Der Reigen

© Philine Hofmann

Ein kurzes Vorwort zum Original


Im Jahr 1920 gelang es Arthur Schnitzler, einen handfesten Theaterskandal zu produzieren. In zehn erotischen Dialogen schildert er die „unerbittliche Mechanik des Beischlafs“, welche freilich im Stück selbst nicht gezeigt wurde.

Vielmehr thematisiert er Macht, Verführung, Enttäuschung, Sehnsucht und die Suche nach Liebe. Sein Reigen bewegt sich durch alle Schichten der Gesellschaft, beginnend mit der Dirne, die sich mit dem Soldaten unter der Brücke einlässt, über das Stubenmädchen, die junge Frau, das süße Mädel und die Schauspielerin. Am Ende gelangt er wieder bei der Dirne an und der Kreis schließt sich.

Die männlichen Protagonisten rangieren von Soldat bis Junger Herr, von Gatte über Dichter bis zum Grafen. Der Theaterkritiker Georg Hensel bezeichnete Schnitzlers Dialoge als „zehn Triumphe des Sexus, vor dem es keine Standesunterschiede gibt: ein Ringelspiel der Amouren, die auch ihre Köstlichkeiten haben, ein Karussell der flüchtigen Umarmungen, ein Tanz mit den immer währenden drei Schritten: Gier, Genuss und Kälte – ein Totentanz des Eros.“ Hugo von Hofmannsthal schrieb ihm in einem Brief:„..denn schließlich ist es Ihr bestes Buch, Sie Schmutzfink!“

Zu welchen Äußerungen hätten sich Schnitzlers Zeitgenossen zur Inszenierung im Bronski & Grünberg hinreissen lassen? 2019  wagte man hier ein Experiment mit vielen Köchen und Zutaten, genauer gesagt mit 10 Regisseuren. Jede der 10 Szenen aus Schnitzlers Reigen wird in einer anderen Zeit, mit einer anderen Überschrift (Die Erfindung der Pille, Freddie Mercury’s Todestag, Sex and the City, Kellogs, erster VHS-Porno etc.) inszeniert. Am Ende ergibt sich ein neuer Reigen, der unter der Haupt-Regie von Ruth Brauer-Kvam zusammengefügt wird.

Das hier selbstgewählte Chaos ermöglicht verschiedene Blickwinkel auf Sexualität, Beziehung, Geschlechter und Klassen. Wie haben sich Sexualität, der Begriff „Beziehung“ und die Auffassung von Freiheit im Laufe der Zeit verändert? Haben sie sich überhaupt verändert oder ist am Ende trotz #meetoo, Tinder, Trump, Youporn und hunderttausenden Romantik-Komödien aus Hollywood doch alles gleich geblieben?

Sind wir in einer Welt der vermeintlichen Freiheit nicht prüder und gefangener als je zuvor? Die Dirne wirkt als Rahmen und roter Faden zugleich und führt das Publikum durch diese Zeit- und Gedankenreise.

Die Szenen im kleinen Theater sind raffiniert aneinander gereiht, eine Figur reicht am Ende der Szene einer nächsten die Hand und hilft so beim Weiterspinnen des Reigens. Zur Schau gestellt werden jedesmal aufs Neue die fundamentalsten menschlichen Bedürfnisse quer durch alle Schichten.

Auf der Bühne geht es heiß her, das Ensemble spielt sich großartig in Rage. Es wird viel geschwitzt, was vielleicht nicht nur den warmen Scheinwerfern geschuldet ist. Schließlich geht es vorwiegend um Kopulation, das kann schon mal anstrengend werden. Ins Schwitzen könnte auch das Publikum kommen, als während der gesamten Pornodreh – Szene ein dem Darsteller angeklebter, überdimensionaler Penis hautnah vorgeführt und malträtiert wird. Das schockt wohl heute - anders als es 1920 gewesen wäre -  keinen mehr. Vielleicht wäre das jedoch sogar für Schnitzler zu viel des Guten gewesen.

Der verhängte übrigens nach dem berühmten "Reigen-Prozess" bis ins Jahr 1982 ein Aufführungsverbot für sein Stück.

REGIE: Ruth Brauer-Kvam, Dominic Oley, Johanna Mertinz, Dominic Marcus Singer, Helena Scheuba, David Schalko, Fabian Alder, Julia Edtmeier, Kaja Dymnicki, Laura Buczynski

Mit: Florian Stohr, Gerald Votava, Karoline Kucera, Josef Ellers, Agnes Hausmann, Claudius von Stolzmann, Julia Edtmeier, Marius Zernatto, Aleksandra Corovic, Florian Carove


Das Bronski & Grünberg Theater

Müllnergasse 2
1090 Wien

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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