gerne auch mal ins Fabios in den Ersten.

Wohin gehst du gerne auf deinen Absacker? Zu meinem vis á vis Nachbarn, dem Fischfrisör! Früher war dort ein Frisörladen, daraus wurde ein kleines Lokal mit norddeutschen Fischspezialitäten. Es heißt eigentlich Wulfisch und wird von Valerie und Stephan Wulf in hanseatischer Manier geführt. Es gibt Fischbrötchen, Krabben und einfache aber köstliche Fisch-Happen. Da kann es dann schon mal passieren, dass es später wird.

Wie bewegst du dich durch die Stadt? Ich habe ein Faible für zwei Räder und besitze etliche ziemlich unterschiedliche Vehikel: von Vespa über MotoGuzzi bis zu einer Harley Davidson. Und natürlich fahre ich in der Stadt auch Fahrrad. Oft bin ich mit dem umgebauten Land Rover unterwegs, für die Veranstaltungen ist immer viel zu transportieren. Was Motorisierung anbetrifft, bin ich familiär geprägt. Mein Großvater Theodor Anwander hat in Vorarlberg das erste Auto von drei auf vier Räder umgebaut, meine Familie hatte ein Autohaus in Bregenz.

Welchen Wiener findest du cool? Michael Häupl ist cool.

Was willst du Wien ausrichten? Einen schönen Gruß!

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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