Der Charme der Stadt hängt am (seidenen) Faden

Rebekah Wild fotografiert von Nini Tschavoll

Name Rebekah Wild, geboren 1966 in Christchurch, Aotearoa/Neuseeland, wohnt in Rudolfsheim-Fünfhaus, arbeitet in Ottakring, Beruf Puppenbauerin und Puppenspielerin.


Die Puppenspielerin Rebekah Wild bringt neues Leben in alte Dinge. Wie viele ihrer Zunft designt und baut sie selbst Puppen. In ihrem Atelier in Ottakring verwendet sie viel benutzte Gegenstände, die andere wohl Trödel nennen würden. In Neuseeland geboren, hat sie in mehreren Städten gelebt und sich 2010 in Wien niedergelassen. Sie meint: Auf der Suche nach Modernität sollte Wien seine Wurzeln lieber nicht kappen.

Wie wird man eigentlich Puppenspielerin? Entweder man stammt in dritter Generation aus einer Puppenspielerfamilie – wie beim Zirkus. Oder es passiert – wie bei Rebekah Wild. Sie fand ihren Beruf durch Glück, lebte ein früh sichtbares Talent aus und lernte von den Besten.
Viele Puppenspieler bauen ihre Puppen selbst, so auch die gebürtige Neuseeländerin.
Rebekah Wild genießt das Spielen und das Handwerk, außerdem profitieren auch ihre Auftraggeber von der Erfahrung, selbst zu spielen. Die Puppen funktionieren einfach.

Die Vielfalt in ihrer Werkstatt sprengt den Rahmen dessen, was man vielleicht an Puppen kennt. Die Figuren umfassen Handpuppen zum Hineinschlüpfen, aber auch solche, die man an Stäben führt, Schattentheater, Marionetten an Fäden, mit Magneten verbundene Objektansammlungen und lebensgroße Kreaturen, die mit Kostümen verschmelzen.

Das liegt auch daran, dass Objekte aller Art zu Rebekah Wild sprechen: „Die Dinge finden mich!“, lacht sie. Sie erkennt in den Gegenständen Augen oder Bewegungsqualitäten, wo andere nur Schrott sehen. Aus Schuhspannern kann in ihren Händen von der Nase der Hexe Baba Yaga bis zu einem Entchen einfach alles werden. Rebekahs Baba Yaga ist übrigens eine waschechte Liesingerin, aus Teilen, die sie auf dem Flohmarkt einer Brauerei gefunden hat.

Oft verwendet sie Gegenstände, die Menschen viel in der Hand hatten: Werkzeuge, Rechen, Backformen, Schlüssel etc. und bringt so neues Leben in alte, kaputte oder rostige Dinge.
Die Philosophie dahinter ist inspiriert von Gaia, also Mutter Erde: „Wenn alles lebt, lebt auch Schrott und auf lebendige Dinge passen wir besser auf“, erklärt sie. Es geht ihr um Achtsamkeit und Wertschätzung. 2007 verbrachte sie sechs Wochen als „artist in residence“ zum Thema Wild Creatures an der Küste Neuseelands in einer kleinen Hütte. Jeden Tag sammelte sie Treibgut am Strand und baute letztendlich daraus einen „Theatre Garden“ am Strand, um spielerisch klarzumachen, dass unsere Erde fragil ist, dass alles lebt und in Verbindung steht.

Den Beruf lernte sie beim Machen. Schon als Kind hat sie viel selbst gebaut und gebastelt. Die Förderung dieses Talents kam ihr nicht immer wie eine Belohnung vor: „Meine Mutter hat mir nach langen Bitten und Betteln eine Puppe gekauft, aber das Gewand musste ich selbst schneidern. Oder es gab Tiere und Traktor, aber den Bauernhof musste ich selber bauen.“ Zuhause in Neuseeland trat sie als Straßenkünstlerin auf, war im ganzen Land auf Tour und arbeitete in Auckland in einem Puppentheater.

1998 wurde sie in London im „Little Angel Theatre“ vorstellig, dessen Ruf sich schon vor Google weltweit verbreitete: „Ich klopfte an und fragte, ob ich mitmachen darf und ich durfte.“ Sie lernte viele Jahre von den Besten, denn das „Little Angel“ ist ein Magnet für Puppenspieler und -bauer aus der ganzen Welt. Sie nahm an Vorsprechen teil, um in Stücken zu spielen und arbeitete parallel in der Werkstatt. Angefangen hat sie mit dem Grundieren des Bühnenbodens. Acht Jahre arbeitete sie der Leiterin Lyndie Wright zu, bis ihr diese von einem Tag auf den anderen überließ, drei Puppen für „Macbeth“ nach ihren Skizzen zu fertigen.

