Humor ist eine Weltanschauung

Christoph Sieber fotografiert von Stefan Knittel

Name Christoph Sieber, geboren in Balingen (D), ist Kabarettist, wohnt in Köln und war vor Kurzem zu Besuch in Wien


Wir holen Christoph Sieber wenige Stunden vor seinem Auftritt im Foyer des Wiener Stadtsaals ab. Er hat gerade erfahren, dass seine Sendung abends live auf Ö1 ausgestrahlt wird. Aus der Ruhe bringt das den Bühnen-Routinier nicht.

„Ah, ok, ja, na sagt mir ja keiner, ne? “, meint er dazu nur lakonisch. Die Jungs von Licht und Ton müssen sich noch ein wenig gedulden mit dem Soundcheck, erst geht es jetzt mal zum Interview. „Geht sich alles locker aus“, meint der Mann, der bei der bekannten politischen Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ (jetzt: Die Anstalt) mitwirkte. Seit 2015 bringt er mit seiner eigenen Late-Night-Show Mann, Sieber auf ZDF gemeinsam mit Tobias Mann ein Millionenpublikum zum Lachen und Nachdenken.

Auf dem Weg ins nahe gelegene Café Jelinek sind auf der vorweihnachtlichen Mariahilfer Straße ein paar Zwischenstopps für den Fotografen einzulegen. Sieber lässt sie völlig gelassen und unbeeindruckt über sich ergehen. Wer einen hibbeligen, nervösen Kabarettisten mit Lampenfieber und Zeitdruck erwartet hat, kann sich entspannen. Der Mann ist kurz vor seinem Auftritt völlig ruhig und bei sich, wir sind beeindruckt.

Mitten im Konsum- und Kommerzzentrum Wiens tut sich gleich eines seiner dringlichsten Themen auf. Der Bürger würde zum Konsumenten erzogen, man wolle heute gar nicht mehr, dass die Menschen eigenständige Gedanken haben und auf eigene Ideen kommen, meint er, während wir weiter schlendern.

„Der Gedanke von GENUG, das ist ein wertvoller Begriff, der immer weniger wert geworden ist. Wenn man sich näher damit beschäftigt, bemerkt man, dass auch Wenig sehr schnell genug sein kann. Dass das MEHR eigentlich keinen Mehrwert bringt“, sinniert er, als wir von der Einkaufsmeile in eine ruhige Seitengasse abbiegen.

„An Reichtum ist in erster Linie wichtig, dass man materiell ohne Sorgen leben kann. Aber wenn dieser Punkt erreicht ist, dann bringt jeder müde Euro, den du mit nach Hause bringst, nichts mehr. Im Gegenteil, das Mehr schafft ganz neue Ängste, die Verlustängste. Es sind ja absurde Gedanken, dass ich von dem Zuviel, das ich habe, etwas verlieren könnte. Ja und? Zuviel ist zu viel und es lenkt ab von den wichtigen Dingen. Das Leben ist ja nicht materiell.“

Trumps Präsidentschaft beunruhigt Christoph Sieber nicht außerordentlich. Das Kapital regiert seiner Ansicht nach schon lange, jetzt stelle es eben den Präsidenten. Man könne derzeit gut sehen, wie willfährig es sei, meint er desillusioniert. „Wenn er nicht so mächtig wäre, würde ich sagen, wir erleben jetzt ein Lehrstück im gesellschaftlichen Sinne. Trump ist im Wesen ein großes, reiches Kind, das auf der Welt wenig verstanden hat und auf der untersten philosophischen Erkenntnisstufe stehen geblieben ist.“ Sieber will den Begriff der Marionette nicht überstrapazieren, sieht aber Politiker auch als Gefangene des materiellen Systems und der Regeln, die es uns allen auferlegt.

