Fräulein Nooras Gespür für Eis

Noora Karjaleinen fotografiert von Nini Tschavoll

Name Noora Karjalainen, geboren 1982 in Turku/Finnland, lebt in Wien Währing und ist Cheftrainerin von „Sweet Mozart“, dem österreichischen Synchron-Eiskunstlauf-Damenteam, das im April 2018 bei der Weltmeisterschaft in Schweden teilnimmt


Als Noora Kajalainen im Jänner 2015 mit ihrem Mann, der kleinen Tochter und Hund Benjamin aus Turku nach Wien übersiedelte, wusste sie wenig über die Stadt. Die wichtigsten Punkte auf ihrer To-do-Liste waren: Ein Zuhause schaffen, die Sprache lernen, Freunde finden und eine Beschäftigung suchen. Dass sie zwei Jahre später Cheftrainerin des österreichischen Synchron-Eiskunstlauf-Damenteams „Sweet Mozart“ sein würde, war nicht geplant. Aber genau hierin liegt für die gebürtige Finnin der Reiz der Auslandserfahrung.

Ihre Eislaufschuhe hatte Noora im ersten Koffer, den sie in Wien auspackte. Schließlich steht die ausgebildete Innenarchitektin seit sie drei Jahre alt war auf Kufen. Nach rund einem Monat konnte sie den Umzugscontainer aus Turku nach Wien beordern, um ein Zuhause einzurichten. Sie besuchte einen Anfänger-Deutschkurs am Sprachenzentrum der Universität Wien und fand mit ihrer Tochter in der finnischen Community rasch Anschluss durch die Krabbelgruppe  und den Schulverein im WUK . Auch Eislaufstunden für finnische Kinder in Wien gab sie bald.

Gelegenheiten zum Eislaufen gibt es winters in der Stadt genug. 2017 beging der Wiener Eislaufverein sein 150. Jubiläum. Die Stadt kann sich auf eine lange Tradition des eiskalten Vergnügens berufen, die – wie so vieles – bis in die Monarchie zurückreicht. Wenn es länger knackig kalt ist, gehen Wagemutige auch auf der Alten Donau eislaufen. Manche wollen ruhige Runden an frischer Luft drehen, andere bevorzugen das wilde Rangeln um den Puck und wieder andere elegante Pirouetten und Hebefiguren. In den Hallen und Kunsteisbahnen Wiens kommen fast alle auf ihre Kosten.

Wenn es aber um Nooras Sport, den Synchron-Eiskunstlauf geht, leistet die Finnin in Wien täglich Aufklärungsarbeit. Kurz gefasst müssen beim Synchronized Skating 16 Menschen so gut aufeinander abgestimmt sein, dass sie sich zur Musik wie eine Einheit bewegen. Sie zeigen in Bewerben zwei Programme mit vorgeschriebenen Elementen in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

In ihrer Heimat Finnland ist die Nachwuchsförderung im Eislaufsport wie eine Pyramide aufgebaut. In sehr vielen Orten sind in wenigen Clubs viele Mannschaften auf fünf Levels organisiert. Wie in einer Akademie kommt man weiter, wenn man gut genug ist: von Anfänger bis Profi. Die Fülle an Teams tritt zudem laufend in Bewerben gegeneinander an. In Österreich gibt es EIN Damen-Profiteam namens „Sweet Mozart“ quasi ohne nationale Konkurrenz.

Noora Karjalainen ist seit der Saison 2016/17 Cheftrainerin (und übrigens die einzige Synchron-Eiskunstlauf-Trainerin mit Diplom in Österreich) und freut sich den sprichwörtlichen Haxen aus, dass sich ihr Team für die WM im April 2018 in Schweden qualifiziert hat. Das Team gibt es seit 2005, aber 2010 war die letzte WM-Teilnahme. Im Hintergrund zieht Carmen Kiefer die Fäden. „Sie macht einen tollen Job und ohne sie gäbe es kein Sweet Mozart Senior Team“, sagt Noora. Carmen Kiefer stellt auf die Beine, was es neben zwei Trainerinnen braucht: Vom Sponsoring und Trainingsmöglichkeiten über Kostüme und Übernachtungen, bis zu Reisekosten, Kufenschleifen und so weiter.

Noora selbst war ab ihrem 12. bis zu ihrem 19. Lebensjahr Mitglied des Nationals Junior Teams ihrer Heimatstadt Turku und nahm an Bewerben teil. Die renommierten Clubs suchen aktiv nach Talenten im Land. Auf dem Eis bemerkte sie die Trainerin des Helsingin taitoluistelu klubi (HYK) aus Helsinki, dessen Profi-Damenteam Finnland schon oft bei Weltmeisterschaften vertreten hat. Dort lief sie zwei Jahre mit, bevor sie zum Studium nach Turku zurückkehrte, die Profikarriere aufgab und nebenbei als Coach arbeitete.

