Europäerin mit Leib und Seele

Katharina Moser fotografiert von Nini Tschavoll

Name Katharina Moser, geboren 1983 in Salzburg, Beruf gesellschaftspolitische Unternehmerin, wohnt in Wien Mariahilf


Mit ihrem Projekt Route 28 öffnet die Salzburgerin Katharina Moser zum zweiten Mal in Folge ihr Kurzzeit-Reisebüro für Europatouren innerhalb Wiens. Wer sich vorher anmeldet, kann am 6. Mai bei freiem Eintritt mitten in Wien die Vielfalt Europas erleben. Das heißt Mitmachen bei Improtheater, Slow Biking und Teppichknüpfen. Berieselung ist nicht. Dafür Lachen, Lernen und neue Leute kennenlernen.

Infiziert mit der Begeisterung für das vielfältige Europa wurde Katharina Moser gleich nach der Matura. Die gebürtige Salzburgerin ging mit dem Europäischen Freiwilligen Dienst ein Jahr nach Madrid. Sie arbeitete nachmittags in einer Sprachschule und wohnte in einer WG mit acht Leuten aus sieben europäischen Ländern zusammen.

Alle mühten sich mit dem unvertrauten Spanisch ab und gerade das förderte das gegenseitige Verständnis. Europa in Vielfalt vereint als Lebensart, Rezept oder Brauch war ihr bereichernder Alltag. „Wenn wir heute über Europa reden, wird der Lebensraum oft mit der EU als Struktur gleichgesetzt. An der Staatengemeinschaft gibt es für jeden – und oft zurecht – etwas zu kritisieren. Aber das droht zu verschütten, was Europa einzigartig, lebenswert und interessant macht.“

Im Jahr 2015 machte sich Katharina Moser mit ihrer Agentur MOSAIK selbständig, um Basisarbeit für mehr Begeisterung zu leisten. Sie will das Herz in die verkopfte Vorstellung von Europa zurückbringen und das Verständnis der Europäer und Europäerinnen füreinander befördern.

Schon in Madrid erweiterte sie ihre Deutschkurse kurzerhand zum Kulturaustausch samt Apfelstrudel backen, Walzer tanzen und STS hören. Auch bei Route 28 steht das persönliche Erleben eines Europagefühls im Mittelpunkt: Sei es mit Pint beim Pub Quiz, beim Pierogi kneten oder beim Jodeln mit Schoko- und Käsebegleitung.

Am 6. Mai 2017 konnten Interessierte eine Reise durch Europa buchen. Das Besondere daran: Man musste  die Stadtgrenze Wiens nicht überschreiten, bereiste an einem Nachmittag gleich drei europäische Länder und zahlte dafür keinen Cent. 

Europa ist schließlich für alle da. Je nach Wagemut und Interesse standen nach Voranmeldung 1000 Plätze auf sieben Reise-Routen zur Verfügung: Für Genießer, echte Mitmacher, Familien oder Bühnenbegeisterte. Ein paar Tage nach der Veranstaltung wurde Katharina Moser übrigens vom österreichischen Aussenminister mit dem Europa-Staatspreis ausgezeichnet!

Die Länderstationen sollten weder Zirkus zeigen noch fade Fassade. Die Auswahl authentischer Reiseerlebnisse mit einem gewissen Twist gelang dem sechsköpfigen Team mit Kulturinstituten, Botschaften und Menschen aus dem jeweiligen Land. Viel Europa konnte in Wien selbst aufgestöbert werden, der Rest wird dank 60 Partnern und Sponsoren eingeflogen.

Die Unternehmerin mit gesellschaftspolitischem Antrieb will nicht alle gleich machen, sondern die Unterschiede genießen. Europäisch sein bedeutet nicht seine Identität zu verlieren, sondern sich trotz Unterschieden als Teil eines funktionierenden Ganzen zu begreifen. Aus eigener Erfahrung weiß Katharina, dass schon die Begegnung mit einem Menschen den Zugang zu einem anderen Land und seiner Kultur legen kann.

„Verständnis füreinander kann nur greifen, wenn man die europäische Grundidee erlebt. Dann klappt es auch mit den darüberliegenden Ebenen Politik, Ökonomie oder Sicherheit besser“, ist Katharina überzeugt.

Nach Wien gezogen ist sie nach dem Jahr in Madrid, um an der Uni Wien Theaterwissenschaften zu studieren. Zusätzlich absolvierte sie ein individuell zusammengestelltes Diplomstudium zum Thema Europäische Kultur. Danach arbeitete sie als Projektmanagerin beim Österreichischen Außenministerium, dem British Council London und dem Europäischen Forum Alpbach.

Katharina Moser veröffentlichte während des Studiums „Servus, Bussi und Baba“, ein Buch in dem junge Menschen aus Europa beantworten, was sie „typisch österreichisch“ finden – Stichworte: Sound of Music, Selbstbedienungstaschen für Zeitungen, Stehplätze für die Oper und Handküsse.