Der Kabarettist vermisst zunehmend den Humor auf der Welt, den er für eine Weltanschauung hält. Eine generelle Humorlosigkeit breitet sich immer weiter aus. Weder bei den Rechten noch bei den Linken, und schon gar nicht in religiösen Gesellschaftsgruppen sei Humor eine Währung. „Sobald kein Humor mehr da ist, sobald da kein Lachen mehr ist, läuft etwas falsch. Unsere Gesellschaft entwickelt sich in diese Richtung. Das ganze Internet ist voll von Leuten, die humorlos sind und einen Hass haben, meist auf sich selber. Aber der Hass ist wertlos für einen selbst und für die Gesellschaft. Er bringt gar nichts, ist total kontraproduktiv und zerstört alles. Vor allem den, der hasst.“

Dem Hass entgegenzuwirken, das gelänge nur mit Hilfe von Utopien. Die gegenwärtige Utopie, alles zu erhalten, wie es ist, scheint dem kritischen Unterhalter sinnlos, da unmöglich. „Das ist ja das, was die Rechten uns verkaufen wollen: die Vergangenheit als Zukunft. Dabei ist die Vergangenheit das einzige, was sicher vorbei ist, die kommt auch nicht wieder.“

Jetzt ist Christoph Sieber so richtig in Fahrt. Auch Migration und die daraus entstehende Ungleichheit in der Gesellschaft beschäftigen ihn. Wohlhabende Zuwanderer hätten keine Probleme, sich in Europa niederzulassen „Wenn du reich bist, sind alle Türen für dich offen. Ein reicher muslimischer Zuwanderer ist für niemanden ein Problem, da tritt die Religion in den Hintergrund und es gibt kaum Ressentiments. Ist der Muslim aber arm, wird er verachtet. Armut wird in unserer Gesellschaft generell verachtet.“

Das gängige politische Kabarett ist tendenziell eher links. Oft hat man den Eindruck, dass Kritik an den Folgen von Migration dort keinen Platz haben? Ja, deshalb habe ich vorhin über die Humorlosigkeit gesprochen. Gewaltbereitschaft gibt es bei den Linken und bei den Rechten. Ich finde, sie sind sich da sehr ähnlich, auch wenn sie mir jetzt beide das Messer in den Rücken rammen würden. Es stimmt sicher nicht, dass alle Ankommenden gute Menschen und begierig darauf sind, sich zu integrieren. Es stimmt aber genauso wenig, dass alle, die kommen, Frauen vergewaltigen und Massenmörder sind. Die Idiotendichte ist in allen Bevölkerungsgruppen immer ähnlich, die Schwarm-Dummheit macht sich breit.

Wie stehst du dazu, dass viele Menschen ihre täglichen Informationen aus ihrer eigenen „Blase“, ihren Social-Media-Kanälen oder aus politischen Satiresendungen beziehen? Ich sag den Leuten am Anfang des Programms immer, dass sie mir nichts glauben müssen. Ich halte es für wichtig, viele Informationsquellen zur Bildung der eigenen Meinung zu nützen. Man muss eigene Gedanken entwickeln, sich in der Welt mit offenen Augen umgucken. Nicht nur in der digitalen Welt suchen, sondern sich auch mit dem Gegenüber auseinandersetzen. Der echte Mensch ist viel spannender als jedes Game und jeder Facebook Eintrag.

Was meinst du zur Idee des bedingungslosen Grundeinkommens? Ist sie eine Utopie? Die Frage ist vor allem: Wie gehen wir mit dem Thema Arbeit in unserer Gesellschaft eigentlich um? Es werden unglaublich viele Jobs in Zukunft einfach verschwinden. Gerade in der Produktion, aber auch in der Dienstleistung wird sich viel verändern. Was machen wir mit den ganzen Leuten, für die wir keine Arbeit mehr haben? Die Finanzierbarkeit ist hier nicht die Hauptproblematik, denn wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Viel wichtiger erscheint mir die Frage nach der Struktur: Der Mensch braucht einen Rahmen im Leben. Die eigene Zeit selbst zu organisieren und zu gestalten, ist nicht immer leicht. Das habe ich in der Zeit nach meinem Abschluss an der Folkwang Hochschule in Essen bemerkt. In der Früh aufstehen, dem Tag Sinn geben, all das. Wenn man den Menschen die Freiheit gibt, ihren eigenen Verstand zu benutzen. Auch für sich selbst, nicht nur, um etwas Anderem zu dienen. Es wäre großartig, wenn das funktionieren könnte. Am Ende ist das der mündige Bürger. Abseits vom Konsumismus. Ich glaube nicht, dass es den Menschen glücklich macht, das dickste Auto zu fahren oder die größten Reisen zu machen.

