Ich mag den Hauch Melancholie über der Stadt

Yonghui Deistler-Yi fotografiert von Regina Hügli

Name Yonghui Deistler-Yi, geboren 1969 in Yantai (China), kam 1990 nach Wien, Beruf Taijiquan-Lehrerin und Künstlerin, lebt in Wien Wieden


Eigentlich kam Yonghui durch einen Zufall nach Wien. Ihr erstes Ansuchen um ein Studenten-Visum wurde abgelehnt. Um die Begründung inhaltlich zu verstehen, ging sie am nächsten Tag noch einmal zur Botschaft in Peking. Die unfreundliche Beamtin vom Tag zuvor war nicht anwesend und sie traf auf einen netten österreichischen Mitarbeiter. Dieser stellte ihr nach einem kurzen Gespräch mit dem Konsul das Visum für Österreich noch am selben Tag aus.

Überhaupt, sagt Yonghui, hatte sie immer Glück. Auch die Aufnahmeprüfung an der Akademie der bildenden Künste in Wien schaffte sie gleich beim ersten Mal. Sie kam in die Klasse von Friedensreich Hundertwasser, wo sie ein Jahr lang studierte. Ihre fehlenden Deutschkenntnisse störten Hundertwasser nicht, jedoch machten sie ihr selbst zu schaffen und sie pausierte, um die Sprache zu erlernen.

Ein Jahr später schaffte sie die Aufnahmeprüfung erneut ohne große Mühe und schloss in der Meisterklasse von Wolfgang Hutter ihr Studium der Malerei ab. Am Anfang erschien es ihr seltsam, dass am Wochenende in Wien kaum Menschen auf den Straßen waren. Und sie fand in der ersten Zeit die Wiener eher schwer zugänglich und kühl. Später stellte sie fest, „dass es einfach ein wenig länger dauert, bis sie sich Fremden gegenüber öffnen. Dann entpuppen sich die Wiener aber als sehr nett“, lacht sie heute.

Mit Taijiquan begann sich Yonghui intensiv zu beschäftigen, als sie ihren Mann kennenlernte. Die Liebe zu fernöstlichen Kampfkünsten verband sie bald und die beiden gründeten in Wien eine Familie und eine Schule für chinesische Kampfkünste und verwandter Disziplinen wie der chinesischen Kalligrafie, Tuschmalerei und der dahinterstehenden klassischen Philosophien, wie es auf ihrer Homepage  heißt.

Yonghui unterrichtet den Huang Stil nach dem chinesischen Meister Huang Xing Xiang (1919–1992), und Waffen (Schwert und Fächer). Sie sieht Taijiquan als Kampfkunst und weniger als Kampfsportart. Die Schüler in Österreich kommen aus unterschiedlichen Gründen in ihre Schule: zur Entspannung, zur Meditation oder aus gesundheitlichen Gründen. Einige wenige sehen Taijiquan auch als Lebensweg. Auch Qigong lehrt sie in ihrer Schule und sie ist Lehrerin für traditionelle chinesische Malerei und Kalligrafie.

Kinder in China lernen viel über die Körperbasis, sie werden sehr präzise sportlich gefördert. Das war ein guter Grundstock für Yonghui, als sie mit Taijiquan begann. Einer ihrer ursprünglichen Zugänge war es, sich selbst verteidigen zu können. Zwischenzeitlich ist Taijiquan aber viel mehr für die gebürtige Chinesin. Die Techniken, die sie sich in dieser Disziplin aneignen konnte, lassen sich auch im Alltag bei vielen Gelegenheiten einbauen.

Bei Taijiquan geht es vorrangig darum, den Geist und die Körperenergie, das Qi, zu stärken. Nach und nach erlernt der Schüler, wie er aus seiner Mitte heraus stabil wird und seinem Körper Aufrichtung und Struktur gibt. Die Bewegungen aus dieser Mitte werden mit der Vorstellungskraft, dem Yi, geführt. „Es geht viel darum, keinen Widerstand zu leisten – nicht gegen eine Energie zu gehen, sondern mit ihr mitzuwandern, den richtigen Weg zu finden.

