Im nächsten Leben werd’ ich Kardinal

Hubsi Kramar fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Hubert „Hubsi“ Kramar, geboren 1948 in Scheibbs, wohnt in 1150 Wien, im Burgenland und winters in Marokko, bekannt aus TV, Kino, Theater und im Polizeikomissariat


Hubert Kramar, den manche auch mit 70 immer noch Hubsi nennen, steht seit gut 50 Jahren auf der Bühne. „Ich bin kein Provokateur“ sagt der Mann, der 2000, als zuletzt Schwarz-Blau regierte, in einem Hitler-Kostüm den Opernball besuchte, sich anlässlich der „Spitzelaffäre“ an der Pallas Athene vor dem Parlament ankettete oder Kulturstadträtin Ursula Pasterk eine Spielzeugpistole an den Kopf hielt. Vielmehr fühlt er sich provoziert von den Verhältnissen und antworte darauf mit Satire, wenn ihm etwas dazu einfällt.

Der groß gewachsene Schauspieler bezeichnet sich als angstfrei, als Taoist, Spieler, Nomade, Bauchmensch und Linker. Die Revolte will er heute den Jungen überlassen: „Aktivismus braucht immer eine zeitgemäße Ästhetik und aktuelle Formen“ und so beobachtet er etwa freudig den „March for Life“, zu dem sich junge Menschen in den USA aktuell formieren.

Aktuell gastiert er mit einem Leonhard Cohen Abend „Dance me to the End of Love“ im Rabenhof, für den einige Zusatztermine angesetzt wurden. Am 20.April (sic!) begeht er ebendort das 20-Jahr-Jubiläum der „Überlebenskünstler“ (Dr. Helmut Zilk im Gespräch mit Adolf Hitler, absolut sehenswert.)

Improvisieren könne er tagelang, sagt Kramar. Diese Fähigkeit – in Verbindung mit einem langen, dichten und bunten Leben als Schauspieler, Aktivist, Linker und Reisender – macht Gespräche mit ihm zum Vergnügen. Und zwingt dazu, Schneisen zu schlagen.

2018 wird in Österreich viel zurückgeblickt – bis 1848, auf 1918 als Jubiläum der Republik und natürlich auf 1938. Auf den Österreicher Adolf Hitler, den Nationalsozialismus, seine Täter und Opfer, kann nicht oft und lange genug geblickt und Lehren gezogen werden. Auch Hubert Kramar, Jahrgang 1948, bezeichnet sich als Kind des Faschismus. „Der Hintergrund meiner Arbeit ist immer die jüngere Geschichte.“

MadameWien will aber zunächst mit jemandem sprechen, der 1968 am richtigen Ort und richtigen Alter für jugendlichen Aufruhr war. Frage: „Warum wird 2018 kein Jubiläum für 1968 gefeiert? Antwort: „Meine Generation war vor zehn Jahren in den Machtpositionen. Wenn sie es heute noch wäre, würde das vermutlich in Selbstbespiegelung enden. Heute geht es wieder in Richtung law & order und 1968 wird negativ besetzt mit falsch verstandenem Hedonismus, falscher Kindererziehung, Drogenmissbrauch und Egomanie. Das kann man nicht abfeiern.“

Er selbst lebte 1968 im Epizentrum Paris und hat es genossen. Soviel sei gesagt: Er hat durchgespielt, durchgeliebt und durchgetanzt. Die Beziehung der Geschlechter zueinander war geprägt von Nähe und Offenheit, der Respekt voreinander, den er bis heute als unabdingbar sieht, musste man sich aber noch erarbeiten.

1968 ist heute ein vergangenes Zeitalter, so wie Stefan Zweig seine Epoche im Buch „Die Welt von Gestern“ beschreibt. In Österreich setzten die Wiener Aktionisten erste antifaschistische Aktionen, die heute als „Uni Ferkelei“ ebenfalls negativ besetzt sind. Für die echte Befreiung der Bürgerkinder und vor allem der Frauen sorgte vielmehr die Verbreitung der Waschmaschine und der Pille.

