Pilger 2.0 von Wien nach Marrakesch

Ernst Merkinger fotografiert von Nini Tschavoll

Name Ernst Merkinger, geboren 1990, ist aus Weistrach im Mostviertel, lebt in Wien Neuwaldegg und möchte Pilger, Rotzbua und Mensch sein


Ernst Merkinger versucht nichts (mehr) zu machen, was seinem Wesen nicht entspricht. Woher nimmt der 27-jährige Mostviertler das Urvertrauen, die Freiheit und die Überzeugungskraft den eigenen Weg zu gehen? Sein Weg im Wortsinn führte ihn 2017 – zu Fuß – vom Wiener Kutschkermarkt zu André Hellers Anima Garten in Marokko.

Finanziert hat er seine Pilgerreise 2.0. mittels Crowdfunding. Er überzeugte vorab 300 Leute, ihn finanziell zu unterstützen. Eine weitaus größere Anzahl (> 10.000) von Fans verfolgte seine Abenteuer via Instagram. Viel wichtiger waren aber die unzähligen Menschen, die ihn zwischen Wien und Marrakesch körperlich und seelisch genährt, beherbergt und mit Taschengeld und Ausrüstung ausgestattet haben. Sein Karmakonto ist im Plus und dafür ist Ernst dankbar.

Als das Crowdfunding gut zu laufen begann, war für ihn rasch klar, dass er den Trip kreativwirtschaftlich nutzen konnte. Blog und Instagram wurden plötzlich zum Beruf. Das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu finden, war ein Lernprozess. Wie viel Einblick ist notwendig, was behält man lieber für sich? Von Selfies und Selbstoffenbarungen verlegte er sich im Lauf seiner Reise immer mehr auf seine Umgebung als Schauplatz von Geschichten.

Im Juni 2017 brach er auf, im Oktober kam er zurück. Sein erster „Dia-Abend“ im Dezember war mehr als gut besucht. Ernst war jedenfalls überrascht vom großen Bedürfnis seiner Follower, ihm im echten Leben zu begegnen. Er gab den Instagrammer zum Angreifen. Zuletzt hat er sich aus dem „Narzissten-Netzwerk“ etwas zurückgezogen, um das angekündigte Buch, eine Kombi aus Autobiographie und Anekdotenfeuerwerk der Pilgerreise, fertig zu schreiben.

Der Influencer kommt eine Weile ganz gut ohne Likes und Shares aus. Dafür ist „Mein Leben ist eine Pilgerreise“ fertig und im Lektorat. Darauf stoßen wir mit Ernst im rien mit Wiener Leitungswasser an.

Ernst ist ausgebildeter medizinischer Masseur, naturbelassener Schmähbruder, meditiert seit er 13 war regelmäßig, praktiziert Yoga, ist Studienabbrecher (Psychologie und Sportwissenschaft), Rad-, E-Board- und Öffi-Fahrer, arbeitete als Fotoassistent, Facebook-Administrator, Regiehospitant (Haager Theatersommer und Theater in der Josefstadt), Online-Redakteur und TV-Gestalter.

Seine gute Balance zwischen Innenschau und Extraversion macht ihn aber zum geborenen Reisenden: „Ich habe den Gendefekt oder das Talent, ganz einfach auf Leute zuzugehen. Und ich fühle mich nie einsam, weil ich in meinem Kopf nie allein bin.“ Wer ist da noch? Es gibt etwa die Mama Ernst, die ihn anhält seine Sachen zu waschen, den Mönch Ernst, der ihn zur Innenschau in der Meditation einlädt, Social-Media-Ernst, der an neuen Ideen tüftelt oder Manager Ernst, der alle zusammenhalten will. Wer 30 Kilometer am Tag geht, hat jedenfalls viel Zeit zum Nachdenken.

„Scheitern bedeutet für mich, etwas nicht probiert zu haben“, erklärt der Wahlwiener. Seine Eltern haben ihm Nächstenliebe, Vertrauen und Mitgefühl als menschliche Qualitäten mitgegeben, betont Ernst, der sich selbst die Attribute Pilger, Mensch und Rotzbua gibt. Für weitere Erdung und unerwartete Übungen in Demut sorgten ein schwerer Skiunfall mit 13 Jahren und ein hartnäckiger Tinnitus mit 20 Jahren. Meditation half ihm beide Male, den Rückschlag zu verarbeiten und auf sich selbst zu hören.

