Zwischen fröhlichem Augustin und Nemesis

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Clara Luzia und Cathi Priemer fotografiert von Nini Tschavoll

Clara Luzia Priemer-Humpel, geboren 1978, aus Oberretzbach (NÖ), ist Komponistin, Rocksängerin und Frontfrau der Band Clara Luzia. 
Cathi Priemer-Humpel, geboren 1984 in Wien, ist Schlagzeugerin bei Clara Luzia und Gastronomin. Sie wohnen gemeinsam in Wien Brigittenau.


Wir treffen Clara Luzia und Cathi im Augustin, einem Lokal mit praktischen Features für die beiden Musikarbeiterinnen. Das Wirtshaus ist auch ein Konzertcafé, hat einen Proberaum im Keller, ist Zuhause für zwei seelenwärmende und stressresistente Katzen, bietet zwei Brotjobs und eine Galerie nebenan.

Das Gasthaus wurde von Cathis Oma Edda vor rund vierzig Jahren gegenüber der Pfarrkirche Rudolfsheim nahe der U3 Station Johnstrasse aufgesperrt. Hier proben die beiden mit ihrer Band „Clara Luzia" und der All-Stars-Formation „Familie Lässig“, mit der sie gelegentlich aufgeigen.

Dass sich Frontfrau Clara Luzia mit einigen Facetten des Rockstar-Daseins nicht so wohlfühlt, darf als bekannt gelten. Allerdings ist sie heute nicht mehr ganz so streng mit sich: „Bandkonzerte kann ich inzwischen genießen. Solo-Auftritte hasse ich!“ sagt sie und muss selbst lachen. 2005 hat sich Clara von ihrer Band „Alalie Lilt“ gelöst und spielt seither eigene Sachen in wechselnder Besetzung. Seit 2013 besteht „Clara Luzia“ aus der gleichnamigen Sängerin und ihrer Gitarre, Schlagzeugerin Cathi und Multi-Instrumentalist pauT.

Mit dem Songwriting hat die gebürtige Weinviertlerin ursprünglich angefangen, weil sie Lieder anderer Bands nicht nachspielen konnte. Clara hat Blockflöte, Klavier und Geige, aber tatsächlich nie Gitarre spielen gelernt. „Von uns beiden ist Cathi die ausgebildete Musikerin“, feixt sie.

Woher kam also das Bedürfnis, sich mit Stimme und Gitarre auszudrücken? „Ich glaube ich war zunächst ein Fangirl von Janis Joplin und bin dann in den Pop gekippt“, analysiert Clara Luzia. Mit einer Freundin aus Kindertagen durchstöberte sie gerne die umfangreiche Plattensammlung der Elterngeneration und nahm Mixtapes auf.

Cathi fing ebenfalls mit Blockflöte an, spielte Klavier, wollte Trompete lernen und bekam schließlich Schlagzeugunterricht. Das Gründungsmitglied der Rockband „SheSays“ hatte schon früher einen Probekeller unter einem Gasthaus, Geräuschkulisse und Frittiergeruch inklusive.

Seit 2013 sind die beiden ein Paar, geheiratet wurde 2014. Wer sie sieht, erkennt, dass Harmonie auch in Unterschiedlichkeit gedeiht. Sie teilen ein Zuhause, eine Band und ein Lokal. „Stimmt! Wir sind inzwischen in vielen Projekten zusammen. Ich war im Ensemble der Familie Lässig, und Clara ist jetzt auch fix dabei. Und ich bin zu ihrer Band gestoßen“, stellt Cathi fast verwundert fest.

„Ich wollte das nie“, gesteht Clara Luzia: „Beziehungen in der Band habe ich immer verboten und dann passiert es mir selbst“. Wie es funktionieren könnte, haben sie nie besprochen. Es ist einfach so, dass jede weiß, wo sie Chefin und wo sie Support ist. Cathi ist die Gastronomin, Clara ist die Band-Frontfrau, die Songtexte und Lieder schreibt.

Wobei diese Lieder oft eine Transformation erleben, wenn sie das Licht des Proberaums erblicken: „Mir fehlt das Radar dafür, was ein Hit werden könnte. Arrangements sind auch nicht meine Stärke. Ich schreibe, was ich singe. Die anderen Bandmitglieder kümmern sich um ihre Stimmen. Cathi hat ein gutes Gespür für beides und hat zuletzt den Song Cosmic Bruise produziert, den ich eigentlich als langsame Ballade konzipiert hatte.“

Cathi ist waschechte Wienerin und im Gasthaus der Oma aufgewachsen. Sie hat den Beruf in der Praxis gelernt und führt heute das Lokal. „Das Augustin ist wirklich ein familiärer Ort für mich. Ich bin unter, vor und hinter der Schank groß geworden.“ Auch Hund Lotti fühlt sich sehr wohl und kringelt sich unter dem Tisch zusammen. Clara kam 1997 aus Oberretzbach zum Studieren nach Wien. Ihre Eltern, beide Lehrer, hatten ein Nebenerwerbs-Weingut, bis vor kurzem gab es im Augustin auch noch Humpel-Wein.