Weil in Wien alles später passiert (schlag es nach bei Karl Kraus) , sieht Hubert Kramar das Wiener Jahr 1968 erst 1973 mit der Arena Besetzung. Geschichte hat ihn immer interessiert, denn sie wirkt in der Gegenwart. Das kurze Anthropozän sieht er heute abgelöst vom Digitalozän, mit Narzissmus und Internet für alle, „in dem wir herumstolpern“.

Hubert Kramar wurde in Scheibbs (Bezirkshauptstadt, Niederösterreich, Erlauftal) in ein musisch interessiertes, bürgerliches Umfeld geboren. Als Siebenter von sieben Kindern galten für ihn nicht mehr viele Vorschriften. Heute kann er die Rolle im Familiengeflecht als Ursache für seine ständige Betriebsamkeit erkennen und hat inzwischen gelernt auch einmal „Nein“ zu sagen. Schule war für ihn, wie für andere SingSing.

Früh zeigte sich seine Abneigung gegen Autoritäten, Hierarchien und patriarchale Strukturen. Bald schon verließ er das elterliche Nest und reiste, was ihm einen anderen Blick auf die Welt ermöglichte. Nach Marokko (wo er bis heute den Winter durchtaucht), nach Paris, nach New York, Harvard, Afghanistan und in den Jemen: „Ich habe ein Nomaden-Gen.“ Und nach unserem Gespräch reist er nach Triest.

Sein Vater, selbst ein Arzt, hätte ihn gerne im Arztberuf gesehen. Wider Erwarten wurde der junge Hubsi Kramar am Max Reinhardt Seminar genommen und spielte rasch in der „Oberliga“, sprich im Burgtheater und in der Staatsoper. Die Schauspielerei ist ihm quasi passiert. Er vermutet, dass er beim Vorsprechen als idealtypischer „Landbursch“ rekrutiert wurde. Zufall gibt es für ihn nicht, sondern immer Ursache und Wirkung.

Das Künstlerdasein war für ihn sicher die perfekte Escape-Strategie. Heute würde Hubsi Kramar Kardinal werden, wenn er noch einmal die Wahl hätte. Auf Demos hat er sich oft genug als kirchlicher Würdenträger verkleidet: „Im Herzen sind die Österreicher immer noch sehr katholisch. Kardinal ist ein idealer Beruf für einen Hedonisten, der die Freiheit liebt. Er kann auf eigenem Grund Lebensmittel organisch anbauen, bekommt Respekt gezollt, hat jede Menge Personal und kann sich für Männer und Frauen interessieren.“

Nach dem Start auf den wichtigsten Bühnen des Landes folgten Lehr- und Wanderjahre: Arts Administration in Harvard, bei Jerzy Grotowski in Polen, Jérôme Savary in Paris und Lee Strasberg in New York City. Ab 1979 verschrieb er sich dem Off-Theater, gründete die Gruppe 80 und diverse andere Ensembles, erschloss Theaterräume. Heute hat er eine Theater-Familie. In diesem Ensemble muss er nicht mehr über Werte diskutieren und kann Stücke, die er in seinem Kopf fertigstellt, im vertrauensvollen Austausch erarbeiten. Proben ist nämlich seine Lieblingsbeschäftigung.

Den guten Grund für die Kulturblüte in Wien sieht Hubert Kramar in den historischen Wurzeln, langer schriftstellerischer Tradition und tollen Künstlern und Künstlerinnen, an denen man sich orientieren und messen muss, und an dem musischen Potenzial im Melting Pot eines großen Habsburgerreichs. Er ist aus Amerika zurückgekommen, „weil ich hier alles tun konnte. In den USA musst du eine Marke werden. Da machst du ein Ding, ein Leben lang. Ich hätte in Hollywood Fuß fassen können, wenn ich das gewollt hätte.“

Und wie geht es der freien Szene abseits der Staatsbühnen? Die hat heute ein sehr hohes Niveau, betont Kramar. In den 1980er-Jahren war es einfacher, weil überschaubarer. Eine noch starke Sozialdemokratie förderte die Kleinen, die Basis. Heute sind viele Theaterkulturen entstanden, die sich auch positionieren müssen, und der starke Fluss hat sich „wie in einem Delta verzweigt“.