Auch der Job als Trainerin von „Sweet Mozart“ ergab sich sozusagen an der Bande. Zunächst hielt sie nur einzelne Workshops. Im Vorfeld der WM fährt Noora nun jeden Freitag bis Sonntag nach Salzburg, um das Team zu trainieren. Eine Gemeinsamkeit zwischen Finnland und Österreich gibt es im Synchron-Eiskunstlauf: Auch als Profi musst du dein Geld woanders verdienen. Die 20 Frauen bei „Sweet Mozart“ sind zwischen 15 und 30 Jahre alt und formen die Damen-Nationalmannschaft in ihrer Freizeit. Weil die Sportart hierzulande oft unverstanden und eher unbekannt ist, mussten Teammitglieder aus verschiedenen Ecken des Landes und des Auslandes erst einmal zusammengesucht werden. Aus Polizistin, Studentin oder Juristin werden in vielen Stunden Training ein Team, das 16 Köpfe, 32 Beine und Arme synchron und souverän bewegt. Nun heißt es Kufen schärfen und Daumen halten für die kommenden Bewerbe.

Hast du nie überlegt als Innenarchitektin in Wien zu arbeiten? Ich glaube, das wäre eine noch größere Herausforderung gewesen, als das Wiener Eislaufsystem zu durchschauen. Ich bin eine typische Anhängerin des skandinavischen Stils: viel weiß, sehr reduziert und minimalistisch. Die meisten Wiener Wohnungen, die ich kenne, sind sehr bunt und angeräumt. Das Minimalistische wäre vielleicht schwer durchzusetzen (lacht)!

Was hat dir beim Start in der fremden Stadt geholfen? Jänner ist nicht der beste Monat, um in Wien neu zu beginnen. Aber meine ersten Finnen, die ich über die Aktivitäten der Finnischen Community kennengelernt habe, sind immer noch in meinem Leben. Wir waren zunächst, vermittelt über den Arbeitgeber meines Mannes, in einer möblierten Wohnung. Das Vermieter-Ehepaar dort war wahnsinnig nett, hat uns sehr herzlich willkommen geheißen und uns die Umgebung gezeigt: die Geschäfte, den Park, wo es Straßenbahntickets gibt usw. Sie waren wirklich hilfsbereit!

Hast du es je bereut nach Wien gekommen zu sein? Wir hatten ein Haus und beide tolle Jobs. Es gab also keinen offensichtlichen Grund, aus Finnland wegzugehen. Aber mein Mann und ich wollten diese Erfahrung machen und es war einfacher mit einem kleinen Kind. Wir haben eine tolle Zeit hier und bereuen nichts. Ich hätte ganz viele Dinge in meiner Heimat nie erreichen können: Nationaltrainerin zu werden etwa. Ich liebe es!

Läuft deine Tochter auch Eis? Ja, sie hat sogar schon mit eineinhalb Jahren angefangen. Aber ich bin keine Eislaufmutti. Genauso wenig, wie meine Mutter bei mir. Sie hört ohnehin nicht auf mich. Aber ich habe ja in Wien noch ein Hobbyteam in der Eishalle der Stadthalle, da kann ich mich verwirklichen.

Du kennst ja beide Systeme. Hast du eine Empfehlung für die Eiskunstlauf-Nachwuchsförderung? Ich denke, dass es in Österreich genug gute Eisläuferinnen gibt. Um mehr herauszuholen, müsste man es vielleicht anders organisieren. Hier gibt es wahnsinnig viele Vereine, in denen jeweils recht wenige Leute trainieren. Da fällt es schwer, den Überblick zu behalten, um Talente zu fördern.

Was wird Sweet Mozart bei der WM in Schweden im April zeigen? Der Saisonstart Ende Juni ist immer am schwersten, weil du das bestehende Team mit den neuen Teammitgliedern verschmelzen musst. Aber wir haben hart gearbeitet und große Fortschritte gemacht. Im Kurzprogramm machen wir zu einem Song von The Cat Empire eine „Girls Night Out“ zum Thema. Die Kür ist eine Choreographie zu einem Medley des Soundtracks „The Boss Baby. Das passt gut zu Detektivinnen, die die Welt retten. Vorher sind noch zwei internationale Bewerbe: Der Mozart Cup in Salzburg Ende Jänner und der Budapest Cup.

