Verliese, Vergnügungen & Vorratshaltung

Wer die Ringstraße entlang schlendert und ihre Prachtbauten bewundert, macht sich keine Vorstellung davon, dass die Gebäude genauso tief wie hoch sind. Das Burgtheater, die Staatsoper und die Hofburg reichen ab Straßenniveau mit mehreren Kellergeschossen in die Tiefe. Die Keller, Gänge, Stollen, Brunnen, Kanäle und Kavernen unter der Stadt haben im Lauf der Jahrhunderte – ab der Zeit des Römerlagers Vindobona – verschiedene wichtige Funktionen erfüllt.

Wenn eine U-Bahn gebaut wird, Zeitzeugen sprechen oder ein Speicherplatz gesucht wird, treten sie manchmal wieder zutage. Oder wenn die Bundesregierung auf dem Ballhausplatz nicht gesehen werden möchte.

Im kollektiven Bewusstsein der WienerInnen war diese Tatsache bis 1945 wohl verankert, weil sie im zweiten Weltkrieg regelmäßig unterirdische Luftschutzräume aufsuchen mussten. Heute sind die Kellergeschosse, um es mit Freud zu sagen, wohl vielfach verdrängt. Wenn man die Bilder von Robert Bouchal und Texte von Gabriele Lukacs länger studiert, erscheint „durchlöchert wie ein Schweizer Käse“ als Hilfsausdruck. Eher gleicht der Untergrund der Innenstadt, aber auch der inneren Bezirke, einem Naturschwamm. Nur stabiler und weniger feucht. Aber auch in den Außenbezirken gibt es Gänge zu verfolgen, sei es rund um Schloss Schönbrunn oder auch in Pötzleinsdorf.

Für ihre gemeinsame Leidenschaft mutierten Bouchal und Lukacs zu menschlichen Kellerasseln, die professionell, hartnäckig und neugierig jedem Hinweis nachgehen, sich im Fall des Falles mit Stirnlampe und Meißel auf den Weg machen, unerschrocken durchzwängen, ausleuchten, erkunden und rekonstruieren. Ihr Werk „Geheimnisvolle Unterwelt von Wien“ ist im Inneren wohltuend nüchterner gehalten, als der Titel suggeriert. Sie berichten von Eisgrübeln und Pferdeställen, Kapellen und Kellern, Hallen und Säulen, Luftschutzräumen und Bädern, Lokalen und Verliesen, Pestgruben und Spionagetätigkeit, Minengängen und Fluchttunneln, technischen Wunderwerken (z.B. Belüftung der Bundestheater) und menschlichen Bedürfnissen, Laboratorien und Backstuben und, und, und. In diesem Buch ist die Stadt jedenfalls noch einmal von einer anderen Seite kennenzulernen.

Viele Verbindungen sind heute verschüttet, einige werden bewusst wieder freigelegt und manche sind auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Das Buch zeigt unzählige Wiener Verbindungen zur Unterwelt, egal ob von Landmarken oder Lokalen, royalen, religiösen oder weltlichen Orten. Zwecks Namedropping seien mal Demel, Doblinger, Palais Lobkowitz, Villa XAIPE, Loos Bar, Heller Zuckerl, Kaiserbrünndl oder Linsbichler erwähnt. Der Wiener Untergrund hat einen ganz eigenen Reiz, den man von oben nicht erahnt. Er ist geschichtsträchtig und bietet Stoff für Geschichten vom Drama bis zum Lustspiel.

Man bekommt Lust, tiefer in die Stadt vorzudringen. An manchen Orten geht das zu den Öffnungszeiten (Haas & Haas), bei manchen muss man zu einer Veranstaltung kommen. Es gibt immer wieder Spezialführungen (z.B. Semperdepot Glyptothek) und auch beim nächsten Tag des Denkmals am 29. September 2019  könnten sich wieder ein paar Kellertüren öffnen. Was sich ebenfalls aufdrängt: „The Third Man“/“Der dritte Mann“ anschauen. Er wird regelmäßig im Burg Kino gezeigt.


Geheimnisvolle Unterwelt von Wien. Keller – Labyrinthe - Fremde Welten 
Robert Bouchal & Gabriele Lukacs
Styria Verlag, 224 Seiten, 24€

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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