Hinschauen statt hinhauen

Der Künstler Edgar Honetschläger

Name: Edgar Honetschläger, geboren 1967 in Linz. Der Künstler, Reisende, Filmemacher und Umweltschützer lebt in Wien und Tarquinia (Italien).


„Mein Lebensthema ist die Natur“, betont Edgar Honetschläger. Der Künstler und Filmemacher präsentierte Ende November in der Kunsthalle am Karlsplatz seine Naturschutzinitiative GoBugsGo! und rekrutierte dabei gleich die ersten 120 UnterstützerInnen. GoBugsGo! ist eine Graswurzel-Bewegung im Wortsinn. Der Künstler setzt sich mit vielen Freiwilligen für Lebewesen ein, die unverbaute Flächen sehr schätzen: Insekten. Manche von ihnen sind unscheinbar, andere farbenprächtig, manche beliebt, andere verhasst.

Insekten sind unabkömmlich und doch in großer Gefahr. Ihr weltweit voranschreitendes Sterben wird von Fachleuten als ebenso gravierende Gefahr eingeschätzt wie der Klimawandel. Im Vorfeld gewann Edgar auch den Falter-Tierkolumnisten Peter Iwaniewicz als Berater. Die beiden sind sich einig: Die Menschheit wäre ohne Insekten aufgeschmissen. Die kleinen Krabbler und Flieger sind zentrale Dienstleister im Ökosystem. Die beiden laden dazu ein, sich zu überlegen, wie wir mit anderen Tieren generell umgehen wollen. Gerne aus Faszination oder Mitgefühl, aber unterm Strich, weil wir uns sonst ins eigene Fleisch schneiden.

Über „Go Bugs Go!“ sollen im Kollektiv Grundstücke gekauft und zu menschenfreien Zonen erklärt werden. Auf diesen Flächen können sich Schmetterlinge, Bienen, Fliegen, Wanzen, Käfer und anderes Getier von der tödlichen Kombination aus Monokulturen, Spritzmitteln, Lichtverschmutzung und Bodenversiegelung erholen.

Zum Glück brauchen die Krabbler und Brummer nicht viel Platz. Ein wissenschaftlicher Beirat, für den sich auch Peter gemeldet hat, berät beim Flächenankauf. Die Idee dahinter: Wenn vielen Menschen ein Stück Land gehört, kann es nur schwer enteignet oder umgewidmet werden. Natur frei zu kaufen ist kein neuer Ansatz, aber Edgar hat ihm einen frischen Anstrich verpasst. Das düstere Thema braucht Helligkeit und Leichtigkeit, gerade weil viele Menschen Insekten mit Ungeziefer und Schädlingen gleichsetzen.

Mitmachen kann jeder. Ab 10 Euro ist man dabei. Man kann Zeit geben, oder Geld, einmalig oder jährlich. „Auf die Natur können sich Viele einigen. Ich betreibe keine Ursachenforschung oder suche Schuldige für Naturzerstörung. Ich biete eine Lösung an und will alle dabei haben: EntertainerInnen, WissenschafterInnen, Linke, Rechte, KatholikInnen, Fundis, Realos“, erklärt Edgar Honetschläger.

Auslöser für sein Engagement war der deprimierend stille Sommer 2017. Seit Jahren bewirtschaftet er immer ein anderes Stück Land in Italien. Nach vielen Monaten ohne Niederschlag in der Maremma gab es dort kaum Insekten. Nicht einmal Zikaden, die den unverwechselbaren Soundtrack zu südlichen Sommernächten liefern. In der Folge gab es auch keine Fledermäuse und kaum Vögel: „Das hat mich fertiggemacht. Ich habe 20 Jahre in Japan gelebt und habe es wegen der Fukushima-Folgen verlassen. Ich habe in Australien nur noch Urwaldreste gesehen und die Viehweiden, denen der Löwenanteil zum Opfer gefallen ist. Ich habe damals in Hainburg gefroren, um die Au zu schützen“, beschreibt er. Aus der tiefen Verzweiflung und Trauer rappelte er sich schließlich hoch und stellte sich die Frage: Was kann ich tun?