Theater ist sein Übungsraum, Schauspielerei sein Beruf. Wie ein Bäcker Brot backt. Er will natürlich gutes Brot backen. Aber der Gedanke des Heilens (ohne Arzt geworden zu sein) ist sein Antrieb. Und Menem, der Zorn, als Motor des Menschen die Zustände zu verändern. Gleichzeitig steht Hubert Kramar auf ganz viel „Konservatives“. Es ist das „Reaktionäre“, was ihn ärgert: „Man ist immer Teil des Widerstands und man ist auch ein Teil dessen, was einem widerlich erscheint.“ Die eigentliche künstlerische Arbeit sind seine Aktionen in der Öffentlichkeit. Für die hat er zum einen juristischen Beistand und zum anderen zielt er immer auf den Politik-Teil von Medien. Und nicht das Feuilleton. Die einen mochten seine Aktionen, die anderen verurteilten sie. Er sieht sich nicht als Hass-Subjekt der „Kronenzeitung“, er beobachtet das Kleinformat.

Wie geht ein Mensch, der die Freiheit liebt, mit mehrfachen Verhaftungen um? „Wenn man die Dinge ernstnimmt, ist man ein armes Schwein. Ich spiele immer. Auch verhaftet werden ist ein Spiel. Ein Verhör ist für mich Theater direkt: Ich bin der zu Verhörende und der Polizist ist der Verhörende. Die haben sich gequält mit mir.“

Neben der Bühne hat er immer in Filmen mitgespielt (u. a. auch in Hollywood in Spielbergs „Schindlers Liste“ und in Clooneys „Projekt Peacemaker“). Dadurch konnte er es sich immer leisten, Theater zu spielen. Am Film mag er, „dass man sich wahnsinnig konzentrieren muss, weil verschiedene Einstellungen gedreht werden und ich wahnsinnig viel Energie auf kurze Distanz halten muss, um sie in die Linse zu schicken. Es ist geil“, schildert er begeistert. Man erreiche mehr Menschen wie bei einem Rockkonzert. Etwa mit der heimischen Version des Sonntagskrimis „Tatort“, wo er seit 2005 den Polizeichef Ernst „Ernstl“ Rauter spielt. Für ihn ein Geschenk und eine Chuzpe.

Seine erste Rolle war ein Redewettbewerb. Da hatte er noch Lampenfieber. Auch als er einmal bei einer Veranstaltung Kreisky widersprochen hat. Heute bringt ihn kein Auftritt mehr ins Schwitzen. Wenn er Bilanz zieht, sieht er sich als „privilegierter Mensch, reich beschenkt und von vier Schutzengeln bewacht“ und macht weiter, „solange ich gesund bin, neugierig bin, Freude und Lust habe“.

Könnte Hitler am Opernball heute noch so provozieren? Nein! Heute würde man sagen: Der Depperte rennt wieder umanand. Ein Künstler, wie ich ihn verstehe, entwirft in unserer absurden Welt eine Gegenwelt in einer Vorwärtsbewegung und erduldet sie nicht nur. Aktionen heute brauchen aber zeitgemäße, ästhetische, politische, inhaltliche Bezüge. Die Jugend ist da immer voran. Man muss es heute mehr so wie Pussy Riot machen.

Wie geht es Ihnen mit dem Spitznamen Hubsi? Ich habe auch zum Namen Hubert kein gutes Verhältnis: Es ist so ein Lodenmantel-Name. Aber das passt wohl ganz gut für einen Wolf im Schafspelz, der das Land und die Natur liebt und nur die falschen Bezüge hasst. Die Verkleinerungsform Hubsi war für mich als Schauspieler mit Gardemaß der Versuch, harmloser daherzukommen. Am liebsten hätte ich immer eine Tarnkappe gehabt. Wenn ich mir einen Vornamen aussuchen könnte, wäre es „Marillenknödel“. Das ist etwas sehr Positives.

Wo haben Sie die besten Ideen? Ich antworte mit Leonhard Cohen: „Wenn ich den Ort kennen würde, würde ich ihn öfter aufsuchen.“ Aber in meinem Kopf kann ich durchspazieren und habe das Stück irgendwann fertig mit Kulissen und allem.