Dass sie seit 2010 in Wien lebt, liegt an den Wiener Festwochen 2001 und dem Struwwelpeter. Bei einem Gastspiel des „Improbable theatre“ mit  „Shockheaded Peter“ lernte sie auf der Hinterbühne ihren Freund kennen. Es folgten Wander- und Fernbeziehungsjahre, weil beide Engagements an unterschiedlichen Orten nachgingen. Die Goldene Regel war, nie länger als zwei Monate getrennt zu leben. Das Atelier in Ottakring an den Gleisen der Vorortelinie hat sie seit 2013, seit 2015 leben beide endlich glücklich vereint in Wien in der Nähe des Meiselmarkts.

Wien hat eine kleine, aber wachsende und enthusiastische  Puppenspielerszene.
Ihre persönlichen Gravitationszentren sind das Lilarum und dessen Erwachsenenschiene „dreizurdritten“ und  das Schubert Theater. In den vergangenen  Jahren hat sie mehr gebaut, als gespielt. Das liegt vor allem daran, dass es sehr aufwendig ist, Auftritte zu organisieren.

Aktuell spielt sie mit Nene Lazaric  „Die Seiltänzerin“, ein Stück für Kinder, basierend auf einer wahren Geschichte aus ihrer Heimat. Mit ihrer Nachbarin in Ottakring, Barbara von „Fidlfadn“, arbeitet sie an einem Stück für Erwachsene: „Ich liebe Recherche und beschäftige mich gerne lange damit.“

„Am Anfang steht oft eine  Idee oder eine Puppe. Dann entsteht langsam ein Stück.“ Davon zeugen mehrere „Inspirations-Pinnwände“  an den Wänden des Ateliers. Den Sturm von Kreativität, handwerklichem Geschick, Funktionalität und künstlerischem Ausdruck entfacht sie  zwischen Regalen mit sorgfältig beschrifteten Kisten und Schubladen, einem gusseisernen Holzofen, Hobelbank, Schraubstock, Stichsäge und einer Wand mit Zangen, Hammer und Co. Rebekah wächst gerne an Auftragsarbeiten.

So baute sie etwa Pferd und Kuh in Lebensgröße für die Staatsoper, die von je zwei Statisten bewegt wurden: „Am liebsten habe ich es, wenn Puppen nicht nur Beiwerk sind, sondern als dramaturgisches Mittel eingesetzt werden.“

Für eine aktuelle Produktion in Wilhering baut sie die Patriarchen Montague und Capulet aus „Romeo & Julia“ , die im Stück von ihren Frauen geführt werden. Außerdem arbeitet die Puppenbauerin aktuell an drei unheimlichen Kindern des nordischen Gottes Loki für Henry Masons Produktion  „Wie man Götter dämmert“, das im Sommer in der Kulturfabrik Helfenberg aufgeführt wird.

Rebekah Wild

„Wien finde ik super“, sagt sie mit ihrem charmanten Akzent. Und sie hat den Vergleich. Dank vieler Jahre auf Tournee oder mit Engagements auf Zeit. Die Stadt sieht sie an kritischen Punkt: „Wien ist Städten wie Berlin oder London in der urbanen Entwicklung etwas hinterher. Das sollte genutzt werden, um Fehler nicht zu wiederholen und Entwicklungen nicht unreflektiert zu übernehmen, sondern nachzudenken, was gut zur gewachsenen Struktur passt.“

Wien sollte nicht einfach seine Wurzeln kappen und kritiklos alles übernehmen. „Property as an investment makes everything kaputt. Es ist einfach so: Wenn die Miete raufgeht, sind die Künstler weg“, berichtet sie aus Erfahrung in London.

Einkaufsstraßen mit den ewig gleichen internationalen Ketten rauben einer Stadt Charme und Charakter. Lieber erkundet sie – wenn es das Wetter erlaubt, mit dem Fahrrad – urtümliche Ecken. Außerdem ist sie für ihre Arbeit auf alteingesessene, spezialisierte Geschäfte angewiesen und kauft lieber lokal.

Wer über Wien jammert, lernt von Menschen, die woanders gelebt haben, wie gut es ihm eigentlich geht. Was gefällt dir an Wien? London fühlt sich mehr multikulturell an, Berlin galt als sexy. Aber heute ist es kostspielig in London zu leben. Um so etwas wie „Urban Gardening“ müsste man kämpfen –  hier wird es gefördert. Berlin gilt als sexy, aber die Stadt hat kein Zentrum und an vielen Ecken, die früher Künstler belebten blüht heute die Immobilienspekulation.

