Bruno Gironcoli

Bruno Gironcoli: Entwurf Blauer Fluschihund, 1989-1991

IN DER ARBEIT SCHÜCHTERN BLEIBEN


Bruno Gironcoli (* 1936 in Villach; † 2010 in Wien) gehört zu den eigenwilligsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Einem breiteren Publikum ist er vor allem durch seine ab Mitte der 1980er-Jahre ausgestellten Großplastiken bekannt, mit denen er eine radikal eigenständige Perspektive verfolgte. Weniger bekannt ist, dass Gironcolis bildhauerische Praxis von einer kontinuierlichen grafischen Produktion begleitet war.

Die großformatigen Blätter, die im Laufe der Jahre zunehmend malerischer werden, sind mehr als bloße Skizzen für die Bildhauerei. Dort animiert er sein eigenes bildhauerisches Werk: Losgelöst von realen Größenverhältnissen, physikalischen Zwängen und körperlichen Grenzen gehen schablonenhafte Figuren, Tiere, Symbole und Apparaturen hypothetische Verbindungen ein, fügen sich zu fantastisch- surrealen Gebilden und Szenen.

Bereits vor dem Betreten des Ausstellungsraums begegnen wir einigen Werken von Bruno Gironcoli: An dem weißen Kubus im Foyer des mumok sind reliefartige Objekte Ohne Titel angebracht, die wie riesige Edelweißblüten aus Metall aussehen. Auch die Skulptur vor der Eingangstür des Museums ist über und über mit diesen Blüten besetzt. Ihre Silber- und Goldfärbung lässt sie einerseits kostbar, andererseits wie triviale Dekorationselemente aus einer kitschigen Alpenwerbung erscheinen.

Als klischeehaftes Österreichmotiv besetzen sie den weißen Kubus und brechen die Behauptung von Neutralität, die mit der Vorstellung eines idealen Museumsraums traditionell verbunden ist.

Bruno Gironcoli, Die misslungene Zimmerwolke, 1970

Gironcolis Papierarbeiten sind buchstäblich „Flächen von Überlegungen“ (Gironcoli), in denen bildhauerische Möglichkeiten durchgespielt werden, die der Realraum versagt. Die groß angelegte Retrospektive Bruno Gironcoli. In der Arbeit schüchtern bleiben stellt erstmals den Maler und Zeichner Gironcoli in den Mittelpunkt.

Papierarbeiten von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre treten in einen Dialog mit herausragenden Beispielen der Drahtplastiken, Polyesterobjekte, Installationen und Monumentalskulpturen. Im Zwiegespräch erschließen sie neue Perspektiven auch auf Gironcolis bildhauerisches Werk.

In der Konfrontation von grafischem und plastischem Werk zeigt sich, dass Gironcoli seine Konzeption von Bildhauerei – von Dinglichkeit und Materialität – entscheidend auf Papier verhandelt: Er reflektiert dort beispielsweise die Eigenschaften von unterschiedlichen Aggregatzuständen und Werkstoffen oder auch das Verhältnis von gleichen und ungleichen Körpern zueinander sowie zum umgebenden Raum.

Bruno Gironcoli, ohne Titel

Seine Arbeiten auf Papier werden im Laufe seiner künstlerischen Karriere immer freier und scheinen sich damit vom bildhauerischen Werk zu entfernen. Insbesondere ab den 1980er-Jahren setzen sich kräftige Farben wie Pink, Violett oder Türkis zunehmend über grafische Begrenzungen hinweg.

Der exzessive Einsatz der Malmittel – etwa der fast flüssig erscheinenden Metallfarben – verleiht den Großformaten selbst eine plastische Anmutung. Doch bleiben Skulptur und Grafik einander auch im Spätwerk eng verbunden: In beiden Disziplinen beschäftigen Gironcoli Fragen des Anhäufens und Schichtens; in beiden bedient er sich einer bewusst manieristischen Formen- und Materialsprache.

Die Themen Bruno Gironcolis nehmen auf visionäre Weise die Problemstellungen des 21. Jahrhunderts vorweg: das Verhältnis von Natur und Technik; individuelle und gesellschaftliche Zwänge (in Sexualität, Politik und Religion); die fetischhafte Aufladung von Dingen und Waren; die Verführung durch Oberflächen usw. Die Ausstellung zeigt auf, dass Gironcolis Werk nicht nur im Kontext der österreichischen und internationalen Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wegweisende Position besetzt, sondern auch in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche und künstlerische Entwicklungen bemerkenswerte Anschlussmöglichkeiten bietet.

Ausstellungsansichten

Seine Figuren und Dinge muten wie arretiert an, wie stillgestellt oder hängen geblieben und zu formelhaften Ketten verknüpft. Erst in der Wiederholung kommt Bewegung in das fixe Figuren- und Dingrepertoire, das sich aus seiner Verkettung zwar nicht befreien, jedoch – von Bild zu Bild zu Bild – jeweils neue Allianzen eingehen kann. Immer wieder und in unterschiedlichen Kombinationen tauchen kauernde Männer, Hunde und Affen, Totenschädel, Ähren und Glühbirnen, die Madonna, Hakenkreuze und Herzen, Toilettenschüsseln, Kehrschaufeln und Kämme auf: dem Alltag entnommene Versatzstücke, die sich als zeichenhafte Requisiten über Gironcolis Bühnen der Überlegungen verteilen.

Kuratorin: Manuela Ammer


BRUNO GIRONCOLI. IN DER ARBEIT SCHÜCHTERN BLEIBEN

vom 3. Februar bis 27. Mai 2018 

mumok
Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Museumsplatz 1
1070 Wien

Öffnungszeiten:
Montag: 14:00–19:00
Dienstag bis Sonntag: 10:00–19:00 
Donnerstag: 10:00–21:00

www.mumok.at

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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