DIE KRAFT DES ALTERS

Aus der Serie DRIFTING IDENTITY von Regina Hügli

Kein Lebensabschnitt ist in unserer Gesellschaft mit derart kontroversiellen Zuschreibungen besetzt wie das Alter. Während einerseits die Werbeindustrie neue verheißungsvolle Begriffe wie Woopies, Best Agers oder Medioren für die anwachsende Käuferschicht jenseits der 65 findet, sind Personen schon ab 50 auf dem Arbeitsmarktnicht mehr vermittelbar.

Die Filmindustrie zeigt uns rüstige Junggebliebene, die Kosmetikindustrie unterstützt den vorherrschenden Jugendkult mit Anti-Aging-Produkten.

KünstlerInnen haben in diesem Diskurs rund um das Alter oft Gegenentwürfe zum gängigen Modell. In dieser Ausstellung werden zahlreiche historische und zeitgenössische künstlerische Zugänge rund um das Thema Alter gezeigt.

Joyce Tenneson, Christine Lee, 2002© Joyce Tenneson

Man müsse schon sehr lange leben, „um jung zu werden”, meinte Pablo Picasso, der in seinen letzten beiden Lebensjahren an die 200 Werke schuf und mit 91 Jahren starb. Picasso ist nur einer von 108 Künstlerinnen und Künstlern, deren insgesamt 188 Werke in der aktuellen Ausstellung des Belvedere zu sehen sind.

Sie alle stellen sich den drängenden Fragen, die das Alter(n) in unserer Gesellschaft aufwirft. Denn Alter ist nicht nur ein biologischer Prozess, sondern auch eine kulturelle Konstruktion. Es wird gegenwärtig nicht als natürlicher Lebensabschnitt wie Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter erfasst.

Begriffe wie „ Anti-Aging“ beschreiben das Altern als etwas Pathologisches, das therapiert werden muss. Im aktuell vorherrschenden, defizitären Altersmodell werden alte Menschen weitgehend marginalisiert. Dabei trifft das „Doing-aging“ Frauen ungleich härter als Männer. Gemäß einem seit Jahrhunderten gültigen Schönheitsideal werden sie immer noch vorrangig nach ihrer Jugendlichkeit beurteilt, schneller als alt wahrgenommen und früher aus der öffentlichen Wahrnehmung gefiltert.

Gustav Klimt, Alter Mann auf dem Totenbett, 1899, © Belvedere

Die Zukunftsforschung entwickelt längst eine neue Sicht auf das Alter. Statt die „Vergreisung“ der Gesellschaft zu beklagen, fordert sie eine Neudefinition der Lebensphasen und eine „Altersbejahung“, die die Vorteile der zunehmenden Lebenserwartung aufzeigt. Ebenso haben Kunstschaffende eine alternative Sicht auf den letzten Lebensabschnitt und illustrieren, dass Alter tatsächlich auch für Erfahrung, Lebensweisheit, Macht,Kontemplation, Würde, Lebenslust, Triumph über gesellschaftliche Konventionen und Produktivität steht.

So entwickelte Maria Lassnig ihre Malerei bis zu ihrem Tod im Alter von 95 Jahren beständig weiter und KünstlerInnen wie Arnulf Rainer, Daniel Spoerri, Joan Semmel oder Margot Pilz sind jenseits der Achtzig ungebrochen produktiv.

Kuratorin Sabine Fellner hat die Ausstellung wunderbar konzipiert. Gleich eingangs zieht den Besucher ein Video des oberösterreichischen Künstlers Edgar Honetschläger in den Bann. Zu sehen ist ein filmisches Dokument einer guten Nachbarschaft. Honetschläger zog als Student in den 3. Bezirk, wo bald eine Freundschaft zu seiner älteren Nachbarin, von ihm liebevoll „Omsch“ genannt, begann. Der Film zeigt eine einfache Frau mit großer Lebenserfahrung  beim humorvollen und reflektieren Altern. 

Ein Stück weiter wartet mit dem Video Loveage  von Carola Dertnig die nächste filmische Perle Sie zeigt auf ergreifende Weise ihre 86 jährige Großmutter, wie diese (des Nachts) noch immer von der Liebe mit einem feschen Mann träumt und ihre Nachmittage bei Soaps wie "Reich und schön" vor dem TV-Gerät verbringt.

Barbara Klemm, Simone de Beauvoir, Paris 1980

Eine selten zuvor gesehene Vielfalt hat mit dieser Ausstellung bis März 2018 Einzug in die Räumlichkeiten des unteren Belvedere gehalten. Da wären etwa Pablo Picasso, Egon Schiele, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka oder Käthe Kollwitz, um nur ein paar Vertreter der malenden Zunft zu nennen.

Von den Fotografen sind keine Geringeren als Annie Leibovitz, Martin Parr, Jeff Wall, Franz Hubmann oder Sepp Dreissinger mit Themen rund um das Alter Vertreten.

Eine besonders schöne Serie hat die in Wien lebende Schweizer Fotografin Regina Hügli geschaffen. Sie hat mit Unterstützung der Caritas Socialis über einen längeren Zeitraum an Demenz erkrankte Menschen porträtiert.

In vielen Arbeiten der Ausstellung wird der Verfall, der Alterungsprozess des menschlichen Körpers gezeigt, Hügli hingegen suchte die Essenz einer Persönlichkeit, wenn deren eigene Erinnerungen verloren gehen (siehe Beitragsbild ganz oben).

© Johannes Stoll/Belvedere

© Johannes Stoll/Belvedere

Martha Wilson, The Legs Are the Last to Go, 2009, © Vince Bruns

Im Dezember findet eine Reihe von Filmvorführungen statt, besonders empfohlen sei am 7. Februar 2018 „Giulias Verschwinden“, ein Film von Christoph Schaub nach dem Drehbuch des Schweizer Schriftstellers Martin Suter:  Auf dem Weg zu ihrer 50. Geburtstagsfeier bemerkt Giulia, dass sie von ihren Mitmenschen nicht mehr wahr genommen wird. Die Handlung nimmt ihren Lauf, als sie ihre Route ändert und auf John, wunderbar ausgeglichen verkörpert von Bruno Ganz, trifft.

 

DIE KRAFT DES ALTERS
vom 17. November 2017 bis 4. März 2018 im Unteren Belvedere


Belvedere
Prinz Eugen-Straße 2
1030 Wien

Täglich 10 bis 18 Uhr
Freitag 10 bis 21 Uhr
www.belvedere.at

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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