„Die Faust nicht zu sehen, ist ein viel intelligenterer Weg zur Selbstverteidigung“, meint Yonghui. „Im Laufe des Lernprozesses erlernt der Schüler das Verwalten seiner Kräfte und wo er sie hinleitet. Es ist wichtig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie jemand auf mich auftrifft. Das entsteht mit der Zeit beim konsequenten Training und legt sich dann immer mehr um auf das Leben. Das Verständnis wird mit jeder Trainingsstufe, die man absolviert, größer.“

Von ihrem Lehrer, Meister Wang Lian Yu, hat Yonghui gelernt, wie wichtig das Loslassen ist. „Es ist wirklich sehr komplex. Ich lerne schon so viele Jahre und fühle mich bei manchen Begegnungen noch immer wie eine Anfängerin. Jemand, der die Technik perfekt beherrscht, weist die Energie, die Kraft, mit der du auf ihn triffst, nicht zurück. Viel eher hat man das Gefühl, dass man wie ein Schwamm hineingezogen und dadurch handlungsunfähig wird. Das ist mir oft passiert, aber Rückschläge im Training sind normal. Es ist trotzdem wichtig, dass der Ehrgeiz nicht zu groß wird, das blockiert ebenfalls.“

Yonghui ist Mutter dreier Kinder, die alle von ihren Eltern in die fernöstlichen Kampfkunstarten eingewiesen werden. Ihr ältester Sohn studiert bereits, trainiert aber begeistert, wann immer es seine Zeit zulässt. Die beiden jüngeren Kinder trainieren in der Schule ihrer Eltern mit.

Yonghui selbst nimmt an keinen Wettkämpfen mehr teil, da sie für sich persönlich darin keinen Sinn sieht. Als Lehrerin unterstützt sie jedoch ihre Schüler, wenn diese zu Wettkämpfen möchten. Denn oftmals „geht dann beim Training ordentlich etwas weiter, wenn man sich gezielt vorbereitet“, meint sie.

Eine kurze Phase ihres Lebens machte sie mit der Malerei Pause, jedoch vermisste sie das kreative Schaffen sehr. Die Künstlerin Yonghui Deistler-Yi arbeitet am liebsten abstrakt, wenn etwas „raus muss aus ihr“. Mit chinesischer Tusche und chinesischem Papier eröffnen sich viele Möglichkeiten, damit können unterschiedlichste Effekte geschaffen werden.

Auch die Kalligrafie liegt ihr am Herzen. „Wenn ich kalligrafisch arbeite, ist das wie Meditation für mich. Ich mache dann sechzig, hundert Zeichen, was sehr zeitintensiv ist. Das Yi (ein Begriff, der schwer erklärbar ist, evtl. Vorstellungskraft, Intention, Wille …) sollte immer vor deinem Pinsel sein, heißt es. Ganz wie im Taijiquan, wo ebenfalls das Yi führt."

Der voluminöse Pinsel selbst ist nur durch viel Energie und Übung formbar. Um die Zeichen gut auszuführen, sind Geduld, Übung und besagtes Loslassen notwendig. Kalligrafiekurse gibt Yonghui in Wien oder Deutschland, für heuer im Sommer hat sie eine Einladung nach Schottland angenommen.

Wohin gehst du gerne essen? Ins Chang in der Waaggasse, Ecke Wiedner Hauptstraße. Oder ins Sebastiano in der Mayerhofgasse, das ist klein und fein und hat so ein tolles Service!

Nach was schmeckt Wien? Nach Mehlspeise.

Wo kannst du dich am besten entspannen ? Im Lainzer Tiergarten, dorthin gehe ich gerne mit meinen Kindern. Oder mitten in der Stadt im Café Diglas, dort kehre ich manchmal mit meinem Mann ein. Und nach einem langen Arbeitstag besuche ich auch gerne einmal ein Kino und schau mir einen guten Film an, das finde ich sehr entspannend. Wir gehen auch wandern, dazu fahren wir natürlich in die Berge.

Wo kaufst du ein? Ich gehe zum Morawa in die Wollzeile, die haben eine riesige Auswahl an Büchern und Zeitungen.

Was liest du gerade? „Game of Thrones“ auf Chinesisch, sehr spannend! Mein Lieblingsbuch ist „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen, das hab ich schon sehr oft gelesen! Ich lese natürlich am liebsten auf Chinesisch, weil das einfach schneller geht für mich. Aber ich bemühe mich dann auch wieder, Deutsch zu lesen.

Gehst du ins Museum? Sehr gerne, ich mag das Belvedere. Und die Ausstellungen in der Albertina sind immer ganz toll.

Wie stehst du zu Wien? Ich lebe sehr gerne in dieser Stadt und ich verstehe, dass viele Menschen aus der ganzen Welt hierher kommen. Ich glaube zu spüren, dass die Stadt jünger wird; früher kam mir alles älter vor, steifer und auch dunkler. Jetzt ist Wien in meinen Augen die ideale Stadt. Nur ein Hauch Melancholie ist immer noch dabei, aber das mag ich!

Taijiarts.at

 

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.
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Regina Huegli
Regina Hügli liebt Licht, Bilder und Begegnungen. Deswegen fotografiert sie gerne Menschen. In Wien oder anderswo auf der Welt. Fotografien sollen Spass machen, wunderschön sein oder Tiefsinniges ausloten.
Alles andere ist Käse - und dann am besten Schweizer Käse.

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