Der Haushalt als Black Box

Katharina Mader fotografiert von Pamela Russmann

Name Katharina Mader, geboren 1981, arbeitet als feministische Ökonomin an der WU Wien, wohnt in Wien Donaustadt


Die Ökonomin richtet den Fokus auf die Ungleich-Behandlung von Männern und Frauen. Eine Welterklärungsformel hat sie im Wirtschaftsstudium nicht gefunden. Ihren Studierenden zeigt sie auf, wo Realität und Statistik auseinanderklaffen. Und sie erzählt uns, wie ihr kleiner Sohn mühelos ihre Prioritäten verschiebt.

Katharina Mader gräbt tiefer. Wenn eine anerkannte Wirtschaftsstatistik erscheint, sucht sie darin nach den Spuren von Frauen. Die Volkswirtin arbeitet am „Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie“ der Wirtschaftsuniversität Wien. Die Bezeichnung deutet bereits darauf hin, dass ihr Spezialgebiet nicht zum Mainstream gehört. Für die Hälfte der Bevölkerung ist ihr Forschungsgebiet jedenfalls Realität.

Wenn ein „Haushalt“ statistisch erfasst und mit Einkommen, Vermögen und Erwerbsarbeit verknüpft wird, ist diese etablierte Einheit der Ökonomie bewusst gemittelt und geschlechtslos: „Der Haushalt hat eine Nutzenfunktion und eine Budgetrestriktion. Wir sehen erst einmal nicht, wie er sich zusammensetzt. Wie viele Personen dort leben, und welche Eigenschaften diese haben.“ Katharina Mader knöpft sich dann die nicht publizierten Begleit-Daten vor und rechnet mehr Realität hinein. Mit diesen Zahlen – der Sprache der Ökonomie – kann sie wiederum argumentieren und politische Maßnahmen empfehlen.

Der volkswirtschaftliche Überblick macht Vereinfachung nötig. Aber die Vogelperspektive übersieht Frauen allzu oft. Katharina Mader wird ein bisserl grantig, wenn Adam Smith kritiklos abgefeiert wird. Er hat sein Leben lang bei seiner Mama gewohnt, war unverheiratet und kinderlos. „Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus, aber es ist offenkundig, dass er einige Lebensrealitäten nie kennengelernt hat und daher ignoriert“, betont sie.

Den meisten Professoren heute geht es ähnlich: „Forschung ist nur vermeintlich wertneutral. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man seine gesellschaftliche Einbettung schwer abstreifen kann. Und ich will den Horizont für meine Studierenden erweitern – etwa in Hinblick auf bezahlte und unbezahlte Arbeit.“

Volkswirtschaft hat sie studiert, um die Welt besser zu verstehen. Welterklärungen hat sie nicht gefunden, setzt jetzt aber Studierende über offenkundige Lücken ins Bild: „Wir machen die ‚black box‘ auf und schauen hinein, so gut es geht.“ So hat die Forschungsgruppe an der WU in den vergangenen Jahren Studien veröffentlicht zum Vermögen von Frauen und Männern, den Gender Pay Gap und darüber, wer für welche ökonomischen Entscheidungen im Haushalt zuständig ist.

Aktuell erforscht sie, wer welche Arbeit im Haushalt macht und wie sich das Einkommen darauf auswirkt. Stück für Stück werkt sie so an ihrer Habilitation. Den zweiten Anlauf für ein Frauenvolksbegehren begrüßt Katharina, auch wenn es „tragisch ist, dass 20 Jahre alte Anliegen noch immer aktuell sind.“

Für die Ökonomin könnten die Forderungen sogar „noch linker, herrschafts- und rassismuskritischer sein“. Tatsächlich haben unsere Mütter uns beiden vor zwanzig Jahren das gleiche Mantra mitgegeben: „Du musst finanziell unabhängig sein.“

Seit 2015 ist Katharina Mader selbst Mutter und kennt das Wechselbad von Theorie und Praxis. (Siehe dazu diesen Cartoon im „Guardian“). Den Beigeschmack der Beschreibung „daheim sein“ kann sie nicht leiden. Und sie weiß jetzt aus eigener Erfahrung, dass Mütter nicht alles gleichzeitig haben können, etwa viel Erwerbstätigkeit und viel Zeit mit Kind. Außerdem ist die „Organisation der Vereinbarkeit von Kind und Beruf“ schon eine Management-Aufgabe.

„Ich bin noch viel glaubwürdiger für meine Studierenden geworden. Auf der anderen Seite habe ich zwar das Karenz-Paper meiner Kollegin Helene Dearing vom Institut für Sozialpolitik an der WU gelesen, mich beim Kindergeld dennoch nicht ausgekannt“, lacht sie.

