Die Leute machen Wien besser

Stefan Theißbacher fotografiert von Lukas Ilgner

Name Stefan Theißbacher, geboren 1981,  aufgewachsen in Reichenfels im Lavanttal, Beruf Geschäftsführer von FragNebenan, Gründer & Social Entrepreneur, wohnt in Wien Mariahilf.


Stefan Theißbacher ist Geschäftsführer von FragNebenan, einer Social-Media-Plattform, die Nachbarn und Nachbarinnen helfen soll, sich zu vernetzen. Aufgewachsen in einem kleinen Kärntner Dorf, genoss er während des Studiums die Anonymität der Großstadt Wien. Doch als Wien sein Lebensmittelpunkt wurde, fand er es blöd, dass er die Menschen aus seinem Haus auf der Straße nicht erkennen würde.

Stefan Theißbacher ist Geschäftsführer des Wiener Start-ups FragNebenan. Er ist einer jener Menschen, die im Büro ihre eigenen Ideen umsetzen, aber auch mit aufgeklapptem Laptop im Kaffeehaus arbeiten können oder im Coworking Space. Der Social Entrepreneur fährt viel mit dem Fahrrad und hat einige Monate in Berlin gelebt. Wer jetzt einen durchgeknallten Dampf­plauderer erwartet mit Handyneurose und Hipstergehabe, liegt falsch. Aber einen Bart hat er schon. FragNebenan ist eine technische Infrastruktur, die gute Nachbarschaft fördern kann. Auch in der Großstadt sind Nachbarn und Nachbarinnen letztlich Menschen, die in räumlicher Nähe leben, gemeinsame Themen und Interessen haben, einander aushelfen, informieren oder etwas unternehmen können.

Nach rund zwei Jahren Entwicklungszeit ging FragNebenan Anfang 2015 in Wien an den Start. Die Social-Media-Plattform wird oft als Anti-Facebook bezeichnet und wenn es um schnelle Werbe-Kohle, Cat Content oder Datenhandel geht, trennen Mark Zuckerberg und Stefan Theißbacher tatsächlich Welten. Ganz ruhig spricht der Kärntner, aufgewachsen im beschaulichen Lavanttal, über den Schaffensprozess von FragNebenan, wer ihn unterstützt hat, Fördergeber, Fehlannahmen und Vorhaben.

Die Idee hatte er auf einer Reise nach Tanzania, die er sich nach seinem letzten fixen Job 2012 gönnte. Mit einem Studienabschluss in der Tasche und begleitend zum zweiten Studium von Publizistik und Internationaler Betriebswirtschaftslehre arbeitete er als Journalist und dann immer öfter im Medien­management. Als Reiselektüre hatte er das deutsche Wirtschaftsmagazin brandeins  zum Thema Share Economy dabei. Er stieg quasi auf den Kilimanjaro und dachte nach, ob er wieder einen vergleichbaren Job suchen, oder sich einen sinnstiftenden Arbeitsplatz selbst schaffen sollte. FragNebenan war nicht seine erste Geschäftsidee: „Davor wollte ich schon ein eigenes Magazin gründen und Sneakers produzieren“, lacht er.

Seit er die Grundidee einer nachbarschaftlich organisierten Verleihplattform hatte, ist er übrigens nicht mehr länger verreist. Zurück in Wien erzählte er auf einer Wanderung im Schneeberggebiet einem Freund von der Idee, der ihm einen Tipp für einen Mitstreiter gab. Im Gründerzentrum Impact Hub fand er weitere Mitstreiter. Mit Reserven aus der Berufstätigkeit und dem AMS-Unternehmensgründerprogramm legte Stefan Theißbacher Vollzeit und Vollblut los. Inzwischen wurde FragNebenan zwei Mal von der Austria Wirtschaftsservice gefördert und auch erstes Geld wird schon verdient mit Zugängen für Bezirkspolitik und lokale Unternehmen. Wenn er das Hirn auslüften will, steigt Stefan Theißbacher, der in einem Kaufhaus samt angeschlossener Gastwirtschaft und Hotelbetrieb aufgewachsen ist, immer noch in die Berge.