Der Weltbürger und utopische Realist durchforstete sein Netzwerk, sammelte Know-how und tat, was er schon immer gut konnte: Menschen begeistern. Er analysierte Kickstarter-Kampagnen, befragte Fachleute für Organisation, Marketing und Rechtsfragen, traf BiologInnen, überlegte sich Anreize und organisierte Freiwillige. Im Sommer 2018 galt es, 800 Quadratmeter Garten zu bewirtschaften und die reiche Ernte zu verarbeiten. In der Galerie Charim stehen deshalb noch bis 19. Jänner 2019 Gläser mit Sugo, eingelegtem Gemüse und Antipasti, handkolorierte Kisterl und signierte Grafiken auf einer langen Tafel. Es sind seine Goodies für Buggys, wie die UnterstützerInnen von  Go bugs go!  heißen. Am Eröffnungsabend von „NATURE IS AN IMPOSSIBILITY" fragte Edgar „Was willst du werden?“ und füllte Unterstützungserklärungen mit Durchschlagpapier aus.

„Wir harmonieren gut“, sagt Peter Iwaniewicz über die Zusammenarbeit mit Edgar Honetschläger. Beide halten sich an die deep ecology-Quintessenz: Alle Lebewesen sind gleichwertig. Menschen haben kein Recht, andere Lebewesen zu zerstören. Heute wissen wir zudem, „dass Artenvielfalt unser Sicherheitsnetz für unser Überleben in der Zukunft ist. Umgekehrt ist jeder Verlust durch das eng verwobene Nahrungsnetz wie Russisches Roulette“, betont Peter. Als Wissenschaftsjournalist und Umweltbildner bemüht er sich schon viele Jahre um die Verständigung zwischen Menschen und Tieren. Ihm gefällt, dass „Edgar den Ansatz der freigekauften Natur als Refugium für Artenvielfalt auf eine neue Ebene hebt. Ich freue mich, weil das Projekt ganz neue Zielgruppen anspricht, Engagement einwirbt und weitgehend ohne mahnenden Kassandra-Ton auskommt.“

Er kennt aber auch harte Fakten, warum uns das Sterben der Krabbler und Flieger sehr viel angeht. Artenvielfalt ist ein Wirtschaftsfaktor und bestäubende Tiere für die Welternährung unumgänglich. Wie so oft in der Natur hängt alles mit allem zusammen: „Tatsächlich müssen sich auch Burgerfans für das Insektensterben interessieren“, erklärt Peter. Nicht nur, weil die Patties in Zukunft eher aus Mehlwurmfaschiertem bestehen könnten. Schon heute, weil Insekten den Futterklee für Rinder bestäuben. Es sind aber nicht nur Honigbienen, die Gemüse, Obst, Beeren, Nüsse, Futterpflanzen etc. dazu bringen, Früchte zu tragen. 25 von 50 der beliebtesten Aromastoffe für die Lebensmittelindustrie hängen von insektenbestäubten Pflanzen ab. Von 150 wirtschaftlich genutzten Pflanzen in Europa werden rund die Hälfte von Insekten bestäubt. Bei den Wildpflanzen sind gar 80 Prozent auf Insekten als Bestäuber angewiesen.

Je mehr Edgar von GoBugsGo! erzählt, desto klarer wird, dass ihn sein Leben bisher auf diese Aktion vorbereitet hat. Seine Mutter hat ihm das Kochen nahegebracht, die Natur und das korrekte Verhalten gegenüber Tieren, die man nicht in seiner Nähe haben will: „Ich töte keine Spinnen, sondern fange sie und lass’ sie raus.“ Sein Talent für Timing, Logistik und Organisation hat Edgar beim Filmemachen geschult: „Das ist das Anstrengendste, was es gibt. GoBugsGo! war noch etwas schwieriger, weil ich keine bezahlte Crew hatte, sondern nur pro bono mit Freiwilligen gearbeitet habe. Aber ich bekomme dauern Angebote für Mitarbeit, Forschung und Grundstücke. Ich spüre ganz viel Liebe und Dankbarkeit für die Idee.“