Das Beste am Musikmachen sind für Cathi die Auftritte, sich zu öffnen und etwas zu teilen: „Ich bin dann immer in einer ganz anderen seelischen Verfassung, glücklich und im Reinen mit mir.“ Für Clara Luzia ist das Beste – wenig überraschend – alleine Songs zu schreiben. „Wenn ich merke, da kommt ein Lied. Dafür mache ich es ... und nehme den Rest in Kauf. Nur für mich zu singen, würde mir aber auch nicht reichen.“

Es ist kompliziert ist definitiv der Beziehungsstatus von Clara Luzia mit der Öffentlichkeit. Zwei Jahre hat sie zuletzt nur Musik gemacht und entsprechend viel Energie in Selbstvermarktung gesteckt. Die Berufsmusikerin hat der Songwriterin beinahe den Spaß an der Musik genommen: „Ich mag nicht überall mitmachen, mein Gesicht nicht überall hinhalten und jeden Auftritt wahrnehmen, um Airplay zu bekommen. Wenn ich ein kleines Fixum habe, gibt mir das mehr Handlungsspielraum.“

Als zweites Standbein kümmert sie sich um die Buchhaltung im Augustin. Viele Jahre transkribierte sie in der Austria Presse Agentur Nachrichtensendungen, „denn ich tippe wahnsinnig gerne und gut. Das entspannt mich“, schmunzelt sie. Dass Clara Luzia auf Englisch singt, ist keine Absicht, sondern natürlicher Entstehungsprozess: „Ich entwickle zuerst lautmalerisch die Melodie, die Laute klingen meist eher Englisch. Oft weiß ich noch nicht, worum es gehen soll. Ich tue mir leichter ohne meine Alltagssprache, weil ich mich da weniger zensuriere.“

Clara Luzias Lieder laden zum Zuhören ein. Ob das Publikum das zu schätzen weiß und ihre Botschaft ankommt, kann sie nicht beantworten: „Es ist mir nicht egal, was die Leute verstehen. Manchmal schlucke ich schon, wenn ich etwas ganz anders gemeint habe. Sobald man ein Lied veröffentlicht, ist es aber einfach nicht mehr das eigene. Man muss lernen, loszulassen.“

Ihre Musik will sie ohnehin nicht zu konkret und selbstbezogen gestalten, damit „andere Menschen mit einem anderen Leben einen Bezug dazu herstellen können“. Das Umfeld hat maßgeblichen Einfluss auf die Musik, also haben Clara Luzias Lieder vermutlich etwas mit Wien als Stadt zu tun. Aber auch in London sind zuletzt neue Lieder entstanden. Unter Druck und auf Kommando Lieder zu schreiben funktioniert für sie ganz gut und ein neuer Ort ist für Inspiration immer positiv.

Cathi zieht es eher nicht in eine andere Stadt, sondern in die Natur: „Wir reden immer wieder darüber, dass wir gerne zeitweise am Land leben würden. Die Stadt ist spannend, lebendig, man kann viel erleben. Aber wenn ich viel arbeite, brauche ich zur Abwechslung den Rückzug in die Ruhe des Waldes.“

Hat sich die „Auftragslage“ seit 2006 gebessert, als Clara Luzia Band und Label (www.asinellarecords.com) quasi gleichzeitig gründete? „Eigentlich empfinde ich es als härter. Vor zehn Jahren war es einfach, Konzerte zu kriegen. In Wien waren eher nur am Wochenende Veranstaltungen und alles war ein bisschen eingeschlafener. Mit halbwegs guter Musik warst du bald auf FM4 und hattest quasi automatisch Auftritte. Heute gibt es von allem viel mehr, aus der Masse herauszustechen ist schwieriger. Viele junge Bands beherrschen die Selbstvermarktung sehr gut und mich interessiert das zu wenig.“

Immer wieder wird diskutiert, ob im öffentlich-rechtlichen Rundfunk mehr heimische Musik gespielt werden müsste. „Clara Luzia“ machen FM4 Musik. Ö3 und ORF-TV sind nicht ihr Territorium, da es außerhalb von „Willkommen Österreich“ keine Formate gibt, wo sich heimische PopulärmusikerInnen präsentieren können.