Wenn du auf Tournee bist, kommst du viel herum. Wie stehst du zum Reisen? Wenn ich an die Kreuzfahrtkultur denke, wo Leute übers Meer zu fremden Ländern und Kulturen gefahren werden, im eigenem Bett, mit dem eigenen Essen, dann sag ich, das ist eine Perversion, das hat mit Reisen nix zu tun. Reisen bedeutet für mich, sich auf etwas Anderes einzulassen. Ich hab vor vielen Jahren sogar mal eine Zeitlang auf einem Aida-Kreuzfahrtschiff gespielt, was soziologisch für mich sehr interessant war. Ich bin dann bei den Landgängen immer mit den Fahrrad-Guides los und hab versucht, soviel wie möglich zu sehen. Das hat mich schon auch gebildet. Jetzt könnte ich das nicht mehr machen, aus ökologischen Überlegungen und weil ich es mit meiner Einstellung zum Reisen nicht mehr vereinbaren kann. Der neueste Trend in der Karibik ist, dass die Leute gar nicht mehr von den Schiffen runter gehen. Sie fahren wegen dem Klima und wegen der Wärme hin und sitzen dann erst recht wieder in klimatisierten Räumen. Sie reisen also wohin, um dann eigentlich gar nicht dagewesen zu sein. Dazu gibt es auch eine gute literarische Reportage, „Schrecklich amüsant“ von David Foster Wallace. Darin macht der Autor eine Woche lang alles mit, was das Bordleben für den erholungsbedürftigen Urlauber bereithält.

Wien ist auch ein beliebtes Reiseziel. Was magst du hier? Mich fasziniert generell hier, dass da, wo in Deutschland die Grenze an Zumutbarkeit in Bezug auf schwarzen Humor oder Morbidität verläuft, der Nullpunkt für das österreichische Publikum ist. Da fängt es in Österreich erst an, spannend zu werden. Die Humorfärbung hat ein ganz anderes Spielfeld. Mein erstes Erlebnis in Wien war, dass sich zwei Autofahrer fast lustvoll auf der Straße stritten. Die Auseinandersetzung endete damit, dass einer „Geh scheißen“ rief und der andere davon fuhr. Das fand ich spannend, man war im analen Bereich angekommen, da war alles gesagt, Ende der Diskussion, Punkt.

Wie ist der Wiener Humor? Ich würde sagen, er ist morbide. Kaum ein Tourist kommt am Wiener Zentralfriedhof vorbei. Der wird ja auch besungen und ist Teil der Kultur dieser Stadt. Vielleicht hat, aus der Außensicht zumindest, der Wiener ein entspanntes Verhältnis zum Tod, quasi „geh’ scheißen, es ist halt so“. Warum soll man sich da drüber nicht auch amüsieren? Der Deutsche ist ja eher melancholisch und leidet gerne.

Welcher Wiener hat dich beeinflusst? Ganz bestimmt Karl Kraus. Das hat mit meinem ersten theatralischen Erlebnis zu tun. Ich habe Pantomime studiert und hatte eine Einladung zu einem Jugend-Theatertreffen im Ruhrgebiet. Wir gaben in einem Zirkus „Die letzten Tage der Menschheit“. Der Optimist wurde vom einem Esel gespielt und ich gab den Pessimisten, der dem Esel seine Worte in den Mund legt. Das Bild finde ich schön, dass der Optimist ein Esel ist. Karl Kraus hat viel vorausgesehen, gerade auch was die Medien betrifft.

