Ein kleiner Schub zur richtigen Zeit

Dorith Salvarani-Drill fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Dorith Salvarani-Drill, geboren 1960 in Tel Aviv, lebt seit 1976 in Wien. Die Juristin ist seit 2013 Geschäftsführerin des Vereins FREI.Spiel – Freiwillige für Kinder, der mit Freiwilligen benachteiligte Kinder in der Volksschule unterstützt. Sie wohnt in Wien Währing.


Kaiserin Maria Theresia hat 1774 die Schulpflicht in Österreich eingeführt. War die Schulbildung für alle damals visionär, fällt das Zeugnis heute weniger gut aus. Immer noch wird Bildungserfolg in Österreich meist vererbt, die Weichen auf dem Bildungspfad für viele zu früh gestellt.

Verdichtet zeigen sich die Schwächen des Systems in großen Städten wie Wien, wo die Kinderschar in einer Klasse sehr bunt sein kann oder zu wenig durchmischt. Hohe Diversität kann kaum zur Stärke werden, wenn Differenzierung eine Schwäche ist.

Dorith Salvarani-Drill hat während der Schulzeit ihres Sohnes nicht nur einmal beobachtet, wie es andere Kinder (meist mit Migrationshintergrund) aus der Bildungslaufbahn kegelte. „Wenn sie mich als Mutter gehabt hätten, wäre das nicht passiert“, war ein Gedanke, der sich ihr damals immer wieder aufdrängte.

Mit 52 Jahren bot sich der Konzernjuristin im Bankwesen die Möglichkeit, umzusatteln. Sie nahm das Ausstiegsangebot ihres Arbeitgebers an und fand endlich Zeit, dem Wunsch nach sozialem Engagement nachzugeben. „Ich bin privilegiert in jeder Hinsicht, bin gefördert und gefordert worden. In meinem Zuhause war Bildung wichtig und die Ressourcen, sie zu erlangen, waren vorhanden. Ich habe gut verdient, weil ich hochqualifiziert bin. Es war für mich einfach der richtige Moment, um etwas zurück zu geben“. Dass sie heute als gering bezahlte Geschäftsführerin des Vereins arbeiten kann, empfindet Dorith als Privileg.

Zusammen mit einer Freundin gründete Dorith Salvani-Drill, nach dem Vorbild eines Projekts von Tina Roth in Linz, im Jahr 2013 den Verein FREI.Spiel - Freiwillige für Kinder. Die Formel ist einfach und daher praktikabel: An sogenannte Brennpunkthorte gehen, wo viele Kinder sind und dort Vitamin B(eziehung) hineinpumpen: „Die Beziehung zu einer vertrauten Person motiviert Kinder, stärkt sie und hilft ihnen, etwas zu wagen“, weiß nicht nur Dorith, sondern alle PädagogInnen. Aber bei einem Betreuungsschlüssel von 1: 25 bleibt für jedes einzelne Kind nur wenig Zeit.

Nicht immer haben Eltern die Kompetenz, die Mittel, die Kapazität, die Zeit oder auch den Platz, ihre Kinder in der Schule zu unterstützen. Der Verein vermittelt also Freiwillige gezielt in Horte mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter und bildungsferner Kinder. Im vergangenen Schuljahr waren es 80 Freiwillige an 28 Horten in Wien und Niederösterreich. Sie unterstützten unter Anleitung der PädagogInnen 800 Kinder bei Lernschwächen, Sprachproblemen oder einfach als erwachsene Vertrauensperson außerhalb der Familie.

Die Freiwilligen brauchen keine Vorbildung, weil sie die PädagogInnen nach deren Vorgaben unterstützen. Diese wissen meist, wovon die betreuten Kinder mehr bräuchten. Der Verein kümmert sich um den Kontakt zu den Horten, Rekrutierung, Koordination und Supervision der Freiwilligen, macht gezielte Weiterbildungsangebote und – ganz wichtig – würdigt das Engagement ausgiebig mit Treffen und Festen. Inzwischen haben manche Freiwillige schon ganze Volksschulkarrieren begleitet.

Nicht umsonst heißt der Verein FREI.Spiel und nicht etwa Lernhilfe. Denn ebenso vielfältig wie die Kinder, sind auch die Freiwilligen und ihre Motive. Das Altersspektrum der Freiwilligen reicht von Level großer Bruder bis zu Oma. Unter Anleitung des Hortpersonals können FREI.SpielerInnen ihre Stärken und Ideen einbringen: Der eine gibt eine Judostunde, die andere animiert zum künstlerischen Ausdruck, andere spielen stundenlang UNO, Skip Bo oder Mensch ärgere dich nicht und plaudern nebenbei. Manche unterstützen klassisch beim Lesenlernen oder helfen bei den Hausübungen. Wichtig ist – neben der Zustimmung der Hortleitung – die Haltung der Freiwilligen: Keine Zwangsbeglückung, keine Bevorzugung einzelner Kinder.