Sie sind Träger des Goldenen Verdienstzeichens. Sein Sie ein Wahlwiener oder Zwangswiener? Das Verdienstzeichen ist nett. Aber ich hoffe auf ein Ehrengrab der Stadt. Dann muss mein Sohn das nicht bezahlen. Ich bin in erster Linie ein dankbarer Wiener. Ich verdanke Wien viel und es ist eine gigantische Kulturlandschaft auf kleinem Raum. Ich hatte immer viele Freiheiten, als böser Bube wurde ich mit Budgets beschwichtigt und gerne attestierte man mir Macht im Sinne von Einfluss auf die Medien.

Was macht Wien einzigartig? Die Dichte der Kulturstätten, die Kaffeehäuser. Die Ästhetik der unterschiedlichen Baustile am Ring, wenn es schneit. Viel Himmel, weil es nicht so viele Wolkenkratzer gibt. Wunderbare Menschen aus der ganzen Welt, die die Stadt verjüngen. Viele Wiener kommen aus den Bundesländern. Die, die es Zuhause nicht mehr aushalten, sind ja immer sympathische Leute.

Welches Kaffeehaus mögen Sie besonders gerne? Das Café Weingartner. Es gibt Zeitungen, es ist nicht zu Tode renoviert, es ist angenehm wenig los. Im Kaffeehaus hinter einer „FAZ“ oder der „Zeit“ meinen letzten Atemzug zu tun, das könnte ich mir gut vorstellen.

Und was mögen Sie nicht? Sieben Monate Winter in Österreich. Da flüchte ich nach Marokko. Aber ich bin kein Marrakesch Fan. Ich lebe woanders. Ich verrate nicht wo, sonst kommen alle.

Wo gehen Sie gern mit ihren Hunden spazieren? Am Vogelweidplatz. Aber wenn die Menschen ihre Hunde weiter einfach dorthin kacken lassen, wird das bald nicht mehr möglich sein.

Sie haben keinen Fernseher. Haben Sie Buchempfehlungen für uns? Ja, ich lese viel. Da wären Fjodor M. Dostojewskij „Ein grüner Junge“ („Der Jüngling“) und „Das achte Leben“ von Nino Haratischwili. Dann alles von Joseph Roth, immer wieder „Hiob“. „Roman eines einfachen Mannes“, „Radetzkymarsch“, „Der Leviathan“, „Die hundert Tage“, „Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht“, „Das falsche Gewicht“, „Die Geschichte eines Eichmeisters“, „Die Kapuzinergruft“, „Die Geschichte von der 1002. Nacht“, „Die Legende vom heiligen Trinker“. Immer wieder lese ich „Der abentheuerliche Simplicissimus“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, ein Roman mit einer Dichte, wie sie erst wieder von William Faulkner und John Steinbeck erreicht wurde. Auch „Die Blendung“ von Elias Canetti nehme ich immer wieder zur Hand.

Und was hören Sie gerne? Ich bin in vielem sehr feminin. Auch in meinem Musikgeschmack, glaube ich. Momentan natürlich Leonhard Cohen. So wie ich, hat er wegen Mädchen angefangen, sich künstlerisch auszudrücken. Zudem Tom Waits, Sinead O’Connor, Paolo Conte und Adriano Celentano.

Was möchten sie Wien ausrichten?  Den Wienerinnen und Wienern möchte ich dringend ausrichten, dass Wien nur dann lebens- und liebenswert bleibt, wenn sie nicht fremdenfeindliche, hassende und Mauern bauende Personen und Parteien wählen, die dann auch das Klima Wiens vergiften würden. Hubsi Kramar an die goldenen Wiener Herzen!

www.hubsikramar.net

TERMINE: 


Am 9. Mai und am 3. Juni gibt es zwei Zusatztermine für „Dance me to the End of Love“ im Wiener Rabenhof.

Und am 20. und am 21.April feiert der Rabenhof das 20-jährige Jubiläum des Programms „Überlebenskünstler“: Dr. Helmut Zilk im Gespräch mit Adolf Hitler.

 

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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