Distanz bringt Durchblick

Ewa Placzynska fotografiert von David Leyes

Name Ewa Placzynska, geboren 1984 in Warschau (Polen), aufgewachsen in Wien, Beruf Schauspielerin, wohnt seit 2011 in Toronto (Kanada)


Die Schauspielerin Ewa Placzynska ist Exil-Wienerin mit polnischen Wurzeln. In ihrem charmanten Tutorial zeigt sie, wie man mit nur einem Wort in Wien mitreden kann. Ob YouTube ihr zu einem Engagement in der Heimatstadt verhelfen kann? Schau’ ma mal.

Ihren Freund lernte die Wienerin 2009 in New York an der Lee Strasberg Schauspielschule kennen. Die beiden einigten sich darauf, dass die sechssprachige Ewa es in Kanada vielleicht leichter hätte als er mit Englisch in Österreich. Auch hatten sie in Wien beide kein Netzwerk, um in der Branche Fuß zu fassen.

„Ich habe mich zwei Mal am Max Reinhardt Seminar angemeldet, aber bei der Aufnahme­prüfung beide Male gekniffen“, gesteht Ewa. Stattdessen studierte sie Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Universität Wien.

In Toronto spielt sie bei einer Company namens „Scuderia“. Im Repertoire sind etwa die „Vagina Monologe“ oder – begleitend zu einem aufklärenden Booklet – Stand-up-Comedy zum Thema sexuelle Belästigung. Das geht sich aus. Daneben macht sie eigene Sachen, wie etwa die Parade-Polin in What’s in my bag?

„Ich tanze auf einer dünnen Linie und muss mich fragen: Wann wird die Toleranzgrenze überschritten? Wann erkennen sich Menschen wieder?“ Das Polen-Video ist politischer, nicht so leichtfüßig. Auf Komödie hat sie sich aber auch nicht festgelegt. Im Amerling-Gymnasium im 6. Bezirk war sie Schulsprecherin, nicht Klassenclown: „Mit 16 Jahren haben sie zu mir gesagt ‚Du führst dich auf wie mit 32.‘ Jetzt bin ich 32 Jahre alt und habe mehr Selbstironie und Leichtigkeit als mit 16.“

Das „Oida-Tutorial“ stellte sie an einem Wochenende online und fuhr mit ihrem Freund weg. Eine Freundin schrieb ihr: „Ewa, du gehst gerade viral.“ Dass es gut ankommen wird, hat sie sich gedacht. Aber nicht damit gerechnet, dass es explodieren wird. Ihre Agentin in Toronto rief sie am Montag aufgrund zahlreicher Medien-Anfragen an und fragte: „Was hast Du gemacht?“

Ewa kennt mehr als 20 Bedeutungen für das Wort „Oida“. Es ist quasi das Taschenmesser des Wienerischen, das in beinahe jeder Situation passt. Seit ihr Zwei-Minuten-Video HOW TO SPEAK VIENNESE USING ONLY ONE WORD auf YouTube online ist, haben auf Facebook 2,3 Millionen Menschen darüber gelacht. Dabei hat die Wienerin nicht einmal alle Bedeutungen aufgezählt, die ihr eingefallen sind: „Die aggressiven Varianten habe ich weggelassen.“

Als Web-Star sieht sich die Schauspielerin, die seit 2011 der Liebe wegen in Toronto lebt, nicht. Vielleicht gelingt es ihr aus der Ferne besser, Wiener Klischees zu erkennen: Distanz bringt Durchblick. Es war eine Freundin in der Heimatstadt, der sie den Clip mit dem Betreff „Noch ein Video weil mir fad ist“ geschickt hat. Geplant hatte sie das Video schon länger, gedreht hat sie an einem Tag und geschnitten in noch einmal fünf Tagen.