Viele FREI.SpielerInnen suchen eine Aufgabe in der Pension und wollen den Kontakt zu jungen Menschen pflegen. Andere sammeln erste pädagogische Erfahrungen im Rahmen ihrer Berufsausbildung. Wieder andere haben selbst als Kind Unterstützung erfahren und so ihren Weg gemacht. Natürlich ist Bildung eine staatliche Aufgabe, aber Dorith sieht das pragmatisch: Solange Kinder die Leidtragenden sind, muss man etwas tun.: „Die Gesellschaft, das sind wir doch alle gemeinsam. Bei FREI.Spiel kann man Verantwortung für den Zustand unserer Gesellschaft übernehmen und sich einbringen. Man braucht dafür nur gute Deutschkenntnisse, Zuverlässigkeit und mindestens einen Nachmittag Zeit pro Woche“.

Im ersten Jahr saß Dorith selbst im Hort am Hebbelplatz in Favoriten. Sie spürte, was alle Freiwilligen im Verein motiviert. Der fragende Blick und die Bitte: „Kommst du nächste Woche wieder?“ Die Tatsache, dass Kinder wie Schwämme Wissen aufsaugen, wenn man ihr Interesse weckt. Wie motiviert sie sind, wenn sie Vertrauen aufbauen. Die Zeichnungen, Briefe und Freundschaftsbänder. Und sie spürte, wie viel ihr Anliegen mit ihrer eigenen Geschichte zu tun hat: „Ich bin selbst Migrantin und habe mich lange entwurzelt gefühlt. Als Jüdin in einem katholischen Dorf am Eisernen Vorhang war ich als Kind ein Fremdkörper“.

Dorith ist das zweite von vier Kindern von Eltern, die vor dem NS-Regime nach Palästina (heutiges Israel) flüchten mussten. Mit dreieinhalb Jahren kam sie mit ihnen zurück nach Wien, übersiedelte aber kurz darauf nach Angern an der March, wo der Familie ihres Vaters eine Gemüsekonservenfabrik restituiert worden war. Jedes Jahr wieder fragte man sie nach dem Christkind, wo sie doch Chanukka feierte: „Ich war also immer sehr glücklich, wenn wir am Wochenende nach Wien fuhren, wo ich in einer jüdischen Jugendbewegung viel Halt fand.“ Die Wohnung der Großmutter fühlte sich wie Heimat an, als sie mit 16 das Dorfleben hinter sich ließ und nach Wien zog, um die Schule zu beenden.

Im laufenden Schuljahr will FREI.Spiel Wien das Angebot ausweiten und auch im Vormittagsunterricht unterstützen („FREI.Spiel macht Schule“). Da Essen und Hortbetreuung mit Kosten verbunden sind, gehen viele Kinder, die etwas Schub zum erfolgreichen Abschluss der Volksschule brauchen könnten, zu Mittag nach Hause.

Man erreicht sie daher nur am Vormittag – Stichwort Schulpflicht. Das Schuljahr 2018/19 hat eben begonnen. Genau jetzt wäre also der richtige Zeitpunkt, um sich beim Verein zu melden – mit Zeit als FREI.SpielerIn oder mit Geld als Pate oder Patin - für mehr Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit.


Was gibt es nur in Wien? Schöne Kaffeehäuser.

Was ist dein Wiener Lieblingswort? So ein lang gezogenes Geh! Wie in na geh!

Was ist dein Wiener Lieblingsort? Ich mag Märkte, besonders Brunnenmarkt, Hannovermarkt und Karmelitermarkt.

Welches Theaterstück hat dir zuletzt gut gefallen? „Die Welt im Rücken“ mit Joachim Meyerhoff.

Hast du einen Buchtipp für uns? Elena Ferrantes' Neapel-Tetralogie.

Wonach riecht oder schmeckt Wien? Wien hat viele Gerüche: Kaffee, Gewürze, Mehlspeisen, Bäume und auch Pferdemist.

Was ist dein Wiener Lieblingsgericht? Schinkenfleckerl.

Wo gehst du gerne mittagessen? Auf eine Suppe bei Nguyen’s Pho House  auf der Lerchenfelderstraße.

Was möchtest Du Wien ausrichten? Bleib zuversichtlich und genieß' deine Vielfalt!

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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