Es ist jedenfalls so, dass 51 Prozent aller Arbeiten in Österreich unbezahlt, aber notwendig für das Funktionieren der Gesellschaft sind. Die Erziehung von Kindern ist aus ökonomischer Perspektive kein Liebesdienst, sondern eine großvolumige Wirtschaftsleistung, quasi die Vorleistung für alle wirtschaftlichen Tätigkeiten von Personen, die sich darum nicht kümmern müssen.

Katharina Mader freut sich, dass eine vor zehn Jahren von ihr bei der Stadt Wien mitentwickelte Kampagne für Gender-Mainstreaming in den Wiener Linien ihrem Zweijährigen Freude bereitet. Am liebsten mag er „Papa mit Kind“ (dazu Christoph & Lollo: Seit ich ein Kind hab’).

Ist Wien eine gute Stadt für Frauen? Ja! In Österreich ist es die beste Stadt für Frauen, weil sie bei der unbezahlten Arbeit besser unterstützt werden, etwa bei der Kinderbetreuung, Alten- und Krankenpflege. Außerdem haben viele öffentliche Institutionen hier ihren Sitz, daher ist es mit der Gehaltstransparenz besser bestellt. Das ist aber auch kein Allheilmittel.

Hast du eine Empfehlung, wie Frauen ihre Situation verbessern können? Leider funktionieren gesellschaftliche Veränderungen kaum durch individuelle Veränderungen. Was aber nicht bedeutet, dass es nicht jede Frau selbst angehen kann. Bei der Umverteilung unbezahlter Arbeit wäre wohl ein kollektiver Mütterstreik gut (lacht). Der Aufruf wäre vielleicht eher: Frauen bleibt solidarisch – noch einmal extra mehr.

Gibt es eine historische Wienerin, die du bewunderst? Käthe Leichter hat in den 1930ern wirklich fortschrittliche und detaillierte Untersuchungen über Industriearbeiterinnen gemacht. Mit Fragen zu (un-)bezahlter Arbeit, Leben und Gesundheit. Sie hat die Frauenabteilung der Arbeiterkammer gegründet und war im NS-Widerstand.

Was ist denn dein liebstes Wiener Wort? Mein Sohn sagt „eh cool“ und „Oida“ – das ist wohl ein Indiz dafür, dass ich diese Worte oft sage.

Hast du einen Lieblingsort in Wien? Wie in meiner eigenen Kindheit bin ich jetzt auch mit meinem Sohn am Mühlwasser und in der Lobau. Zum Nachdenken gehe ich vom WU Campus in den Prater.

Was gibt es nur in Wien? Ich bin in der Donaustadt aufgewachsen, habe dann beim Prater gewohnt und bin jetzt wieder in der Donaustadt. Wie schnell man in die Stadt rein und raus kommt mit der U-Bahn ist einfach super. Und hier passen Gegensätze zusammen, wie der moderne WU Campus und die selbstverwalteten Gemüseparzellen.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? Dazu komme ich kaum. Ich will Wonder Woman sehen. Muss mir gleich einen Babysitter organisieren.

Was läuft auf deiner Playlist? Für meinen Sohn nur Kinderlieder mit Fröschen und Krokodilen. Wenn ich selber entscheiden darf: Songs der 1990er-Jahre. Meine Lieblingslieder taugen zum Soundtrack für meine Forschung, fällt mir gerade auf: „Mother“ von Pink Floyd und „Better Man“ von Pearl Jam.

Wo feierst du mit deiner Familie? Im Garten meiner Eltern.

Hast du ein Lieblingsgeschäft? Die „Spielzeugschachtel“ hinter dem Kaufhaus Steffl ist wundervoll und hat auch eine gut sortierte Buchabteilung im Untergeschoß. 

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Ich bin Mitglied des Beirats für gesellschafts-, wirtschafts- und umweltpolitische Alternativen (Beigewum). Wir bemühen uns darum, ökonomische Forschung alltagstauglich zu übersetzen.

Was kannst du als Einführungslektüre in dein Forschungsthema empfehlen? Das Karenz-Paper von Helene Dearing und natürlich die „Mythen-Reihe“ des Beigewum über Ökonomie, Krise, Sparen und Reichtum. 

Was möchtest du Wien ausrichten? Oder den WienerInnen? Feminismus tut nicht weh!

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
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Pamela Russmann
Pamela Russmann ist gebürtige Steirerin, die ihre Leidenschaft für Fotografie zum Beruf gemacht hat. Ihre Inspiration ist das tägliche Leben, ihr Umfeld, ihr Wien.

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