Carol Reed oder Was ist ein McGuffin?

© Marcella Ruiz Cruz

Nach über vier Jahren inszeniert René Pollesch wieder am Burgtheater. Wer seine Arbeit kennt, ahnt es schon: das wird interessant, denn seine Stücke formen sich bekanntlich aus den Proben heraus. Und weil das diesmal mit dem Proben-Timing am Akademietheater nicht so ganz geklappt hat, wurde die Uraufführung von Carol Reed kurzerhand um einen Tag verschoben. Das bescherte spontanen und flexiblen Theaterbesuchern am Vorabend eine beschwingte Voraufführung.


Birgit Minichmayr bekommt eine Rolle auf den Leib geschneidert und bringt mit ihrer Darstellung einer etwas naiven Dramaqueen ein ums andere Mal das Publikum zum Lachen. Mit Prinzessinen-Diadem am Kopf stolpert sie über ihr rosa Kleid und kann und will nicht glauben, dass das Bühnenbild in ihrem Theater gestohlen wurde. „Wer macht denn sowas?“ wiederholt sie immer wieder fassungslos. Auch die anderen Schauspielkollegen (Irina Sulaver und Tino Hillebrand) sind höchst irritiert, denn jemand hat das Bühnenbild einfach mitgenommen.

Martin Wuttke kann es ebenfalls nicht fassen, er ist ohne Plan. Zwischendurch spricht er schon mal mit den Scheinwerfern und wirkt irgendwie ganz schön verloren. Vielleicht trägt dazu auch ein wenig seine Textunsicherheit bei, die Texte werden vom Regisseur bis zuletzt immer wieder umgeschrieben.

Marcella Ruit Cruz

Was die sonst unauffällig im Hintergrund wirkende Souffleuse Sybille Fuchs auf den Plan ruft: Im eleganten Smoking heftet sie sich diesmal Schritt auf Tritt an das spielende Grüppchen. Vor allem Martin Wuttke scheint ganz froh über ihre Nähe zu sein und wirft ab und an verstohlen einen Blick ins Manuskript. Was man ihm keinesfalls nachtragen möchte, schließlich gehört auch das zum Konzept von René Pollesch.

Die Bühne besteht einerseits aus dem besagten Nichts, dennoch spielt es sich mächtig ab dort. Die riesigen Beleuchtungsbrücken mit einem guten Dutzend Scheinwerfern werden ohne Unterbrechung von der Decker herunter bis zum Boden abgesenkt und wieder hochgezogen, was eine interessante Dynamik entstehen lässt. Auch damit müssen die Schauspieler leben: die Technik hat sich verselbstständigt und keiner kann etwas tun dagegen.  Daher wird einfach kreuz und quer durch die Zentner schweren Scheinwerfer hindurch geschritten und gespielt.

Aufwändiger als das Bühnenbild sind die Kostüme von Tabea Braun: Sie steckt die Damen anfänglich in rosa Tüllkleider, lässt die Darsteller dann den intergalaktisch großen Joint in orangen Raumanzügen rauchen, welchen sie am Ende in greller Pailletten-Kluft entsteigen. Wunderbar und konterkarierend zum kahlen „Bühnenbild“, das eigentlich ja keines ist. Oder doch?

© Marcella Ruit Cruz

Und um was geht es eigentlich? So richtig kommt man nicht dahinter, die Dialoge vom Verlust der Inspiration, vom Nichts, „das man ja auch spielen können müsse“, verlaufen und wiederholen sich, führen sich ad absurdum. Man bleibt trotzdem gerne dabei, die Sätze sind auf wundersame Weise so perfekt aneinander gereiht, dass auch die Bedeutungslosigkeit sich schön anhört.

Wenn der letzte Vorhang gefallen ist, bleibt schlicht und einfach gute Laune. Auch wenn man irgendwie nicht das Gefühl hat, das Stück vollinhaltlich erfasst zu haben. Denn es bleiben einige Fragen offen. Eine davon wäre: Wer ist eigentlich dieser „McGuffin“, von dem Wuttke immer wieder spricht?

Da hilft nur Wikipedia:  McGuffin ist ein von Alfred Hitchcock geprägter Begriff für mehr oder weniger beliebige Objekte oder Personen, die in einem Film meist dazu dienen, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein.


ab 29.April im

Akademietheater
Lisztstraße 1
1010 Wien

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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