Die selbstbestimmte Projektarbeit vermisste sie im Angestelltendasein bald und so wurde sie nach einem Sabbatical selbst gesellschaftspolitische Unternehmerin. Die Agentur setzt niederschwellige Projekte und Produkte für einen positiven europäischen Spirit um. Etwa das Kartenspiel KOMM ZU MIR!. Außerdem stöbert sie für ihre Kolumne in der „bz-Wiener Bezirkszeitung“ kulturelle Communities in Wien unter dem Titel „Ur europäisch!“ auf.

Das alles macht sie in den Räumen des  Impact Hub in Wien Neubau. Für sie die ideale Infrastruktur, da sie ihren Arbeitsbereich gerne  getrennt vom Wohnraum hat und andere Menschen in der Nähe wissen möchte.

Die Community des Impact Hub ist darüber hinaus speziell, weil die Mitglieder nicht nur das Büro teilen, sondern auch einen regen Austausch pflegen.

Die Unternehmenskultur ist offen, neugierig und respektvoll – dann klappt auch das Miteinander vieler unterschiedlicher Charaktere. Wickel gab es übrigens auch in der Madrider WG nie aufgrund kultureller Unterschiede, sondern eher wegen des Putzplans. Das ist anderswo in Europa nicht anders als in Wien.

Die Route 28 vergibt am 6. Mai 1000 Plätze für Drei-Länder-Touren an einem Nachmittag. Wie wird das organisiert, damit kein Massentourismus-Gefühl aufkommt?

Die gewünschte Drei-Länder-Tour wird bei der  Online-Anmeldung vorab schon ausgewählt. Um 13 Uhr kommen alle Reisewilligen im Haupthof vom MuseumsQuartier zusammen. Für jede Route gibt es drei Gruppen von je 40-50 Leuten. Jeder Gruppe hat einen Guide, der den ganzen Nachmittag begleitet.

Jeder Länderbesuch dauert 45 Minuten und in der halben Stunde dazwischen ist Zeit zum nächsten Land zu reisen. Am Ende kommen alle wieder in Ovalhalle und Arena 21 im Museumsquartier zusammen, wo es auch eine kleine Europamesse gibt.

Was ist der Europäische FreiwilligendienstEs ist ein so cooles Programm,  bei dem man ein paar Monate bis zu einem Jahr in einem anderen Land bei einem sozialen oder kulturellen Projekt mitarbeiten kann. Leider kennt es kaum jemand. Du darfst maximal 30 Jahre alt sein. Wenn die Bewerbung angenommen wird, gibt es Flug, Sprachkurs, Wohnmöglichkeit und Taschengeld dazu.

Was schätzt du an Wien besonders? Ich habe in Berlin und London gelebt und der Glanz der Großstadt verblasst schnell, wenn du dort mal drei Stunden mit dem Nachtbus nach Hause unterwegs warst. Wien ist genau die richtige Mischung aus Großstadt und Überschaubarkeit. Es passiert viel, es ist urban, mit reichem Kulturangebot. Und man kann sich die Stadt trotzdem zu Fuß, mit der U-Bahn oder mit dem Rad erschließen.

Welche/n historische/n Wiener/in bewunderst du? Eher den Salzburger Stefan Zweig, einen Reisenden, er war ein echter Europäer und ein glänzender Beobachter des Fin de Siècle.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? Begeistert haben mich zuletzt: „Collateral Beauty“, „The Arrival“ und „Captain Fantastic“.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten? Ich habe immer saisonale Playlists. Momentan quasi Motivationsmusik für den Endspurt. Viel Kämpferisches, Durchhalte-Musik etwa Holy War von Alicia Keys oder auch Pink Floyd.

Hast Du Lieblingslokale? Ich habe kein Stammbeisl. Ich führe eine nie endende Evernote Liste mit Lokalen, die ich besuchen möchte. Im Hotel am Brilliantengrund gibt es köstliche Pho-Suppe. Wenn es warm ist, gibt’s im Hof zwischen den bunten Sesseln und den Hotelgästen immer so ein Urlaubsfeeling dazu.
Ich habe auch eine neue Lieblingsbar: Im Hotel Ruby Marie in der Kaiserstraße im 5. Stock – toller Blick und im Sommer eine Terrasse. Die Bar-Enoteca da Lucio in der Kirchengasse ist so eine richtige Aperitifbar mitten in Wien und Lucio ein Italiener erster Güte, voll Charme und Freundlichkeit.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich inspirieren? Ich mag den Ausblick auf die Stadt Wien hinunter – etwa am Himmel. Einer meiner Lieblingsplätze in Wien ist aber ganz zentral. Gleich beim Institut für Theaterwissenschaften, der Platz „In der Burg“ im inneren Burghof der Hofburg, gegenüber der Schatzkammer. Dort gibt’s, sobald es finster wird, so eine wunderschön orange leuchtende Turmuhr. 

Wo entspannst du dich? Dafür ist momentan nicht viel Zeit. Ich gehe einmal in der Woche eine Stunde schwimmen ins Stadthallenbad und setze mich dann mit einem Notizbuch ins Café Jelinek.

Was willst Du Wien ausrichten? Es braucht dringend einen gelungenen, mit Europa assoziierten Platz in Wien, der gut gestaltet ist. Nicht Euro Shop, Euro Plaza oder Europa Wettcafe.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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