Die wichtigsten Funktionen auf FragNebenan sind Nachbarschaftshilfe, Empfehlungen und Kennenlernen. Ein Viertel der Kommunikation dreht sich um den Verleih von Dingen, von der Bohrmaschine bis zur OysterCard für die London Tube. Eingesessene Grätzel­bewohnerInnen helfen Newcomern mit Empfehlungen von der Ärztin bis zum Handwerker oder dem Lieblings-Gastgarten. Beim Kennenlernen geht es nicht um Dating, sondern gemeinsame Unter­nehmungen vom Lauftreff, über die Mütterrunde bis zu Hoffest oder Kleidertauschparty. „FragNebenan ist nicht cool, sondern nützlich. Wir verknüpfen keine Teenager sondern 40.000 Wienerinnen und Wiener zwischen 25 und jenseits der 50 Jahre“, betont Stefan Theißbacher.

 

Geplant war ein Tool für Hausgemeinschaften, beliebter ist aber die Vernetzung mit der Umgebung. Es ist und war ein langsamer Lernprozess: „Wir sind mit einem unfertigen Prototypen rausgegangen und verfeinern seither anhand des Feedbacks.“ Missbrauch ist erstaunlich selten: Zwei Mal wurde bisher Ausgeliehenes nicht zurückgegeben und 20 User gesperrt. Vielleicht weil man sich nicht aktiv befreundet, sondern einfach bis auf Widerruf mit registrierten NutzerInnen in der Umgebung verknüpft ist, bleiben Mechanismen wie Eigen­verantwortung und Vertrauens­basis intakt.

Stefan Theißbacher ist inzwischen aus einer WG im 17. Bezirk in eine WG im 6. Bezirk umgezogen, wo mit vier Prozent übrigens die meisten FragNebenan User in Relation zur Einwohnerzahl registriert sind: „Wir machen Wien nicht besser. Die Leute machen Wien besser. Wir bieten eine Infrastruktur an, die sie dabei unterstützt, etwas zu machen und die Kommunikation vereinfacht. Je mehr mitmachen, desto mehr geht es von der Nachbarschafts­hilfe in Richtung Bürgerinitiative. Die Menschen eignen sich Wien an, gestalten mit und werden aktiv.“

Sein eigener Horizont hat sich durch FragNebenan definitiv erweitert: „Ich bin hier nicht aufgewachsen und erfahre gerne etwas von Menschen, die hier immer schon leben. Und ich bekomme ein breiteres Bild der Stadt vermittelt, weil ich meine Blase aus gleich gebildeten, gleich situierten Menschen aufbrechen kann.“ Das Feedback bleibt für das Frag Nebenan Team wichtig und bald soll es auch eine App geben. Nachbarschaft ist eine Zweck­gemeinschaft, die im besten Fall Freundschaft werden kann. Jedenfalls ist sie ein gutes Netz in der Umgebung. Stefans NachbarInnen mögen übrigens auch „Game of Thrones“ und als seine Waschmaschine kaputt war, fand sich einfach eine Übergangslösung an der Nachbartüre.

Was liest du aktuell? „Die schöne Frau Seidenmann“ von Andrzej Szczypiorski.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? „Paterson“ von Jim Jarmusch.

Was ist dein Lieblingsfilm? So ziemlich jeder Vampirfilm. Bin da in Bezug auf die Qualität sehr leidensfähig.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten? Animal Collective (Banshee Beat).

Dein allerliebster Lieblingssong? „Secret hell“ von dEUS.

Wo brunchst du am liebsten? Im Breakfast Club.

Und wo isst du gerne zu Mittag?  Im Nam Nam in der Marxergasse.

Wo gehst du gerne hin zum Abendessen? Ins Anzengruber in der Schleifmühlgasse. (Schnitzel!!)

Hast du eine Lieblingsbar?  Das Topkino.

Wo feierst du mit deiner Familie? Daheim in Reichenfels.

Wo feierst du mit deinen Freunden? In meinem Wohnzimmer.

Was zeigst Du Gästen in Wien? Alle Klassiker und unterwegs das Phil und das Anzengruber.

Wo entspannst du dich am besten? Im Bett.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich inspirieren? Der Ring. Nachts zwischen Oper und Universität.

Wo ist Wien noch verbesserungswürdig? Ich denke, Wien braucht noch mehr richtige (lebendige) Bars!

Was geht in Wien ab? Das Meer.

Wo suchst und findest du Möbel für deine Wohnung?  In der Carla und in der Gumpendorfer Straße.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Lukas Ilgner
Lukas ist Fotograf. Er gehörte in den frühen 80er Jahre zur ersten Welle deutscher Wirtschaftsmigranten und arbeitet seitdem in Wien für diverse Magazine und an sich selbst.