Eiskunstlauf ist ja ein Hallensport. Wo gehst du in Wien am liebsten mit Aussicht eislaufen? Der Rathausplatz mit dem Wiener Eistraum hat die schönste Kulisse, die ich kenne. Die beleuchteten Bäume, das märchenschlossartige Rathaus, die Bahnen im Park. Es ist voll, aber eine nette Atmosphäre. In Salzburg trainieren wir in der Nähe des Volksgartens. Der Anfang der Saison war lustig, da wir im September neben dem öffentlichen Schwimmbad auf Eis trainiert haben.

Was vermisst du an Finnland? Meine Familie: Bruder, Schwester, Mutter, Vater. Aber wir fliegen regelmäßig hin und sie kommen mich auch besuchen. Und dann verfolge ich mit meiner Mutter immer ein intensives Kulturprogramm, das es in dieser Dichte Zuhause einfach nicht gibt. Meine Mama ist ein echter Wien-Fan.

Was hat dich am meisten überrascht in Wien? Ganz ehrlich? Ich habe einen Schock erlitten angesichts der Öffnungszeiten der Supermärkte. In Finnland haben Lebensmittel-Geschäfte zwischen 6 und 23 Uhr geöffnet, auch sonntags. Da mussten wir uns ziemlich umgewöhnen und besser organisieren. Aber Wien ist sehr hundefreundlich. In Finnland kannst du nicht einmal in einem Gastgarten deinen Hund in ein Restaurant mitnehmen. Die Wiener lieben Hunde.

Wo gehst du mit deinem Jack Russell Terrier Gassi? Wir müssen jeden Morgen in die Hundezone im Schubertpark, aber ich mag die im Türkenschanzpark lieber. Der Park ist das ganze Jahr über sehr schön.

Was ist dein Lieblingswort auf Deutsch? Jawohl!

Was ist dein allerliebstes Lieblingslied? Kaija Koo „Korkkarit kattoon“. Sie macht Musik für Mädels. Das macht gute Stimmung und hilft mir, wenn ich meine Mädels vermisse. Und ich liebe das Laternenlied „Ich gehe mit meiner Laterne“, das ich hier im Kindergarten kennengelernt habe.

Was magst Du in Wien? Ich bin ein Fan vom Christkindlmarkt am Spittelberg. In Finnland gibt es keinen Glühwein. Und ich mag die Tracht. Wir haben alle Dirndl und Lederhose. Damit waren wir beispielsweise am Wiener Weinwandertag (nächstes Mal am 29. und 30.9.2018) und am Neustifter Kirtag.

Wie gefällt dir Salzburg? Momentan fahre ich jedes Wochenende Freitag bis Samstag. Schon die Fahrt ist wunderbar: 2,5 Stunden im Zug gehören mir alleine. Wir haben in Salzburg sehr gute Trainings-Möglichkeiten und genug „Eiszeit“. An Salzburg mag ich die wunderschöne Architektur. Die Stadt ähnelt Turku, wo ich aufgewachsen bin. Es fließt ein Fluss mitten durch, das Stadtzentrum ist kompakt und man ist schnell überall. Ich fühle mich dort inzwischen sehr wohl.

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Oh, gleich für mehrere: Helsingin taitoluistelu klubi, wo ich mit den Helsinki Rockettes gelaufen bin unter dem Motto: Once, always, Rockettes! Auch der Turun Riennon Taitoluistelu ry, wo ich mit dem Eislaufen angefangen habe und ungefähr 1000 schöne Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend verankern kann. Und natürlich Skate Austria.

Was isst du am liebsten in Wien? Als Vegetarierin fange ich nicht viel mit dem „Austrian Knödelfood“ an, aber ich mag die L’Osteria in Wien Grinzing.  

Wo entspannst du dich? Wir sind sonntags immer im Wienerwald unterwegs. Die Nähe zur Stadt und zur Natur mag ich an Wien. Am Cobenzl oder Kahlenberg gehe ich gerne spazieren.

Deine Lieblings-Shoppingadressen in Wien? Beim Inneneinrichter WYT fühle ich mich Zuhause. Die Inhaberin ist Norwegerin. Ich mag die kleinen Boutiquen rund um die Neubaugasse.

Wo bringst du deine Verwandten unter, wenn sie zu Besuch sind? Sie mieten sich gern in den Edelhof Appartments ein.

Was möchtest du Wien ausrichten? Bitte richtet die Eishalle in der Stadthalle her. Sie ist wirklich in einem schlimmen Zustand!

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.