Wie oft kommst du nach Wien? Eher selten, und dann meist beruflich. Beim letzten Mal bin ich mit Klaus Eckel durch so gebirgige Gassen gefahren. Ich glaube, wir waren da bei einem Heurigen.

Was isst du gerne in Wien? Früher hätte ich hier sicher gerne ein gutes Wiener Schnitzel gegessen. Aber heute verzichte ich auf Fleisch, da mir die Massentierhaltung gegen den Strich geht. Ich aber bin nicht militant vegetarisch und finde, dass jeder selbst entscheiden muss, wie er dazu steht. Also ich bin mit einer guten Semmelknödel oder so was in der Art zufrieden.

Hast du einen gastronomischen Tipp für uns? Ein guter Freund meinte, zum Figlmüller müsste man unbedingt auf besagtes Wiener Schnitzel. Das werde ich aus vorhin genanntem Grund aber eher auslassen. Das Jelinek hier finde ich ganz toll.

Eine besonders denkwürdige Nacht in Wien? Hatte ich noch nicht, aber ich hätte gerne eine mit Klaus Eckel, den ich lange nicht gesehen habe. Das ist jetzt eine Botschaft, das kannst du so schreiben! (lacht)

Rennt der Schmäh zwischen Kabarettisten auch im Privaten? An Anfang versucht man oft, sich auf dieser Ebene einzugrooven. Wenn man dann über den Punkt hinaus kommt, wird es meist spannend. Es gibt Komiker, die immer in ihrer Rolle bleiben. Das ist aber auf Dauer wahnsinnig anstrengend.

Wo spielst du besonders gerne? Das ist jetzt kein Geschmeichel: Das österreichische Publikum hat schon eine echt große Bereitschaft mitzugehen, wenn es um die ernsteren Themen geht. Ich werde mit meiner Agentur mal reden, denn ich würde gerne öfter hier auftreten.

Wie geht man als Kabarettist mit Lachern an Stellen um, die eigentlich ernst sind? Ich möchte mein Publikum nicht erziehen, denn ich habe keine Mission. Jeder soll lachen können, wenn ihm danach ist, denn lachen ist ja auch ein Ventil. Mir ist es wichtig, die Leute zum Selber-Denken zu animieren, daher bin ich da nicht zu streng.

Schlägt dein Herz für einen bestimmten Verein? Mir liegen die NGOs am Herzen, die trotz widriger Umstände im Mittelmeer unterwegs sind, um Leben zu retten. Sea-Eye, Seawatchresqship und SOS Méditerranée. Niemand hat es verdient, im Mittelmeer zu ertrinken. Die Unterscheidung zwischen Wirtschaftsflüchtling und Krisengebietsflüchtling halte ich für bedenklich. Wer von uns würde sich schon auf so ein Boot setzen, wie groß muss die Not sein? Die wissen ja, dass mitten auf dem Meer der Diesel ausgeht oder der Motor abgeschraubt wird. Ich unterstütze diese NGOs auch immer wieder in meinen Shows.

Welcher Film hat dir zuletzt gefallen? „Embrace“ von Taryn Brumfitt.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist? „Dunkelgraue Lieder“ von Ludwig Hirsch.

Was möchtest du Wien ausrichten? Bleib so wie du bist. Und ich komm’ demnächst mal wieder und zieh’ ordentlich um die Häuser, damit ich danach ganz viele gute Lokaltipps geben kann, versprochen!


Christoph Sieber 
Mann, Sieber

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.
Stefan Knittel
Stefan besitzt keinen Blitz, dafür hat er den Blick fürs Wesentliche. Meistens fotografiert der Wiener Fotograf Menschen, die etwas zu erzählen haben. Er liebt Tageslicht, Fahrradfahren und den Wienerwald.

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