Mittelfristig bin ich Optimist

Werner Boote fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Werner Boote, geboren 1965 in Wien, aufgewachsen in Wien und Perchtoldsdorf, hat in Amsterdam gelebt. Wohnt seit 2001 wieder in Wien Landstraße.
Bekannt als Dokumentarfilm-Regisseur, wo er stellvertretend für das Publikum Fragen stellt.


Werner Boote ist gerade viel unterwegs, um „Die grüne Lüge“ weltweit zu verbreiten. Welche Kreise sein vierter Dokumentarfilm über die vermeintliche Macht des Einzelnen durch Konsum ziehen wird, kann er noch nicht absehen. Sicher ist, sein Dokumentarfilm "Plastic Planet" aus 2010 hat in den vergangenen acht Jahren viele Menschen ins Handeln gebracht.

Er bekommt heute noch unzählige Zuschriften pro Woche, weil der Film jemanden inspiriert hat. Es gibt Möglichkeiten die Macht der Konzerne zu brechen, oder für Umwelt und Menschenrechte aktiv zu werden. Werner Boote freut sich, aber er hat keine Mission. „Für mich fängt jeder Film damit an, dass ich mir denke: Do hot’s wos!“. Film ist sein Mittel, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Film verbindet Wissensvermittlung, Emotion und optische Erlebnisse. Und er erreicht mit seinen Dokumentarfilmen eine breite Öffentlichkeit (siehe Filmaustria).

Mit 16 Jahren hatte Werner seinen ersten Ferialjob beim ORF. Angefangen hat er damals als Einklatscher in der Vico Torriani- und der Peter Rapp-Show. Er ist gleichsam vom Kabelhalter beim Club 2 zum Gast im Club 2 geworden.

Als Kabelhalter stand Werner immer sehr dicht an der Kamera und erhaschte so jenen vielfältigen Blick auf Menschen, der letztlich entscheidend für seine Karriere war: Die Menschen vor der Kamera, die man im Fernsehen sieht, das eigene Bild, das man sich von ihnen macht, der Blick hinter die Kulissen, das Bild, das sich die Kamera von ihnen macht.

Er arbeitete sich voran, war Regieassistent bekannter heimischer Regisseure und führte erfolgreich im Ausland Regie. Etwa bei TV-Produktionen, Musikvideos und Opernfilmen (z.B. über die Sänger Kurt Rydl und Andrea Bocelli, „Parsifal“, den „Fliegenden Holländer“ oder „Mythos Ring“). Er hat aber auch schon in der Sahara für den Film „Die zehn Gebote „Schlacht-Anweisungen“ für 28.000 Komparsen (!) gegeben. Das wird noch wichtig. Der Chef einer amerikanischen Produktionsfirma beauftragte Spielfilmautoren mit verschiedenen Drehbüchern, die Werner Boote umsetzen sollte.

Der Regisseur entschied sich für den US-Katastrophenfilm, doch die Katastrophe wurde abgesagt. Dieses Missgeschick führte letztlich zu ‚Plastic Planet’: „Es war alles geklärt, aber durch eine massive Dollarabwertung platzte das Budget und das fix zugesagte Projekt kam nicht zustande. Ich stand ohne Job und Einkommen da, hatte aber durch einen Zufall Aufnahmen vom Drehort von ‚Lawrence of Arabia’ in der Sahara, der komplett von Plastik zugemüllt war“. Er fand einen Produzenten für die Idee und bekam Filmförderung für seinen Plan B zugesprochen.

Werner Boote ist nicht nur Regisseur, sondern immer auch Protagonist seiner Dokumentarfilme. Was heute sein Markenzeichen ist, passierte ihm erstmals aus dramaturgischer Not: „Das hat mir die Augen geöffnet und mich gelehrt, mehr zu riskieren und persönliche Geschichten zu erzählen. Auch ein Dokumentarfilm ist nie objektiv, sondern persönlich gefärbt. Ich stehe dazu“, erklärt der Filmemacher. "Plastic Planet" beginnt mit seinem Opa, der in der Plastikindustrie gearbeitet hat. Und mit Werners Bluttest, der Plastik-Abbauprodukte nachwies.

Indem er bei sich ans Eingemachte geht, zeigt er, dass auch weltweite Zusammenhänge uns immer direkt angehen: „Ich mache Filme zu Themen, auf die ich aufmerksam werde. Ich bin neugierig und will erfahren wo der Schuh drückt, wieso etwas ungerecht ist, wie man es besser machen kann.“ Das Ergebnis kann dabei anders sein, als ursprünglich gedacht.

Bei „The Green Lie“ hatte Produzent Markus Pauser urprünglich die Idee, dass es nicht nur böse Konzerne geben kann. Es müsste auch welche geben, die sich bemühen. Leider wurden viele grüne Mäntelchen gebügelt und die Strapazierfähigkeit von erfundenen Umweltsiegeln oder Nachhaltigkeitsprogrammen offenkundig.

Werners Conclusio: „Es stellt sich heraus, dass Konzerne uns die Verantwortung in die Schuhe schieben für die Vernichtung der Natur und die Verletzung der Menschenrechte durch unsere Produktwahl. Die Verantwortung muss dorthin, wo sie hingehört. Das System muss so geändert werden, dass Umwelt und Menschenrechte nicht der Macht von Konzernen und ihrem Profit untergeordnet werden“.