Das Thema wird medial immer öfter aufgegriffen und Edgar Honetschläger weiß, dass Menschen, die außerhalb der Städte wohnen, sowie LandwirtInnen ganz genau wissen, was Sache ist. „Meine Forderung an alle Leute, die viel Geld haben ist: Sie sollen Land kaufen und es in Ruhe lassen. Andy Warhol hat gesagt: Das schönste Kunstwerk ist, ein Stück Land zu kaufen und es nicht zu zerstören.“ Er will bei diesem Projekt nicht als Künstler einzigartig sein, sondern nachgeahmt werden: „Nix lieber, als wenn alle ihre Thujen umschneiden und den Rasen nicht mehr pflegen“, bringt er es auf den Punkt. Edgar weiß, dass er über Kritik nicht erhaben ist, weil er in seinem Leben „mehr in der Luft herumgeflogen ist, als die meisten Menschen. Ich werde sicher nicht den ersten Stein werfen. Ich beschuldige und verurteile nicht. Ich tu’ lieber etwas. Wie heißt es so schön? Mit Honig fängt man Fliegen, nicht mit Essig.“

Sich einzuschränken, etwas bleibenlassen, Rücksicht nehmen ist kein beliebtes Konzept. Wie gehst du damit um? Wenn wir das nicht lernen, ist es um uns geschehen. Ich stelle in Gesprächen mit jungen Menschen immer wieder fest, dass diese sich gut vorstellen können, dass eine Autorität klare Vorgaben machen muss wie „kein Plastik“ oder „Flugreisen verboten“, um die Welt zu retten. Ich kann so etwas nicht denken. Ich bin überzeugt von demokratischen Prinzipien und der Idee, dass sich die Vernunft durchsetzt und wir gemeinsam aktiv werden und etwas erreichen. Das Projekt verbindet so viele Leidenschaften von mir. Es macht mich glücklich, weil ich etwas Sinnvolles tue, etwas, das den beschränkten Kunstkreis übersteigt. Mit GoBugsGo! will ich versuchen, die Ängste der Menschen um die Zerstörung des Planeten zu dämpfen, ihnen ein Werkzeug in die Hand geben, mit dem sie konkret etwas tun können.

Wo geht es der Natur am besten? Du hast ja schon an vielen Plätzen gelebt. Vor Fukushima hätte ich gesagt: In Japan. Dort gibt es 67 % Waldanteil. Aber es gibt überall schöne Flecken. Ich behalte sie lieber für mich, weil sonst trampeln alle drüber. Das wäre Verrat – ich genieße sie als Geschenk des Lebens an mich. Ich muss dort kein Selfie machen.

Wirst du mit GoBugsGo! auch auf Tournee gehen? Ja nach Deutschland, England, Frankreich, Amerika und Japan sicher. In alle Länder, in denen ich gelebt habe.

Kochst du gerne? Ich gehe ungern in Restaurants, weil ich in einem aufgewachsen bin. Ich koche täglich selbst, das entspannt mich auch. Das einzige Ziel ist dann guter Geschmack und den erreicht man nicht durch nachdenken. In Italien habe ich mich bei den Nachbarinnen nach Sugorezepte umgehört. Ich verschenke auch gerne Sugos. Die Wertschätzung vieler Stunden kann man schmecken.

Wie bewegst du dich in der Stadt fort? Ich bin ein leidenschaftlicher Radfahrer.

 

Warum lebst du nicht ganz in Wien? Ich bin ein polarer Mensch, deshalb geht nur Wien allein für mich nicht. Rom ist ja ganz nahe. Ich liebe Italien und überhaupt starke Kulturen. Die gibt es überall, wo ich bisher gelebt habe, auch in Japan und Brasilien.

Hast du einen Buchtipp für uns? Das neue Buch von Peter. Und von Hazel Rosenstrauch das Buch „Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt ".

Was ist deine Botschaft für Wien: Die Stadt soll viel mehr Grünzonen verwildern lassen. Die vielfach missverstandene Stadt Brasilia hat siebenstöckige Häuser und unten überall Garten Eden.

Web
Gobugsgo


Peter Iwaniewicz, geboren 1958 in Wien, ist Kulturökologe, Buchautor und Umweltbildner und klärt in der Wiener Stadtzeitung „Falter“ über Tiere auf.

Tiere im Falter
zum Buch

 

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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