Abseits der Band ist das Duo gefragt. Clara Luzia nahm das Lied „Sinnerman“ für „Das finstere Tal“, den Alpenwestern von Andreas Prochaska, neu auf. Cathi spielte Schlagzeug und produzierte den Titeltrack. Sie wirkten bei „Lavant!“ im Stadttheater Klagenfurt mit. Clara Luzia machte schon 2012 in der Musikdoku "Oh yeah, she performs!" von Mirjam Unger mit und gemeinsam gaben sie im Film „Siebzehn“ von Monja Art einen Gastauftritt. Gerade schreiben sie für ein Theaterstück der Regisseurin Sara Ostertag die Musik. Wie zu erwarten, findet Clara Luzia es angenehm, wenn es bei der Auftragsarbeit „einmal nicht um mich geht“.

Im aktuellen Album „Here’s to Nemesis“ schickt „Clara Luzia“ die Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit ins Rennen. Ein starkes Bild. Was hat es damit auf sich? Clara Luzia: Das ist eigentlich schon lange mein roter Faden, an diesem Thema arbeite ich mich ab. Der Glaube daran, dass es eine ausgleichende Gerechtigkeit für gute und schlechte Taten gibt. Dass alles irgendwann vergolten wird, hat mir schon manchen Tag gerettet. Der katholische Glaube kennt dafür das jüngste Gericht. Das bedeutet aber nicht, dass wir selbst nichts mehr tun müssen, weil jemand anderer das schon regeln wird. Aber ein Plattentitel kann halt keine Diplomarbeit sein.

Künstlerinnen gelten als gesellschaftliche Avantgarde und haben eine gewisse Narrenfreiheit sich zu gesellschaftlichen Entwick­lungen zu äußern. Ist gerade eine Zeit für Aktivismus? Eine Zeit sich zu Wort zu melden? Clara Luzia: Die Zeit ist eh immer. Ich finde es wichtig, aber jede muss für sich selbst entscheiden. Ich finde, es gehört zur Kunst, weil Kunst ja nicht im Vakuum entsteht, sondern auf aktuelle Vorkommnisse Bezug nimmt. Wenn vielleicht auch nicht Tagespolitik.

Wir haben schon besprochen, dass Wien als Lebensmittelpunkt für die Songtexte oder die Art der Musik nicht entscheidend sind. Aber was findet ihr beide wirklich leiwand an Wien? Was gibt es nur hier?
Clara Luzia: Millionenstadt mit Dorfcharakter – nervt aber auch oft.(lacht)
Cathi: Ich bin hier aufgewachsen, Wien ist Heimat für mich.

Habt ihr ein Wiener Lieblingswort?
Clara Luzia: Das für quasi alles einsetzbare „Oida!“
Cathi: Oida!

Habt ihr in der Stadt einen Lieblingsort? Zum Schreiben, zum Abhängen, zum Entspannen, für Inspiration?
Clara Luzia: Die Weinberge in Stammersdorf mag ich sehr.
Cathi: Den Wienerwald.

Wie riecht Wien?
Clara Luzia: Lätschert.
Cathi: Grauslich.

Gibt es den einen Lieblingsfilm? Cathi: „Satyricon“ von Federico Fellini.

Was lest ihr aktuell? Oder eine Buchempfehlung?
Clara Luzia: Ich empfehle „Gott ist nicht schüchtern“ von Olga Grjasnowa.
Cathi: Franz Werfel „Der Tod des Kleinbürgers“, ETA Hoffmann „Elixiere des Teufels“.

Was läuft derzeit auf der Playlist am meisten? Cathi: Ider

Euer Lieblingslokal zum Essen? Einstimmig: Das Augustin!

Habt ihr eine Lieblingsbar zum Absacken? Einstimmig: Wir mögen sämtliche Heurigen in Wien und Umgebung.

Lieblings-Shoppingadressen in Wien?
Clara: Chicklit in der Kleeblattgasse und Ulliko in der Kirchengasse
Cathi: Kik, Stadioncenter

Unser Interview findet kurz vor der Probe der Familie Lässig statt. Jetzt sind schon fast alle Familienmitglieder versammelt. Wie kam es zu dem Engagement? Cathi: Die Idee für einen Benefizabend hatte ursprünglich der Stadtsaal-Direktor. Am 1. Jänner spielen wir traditionell immer ein Benefizkonzert. Clara Luzia hat mich 2013 dem Gerald Votava vorgestellt, als wir ihn zufällig in einem Lokal in Kritzendorf trafen. Die Familie Lässig hat eine Schlagzeugerin gesucht und ich bin eine.

Die nächsten Termine für eine unterhaltsame Heimatpflege mit der Familie Lässig im Stadtsaal hier


Diskografie Clara Luzia 
www.claraluzia.com

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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