Das Rechercheteam ändert sich je nach Thema. Das vierköpfige Drehteam, inzwischen alle enge Freunde, mit denen er um die Welt reist, bleibt stabil: „Es müssen gute Leute sein, sie müssen aber auch harmonieren und die Stimmung muss passen“. Wie wichtig das ist, erfuhr Werner bei einem früheren Dreh in einem umgebauten Gefängnis in Tiksi am Nordpol, bei Minus 48 Grad und Schneesturm. Aber das ist eine andere Geschichte.

Inzwischen hat er ein bewährtes Team mit den Kameramännern Dominik Spritzendorfer und Mario Hötschl, Tonmann Andreas Hamza und einem Produktionsleiter. Eine reine Männerrunde, zuletzt bereichert um Kathrin Hartmann (Autorin von "Das Ende der Märchenstunde“). Die saß übrigens im Jahr 2011 in der gleichen Club 2-Runde wie Werner Boote, das Thema damals: „Kann man umweltfreundlich leben?“ Drehbeginn für „Die grüne Lüge“ war im November 2015, mit Cutter Gernot Grassl wurde der Dokumentarfilm für Februar 2018 fertig gestellt.

Wichtig ist Werner Boote, dass die Interviewpartner ihm vor der Kamera wirklich zum ersten Mal begegnen. Seine Interviewtechnik beschreibt er als „naiv bis begriffsstutzig, weil das Gegenüber so auf den Punkt kommen muss. Ich will überzeugt werden“. Zudem holt er so sein Publikum nach dem Motto ab: Der weiß noch weniger als ich. „Je mehr ich die Hosen herunterlasse, desto besser komme ich zur zentralen Botschaft des Films“, beschreibt der Regisseur. Natürlich wird diese Naivität gut vorbereitet. Teilweise muss die Bild- und Tonjagd wie ein Cobra-Einsatz geplant werden.

Aus seinen Filmen hat Werner Boote viel gelernt und auch Lebensqualität gewonnen. Er trennt Berufs- von Privatleben, hat weder Bankomat- noch Kreditkarte, kauft nichts online, trinkt Leitungswasser, vermeidet Plastik und damit gesundheitsgefährdende Stoffe: „Kurzfristig bin ich sehr pessimistisch, wie sich die Welt entwickelt, aber mittelfristig bin ich ein Optimist“.

Auch Noam Chomsky sagt in „The Green Lie“, dass die Menschheit schon Einiges erreicht hat. Sklaverei wurde abgeschafft, Gleichberechtigung angefangen, Kindersterblichkeit und extreme Armut sind gesunken. Es ist etwas im Gange. 2009 wurden im Supermarkt noch Gratissackerl verteilt, heute werden auf EU-Ebene Plastikverbote diskutiert.: „Mein Fehler bei Plastic Planet war, dass ich gedacht habe: Wir erreichen etwas durch Konsumboykott. Ich weiß jetzt, dass die Diskussion eine breite Öffentlichkeit erreichen muss und so Druck aufgebaut für Gesetzesänderungen. Für eine Neudefinition unseres globalen demokratischen Systems. Natürlich finde ich meinen Film super, aber das Thema ist auch weltweit virulent.“

Die erste grüne Lüge des Films war übrigens, dass jemand dem Filmemacher anbot, für 3000 Euro den Film als CO2-neutral zu zertifzieren. Momentan hat Werner Boote vier Filme drehfertig und kann sich noch nicht entscheiden. Schließlich wird ihn die Wahl jahrelang beschäftigen. So wie ihn "Plastic Planet" nun schon 20 Jahre beschäftigt und er sich dafür verantwortlich fühlt.

Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.
Victor Hugo (franz. Schriftsteller, * 1802 in Besancon, † 1855 in Paris)

Du kommst viel herum und hast wohl den Vergleich: Was gibt es nur hier? Wien ist – ohne dass ich es begründen kann – der beste Platz zum Leben. Es ist alles zusammen. So wie in Wien kann man nirgendwo auf der Welt leben. Ich denke mir das oft, wenn ich Leitungswasser trinke, wenn ich durch die Stadt radle, über den Karlsplatz, über den Graben, durch den Stadtpark, am Naschmarkt zu Mittag esse, ins Cafe Prückel oder ins Café Benedikt gehe.

Was ist dein Lieblingsort hier? Der Stadtpark.

Wo entspannst du? Auf dem Fahrradweg. Ich fahre auch nachts herum, will unterwegs sein und denke nach.

Dein Wiener Lieblingswort? blunz’ndeppert!

Dein Lieblingswiener? Falco hat mir imponiert. Ich habe ihn live gesehen in Simmering mit der Hallucination Company, als er erstmals den „Kommissar“ live gesungen hat. Und ich war bei seinem schlechtesten Videodreh dabei, mit Brigitte Nielsen für „Charisma Kommando“.

Ein Buchtipp? Ganz klar von Kathrin Hartmann „Die grüne Lüge“ und von Noam Chomsky „Wer beherrscht die Welt“

Was läuft auf deiner Playlist aktuell am meisten? Ich höre Musik auf Reisen mit Kopfhörer, beim Fliegen hat man ja viel Zeit. Fat Freddy’s Drop,  WDNG CRSHRS , Wu Tang Clan, Drake.  Und ich bin ein alter „The Clash“-Fan!

Was willst du Wien ausrichten? Das Projekt am Heumarkt soll verhindert werden. Und die Menschen sollten wieder freundlicher und verständnisvoller miteinander umgehen.

 

 

 

 

 

 

www.wernerboote.com

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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