Als wir skypen, zeigt sie mir die sauber aufgerollte rote Leinwand und die Lampen in ihrem Wohnzimmer. Dieses Equipement braucht das Paar immer wieder, um sogenannte „self tapes“ zu drehen. In Kanada ein gängiger und gangbarer Weg, um vorzusprechen.

Drehen und schneiden hat Ewa 4 Jahre lang beim früheren Stadtsender Puls TV (heute Puls 4) gelernt. „Früher wollte ich aus Wien raus, die Welt entdecken. Langsam möchte ich wieder heim“, sagt sie, die zunächst nur ein Jahr in Toronto bleiben wollte. Aber Provisorien halten bekanntlich am längsten.

Hat sie den Casting-Dauerlauf mit einem YouTube-Hit überrundet? Ewa verneint. Es gibt Rollen, wo eine Web-Präsenz von Vorteil ist. Und es gibt Angebote, aber kein konkretes Engagement: „Ich habe das ohne Hintergedanken gemacht. Aber wenn ich letztlich zwei Dinge verbinden kann, die ich liebe – Schauspielen und Wien – wär das natürlich schön.“

Früher hätte sie sofort die Sachen gepackt und wäre losgefahren, um vorzusprechen. Jetzt geht sie es etwas überlegter an. „Die Schauspielerei ist schwierig: Man muss sich selber Arbeit schaffen, um dann Arbeit zu bekommen. Vor dem Spiegel Monologe zu sprechen bringt nicht viel.“ Die Videos sind Fingerübungen und „wenn ich nichts mehr mache, bin ich wohl ein One-Hit-Wonder“, lacht sie. Sie denkt über einen Clip nach, in dem sie Wiener Redensarten übersetzt (Englisch – Deutsch – Wienerisch). Das geht sich aus.

Wie oft bist du in Wien? Jedes Jahr drei Wochen im Sommer und einen Monat im Winter.

Was machst du als erstes, wenn du in Wien bist? Ich hole mir eine Leberkäsesemmel. Wenn ich ausgeschlafen bin, gehe ich im ersten Bezirk spazieren. Im Demel esse ich ein kleines Punschkrapferl, gehe durch die Kärntner Straße und über den Graben. Und ich versuche, viel Zeit mit meiner Mama, meiner Schwester und meinen Freunden zu verbringen.

Wo isst du gerne? Ich liebe das Ra’mien auf der Gumpendorferstraße. Viele meiner Wien-Ausflüge sind kulinarisch motiviert.

Aber in Toronto muss es doch jede erdenkliche Küche geben? Alles was importiert wird, ist teuer: etwa Käse und Schinken. Geben tut es natürlich alles. Ich mag das Multikulturelle an Toronto. In einem U-Bahn Waggon sind Menschen aus aller Welt vereint. Aber eine Kanadische Küche gibt es nicht. Nur „Poutine“ , das sind Pommes Frites mit Cheese Curd und Fleischsaft und den „Nanaimo Bar“ als Nachspeise. 

Was vermisst du in der Ferne? Familie, Freunde und die Stadt, die Geschichte atmet. Toronto ist eine sehr junge Stadt in einem jungen Land. In Wien kann man Vieles sehen, ohne weit zu fahren. In Europa fährst du zwei Stunden und bist in einer anderen Kultur. In Kanada sind die Distanzen sehr groß.

Kennst du einen wienerischen Ort in Toronto? Es gibt mehrere „Little Polands“ in Toronto, sehr konzentriert und sehr konserviert. Dort sehe ich aus, wie alle anderen. Sonst sagen mir die Menschen oft, dass ich Osteuropäisch aussehe.

Wonach schmeckt Wien? Es schmeckt windig, nach Knabbernossi, Bier und Sommer im Museumsquartier.

Was gibt es nur in Wien? Das Gänsehäufel und die anderen Donau-Strandbäder. Und eine gewisse Art von humorvollem Sarkasmus.

www.ewaplaczynska.com

 

HOW TO SPEAK VIENNESE USING ONLY ONE WORD

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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