Wien – Marrakesch war nicht seine erste Pilgerreise. 2016 entschloss er sich spontan, den Jakobsweg von Pamplona bis Santiago de Compostela zu beschreiten. Im Zug zum Flughafen überkamen ihn Zweifel, aber der erste Schritt überzeugte ihn. Er verliebte sich in die Dynamik und den Zusammenhalt von Pilgerreisenden auf dem Weg, die „Magie des Pilgerns“. Apropos Magie. Auch in Marokko war Ernst vor seinem Pilgertrip schon einmal. Magier André Heller himself führte ihn damals durch den Anima-Garten im Ourika-Tal.

Pilgern, eine der ältesten Reiseformen der Menschheit, ist schon seit einigen Jahren wieder populär. Der Weg gibt jedem, was er braucht. Auf der eigenen Pilgerreise idente Erfahrungen machen zu wollen, ist daher eine Illusion. Nichtsdestotrotz ist es vergnüglich zu lesen, wie sich Ernst und ein skeptischer Familienvater schrittweise annäherten. Der unvergessliche Aufenthalt in Le Pin (Frankreich) wurde schließlich mit Orangenblättern in einem Marmeladeglas abgegolten.

Sein Motto hat sich Ernst Merkinger vom Kirchenlehrer Augustinus geliehen: „Ama et quod fac vis!“ Zu Deutsch: Liebe und tu was du willst! Der inspirierende junge Mann hat einfach ein Händchen für glückliche Begegnungen und pflegt sein inneres Kind. Ein Zelt nahm er erst gar nicht mit und er hat es wohl deshalb auch nie gebraucht. Wenn er die Landessprache nicht einmal rudimentär beherrscht, spielt er sein pantomimisches Talent aus.

Zudem lässt er sich von Spiritualität und Emotionen berühren, ohne als wehleidiges Weichei zu enden. Während seine Großeltern noch mit einer 8-mm-Kamera nach Marokko gereist waren, schloss der Enkel den Kreis 60 Jahre später mit seinem iPhone. „Wenn mich etwas emotional ergreift, muss ich dem nachgehen“, so Ernst Merkinger. Zweifel hat der sympathische Weltenbummler oft genug, aber auch die Zuversicht, dass sich der nächste Schritt schon ergeben wird.

Was ist die wichtigste Lektion, die du von deiner Reise mitgebracht hast? Ich würde hier Heini Staudinger zitieren: 1.) „Liebe!“ 2.) „Scheiß di ned an!“ Und 3.) „Sei ned deppert!“

Worauf setzt du für deinen Blog in Sachen Equipment? Was hattest Du unterwegs dabei? Auf Ehrlichkeit, Menschlichkeit, Ernst und Humor. Auf ein iPhone SE, ein iPhone 6 und ein MacBook Pro aus dem Jahre Schnee. 

Du bezeichnest Wien als Deine Lieblingsstadt. Warum? Hier ist alles so verdichtet und zentriert. In einer halben Stunde kann ich überall sein, von der Albertina oder der Urania beim Theater in der Josefstadt oder im Wienerwald.

Was ist dein Wiener Lieblingswort? Panier. 

Dein Wiener Lieblingsort? Das Palais Ferstel.

Was gibt es nur hier? Michael Häupl. Noch. 

Welchen historischen Wiener bewunderst du? Helmut Qualtinger.

Was liest du aktuell? „Psychologie heute“ Magazine und eine Biographie über Erich Kästner.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? „Life Guidance“ von Ruth Mader im Stadtkino.

Was ist dein Lieblingsfilm und dein Lieblings-Theaterstück? „Amour“ von Haneke bzw. „Me and Earl and the dying girl“. Theaterstück: „Jägerstätter“ mit Gregor Bloéb in der Hauptrolle!

Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten? Flamingosis – „Bright Moments

Dein allerliebster Lieblingssong? Heller & Qualtinger „Bei mir seid’s olle im Oasch daham

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Wenn dann für den Wiener Sportclub, aber ich schaue mir mittlerweile eher auf YouTube- Yoga-Posen als das UEFA Champions League Finale an. 

Dein Lieblingslokal mittags? Das MetchaMatcha im 7. Bezirk.

Lieblingsrestaurant für abends? Überall, wo es Maki gibt.

Lieblingsbar? Das Heuer am Karlsplatz.

Wo feierst du mit deinen Freunden? Im Grünen.

Wo entspannst du dich am besten? In Saunas, in Yogastudios und in meinem Bett. 

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich inspirieren? Museen, Kinos, Theater, Yogastudios, Kabaretts …

Wo suchst und findest du Möbel für deine Wohnung? Bei den wöchentlichen Flohmärkten Wiens.

Deine drei Lieblings-Shoppingadressen in Wien? Qwstion, Steppenwolf und ja, Qwstion. 

Was möchtest du Wien ausrichten? Liebe Wienerinnen und Wiener, bitte immer schön weiterraunzen und man möge ihm weiterhin, obwohl er bald abtritt, den Spritzwein bringen. 

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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