Möchtest du irgendwann nach Neuseeland zurück? Vielleicht ist bei Bewohnern einer Insel das Gefühl stärker, dass die Menschen zum Land gehören. Mein Plan für die Pension wäre schon, zurückzugehen und mitzuhelfen, für eine saubere Umwelt zu kämpfen. Aber vielleicht bin ich nur nostalgisch fixiert auf das Neuseeland der 1970er bis 1990er-Jahre. Da hast sich viel verändert. Profit und Industrie machen auch dort Probleme.

Du achtest bei deinen Stücken sehr auf den Ort, an dem sie aufgeführt werden. Welchen Platz in Wien würdest du gerne einmal bespielen? Am Donaustrand natürlich oder am Donaukanal. Bei meinem Gastspiel im Schubert Theater mit der Seiltänzerin Jenny werde ich im Juni gegenüber im Arne Carlssen Park auftreten. Darauf freue ich mich schon.

Was sind deine Lieblingsplätze in Wien? Wo entspannst du? Auf der Donauinsel, im Lainzer Tiergarten und im Wiental.

Wo gehst du ins Theater? Ich besuche vor allem viele Puppentheaterproduktionen, viele Produktionen der Wiener Festwochen, alle Produktionen des Theater an der Wien, weil mein Freund dort arbeitet. Und ich gehe gern ins Festspielhaus St. Pölten für Tanztheater.

Was gefällt dir an Wien am besten? Die Gemeindebauten. Oder dass es für das reiche Kulturprogramm Stehplätze um wenige Euro gibt. Dass die Stadt viele Ideen fördert. Ich überlege, eine Baumscheibe zu bepflanzen. Auch die Fahrradwege werden von Jahr zu Jahr besser.

Dein Wiener Lieblingsgericht?
Als Vegetarierin liebe ich Eiernockerl.

Welche Lokale besuchst du gerne?  Das Blue Tomato im 15. Bezirk, aber auch das Cafe Amacord im 4. Bezirk. Und ich mag das Essen im Ramien  im 6. Bezirk sehr.

Ein typisches Gericht aus deiner Heimat, das du gerne kochst? 
Hāngi wäre sehr typisch für Neuseeland, aber das Kochen in der Erde mit heißen Steinen muss man können. Das traue ich mich nicht.

Wien schmeckt nach? Grünkohl und Kürbiskernöl.

Was hörst du gerne für Musik? Am liebsten Frauenmusik. Mari Boine, Indigo Girls, Liza Wright – wegen der Stimmen und der Texte.

Wo kaufst du gerne Lebensmittel ein? Am Naschmarkt bei den Marktfahrern in der Bio-Ecke Samstag vormittags, aber das mache ich sehr gezielt wegen der vielen Touristen. Und dann noch kurz über die linke Seite des Flohmarkts zu den Händlern meines Vertrauens stromern. Auch den Yppenplatz mag ich.

Eine denkwürdige Nacht in Wien? 2001 bei den Festwochen auf der Hinterbühne habe ich meinen Freund kennengelernt. Und später bei der Party auf der Summerstage habe ich ihn dann richtig kennengelernt.

Du brauchst ja für den Bau deiner Puppen recht spezifische Dinge in kleiner Stückzahl. Bei welchen Spezialisten gehst du einkaufen? Ja, es hat einige Jahre gedauert dieses Netzwerk hier aufzubauen und die gelernten Methoden und Materialien an den neuen Kontext anzupassen. Bei Clausen Schrauben (1070) , Petzolt Metallwaren (1170) , Kolde Leder (1120). Naturmaterialien wie Peddigrohr kaufe ich bei G. Dieroff Nachfolger e.U. (1070) . Das ist wirklich mein Lieblingsgeschäft in Wien! Mein persönlicher, kleiner Baumarkt um die Ecke ist der Fetter Baumarkt (1160).

Wie hast Du Deutsch gelernt? Tatsächlich hatte ich in der Schule Deutschunterricht, aber das war mir noch lange nicht von Nutzen. Ich habe einen 10-wöchigen Deutschkurs an der Volkshochschule gemacht. Heute fordere ich alle Menschen immer wieder auf, mit mir Deutsch zu sprechen. Obwohl sich natürlich jeder mit Englisch bemühen würde. Mit meiner Spielpartnerin Nene Lazaric, eine Kroatin, ist Deutsch die gemeinsame Sprache und bei der Arbeit höre ich immer Ö1.

Rebekah Wild, Astrid Kuffner
Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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