Wien ist für mich handlich und überschaubar

Urban Grünfelder fotografiert von Nini Tschavoll

Name Urban Grünfelder, geboren 1967 in Brixen, Beruf Künstler, wohnt in Wien Josefstadt


Als Urban Grünfelder im Sommer 1989 eine Wohnung für die Dauer seines Studiums in Wien anmietete, wusste er noch nicht, dass er gekommen war, um zu bleiben. Jung und überaus selbstbewusst in der Annahme, dass er im Herbst in jedem Fall die Aufnahmeprüfung an der Akademie der Bildenden Künste schaffen würde, stürzte er sich kopfüber in das Abenteuer Großstadt.

Aufgewachsen in Brixen in Südtirol bezeichnet er sich selbst heute als „damals etwas naiv“, zumal er später erfuhr, dass von 50 Bewerbern nur 15 aufgenommen wurden. In der Klasse von Bruno Gironcoli studierte Urban Grünfelder zunächst Bildhauerei und lernte die Freude am Volumen der Plastik kennen.

Darauf folgten Studienjahre der Malerei bei Markus Prachensky und Arnulf Rainer. Nach seinem Abschluss 1995 wandte sich Urban Grünfelder erst ganz der Malerei zu, bevor er nach einigen Jahren wieder skulptural zu arbeiten begann.

Seine Bilder verkörpern die Vielfältigkeit des menschlichen Daseins und die meist gesichtslosen Figuren werden reduziert auf das Wesentliche. Sie sind perfekt geschnitten, symmetrisch, monochrom und von großer Klarheit. Meist allein, manchmal zu zweit oder zu dritt. Sie fallen, sie kauern oder lauern und sehen ihrem Schicksal entgegen.

Im letzten Jahr hat Urban Grünfelder seine Bildsprache verändert. Er malt jetzt naturalistische Szenen zu diesen inkonenhaften Figuren. Elefanten, Babys, Wolken, Mäuse. Nun treten die plakativen Ikonen in den Hintergrund und man erkennt, dass Grünfelder sich auch für die Außenwelt interessiert und seine Figuren mit ihrem Innenleben alleine für sich lässt.

Auch seine Skulpturen beschäftigen sich mit der menschlichen Existenz. Vom Leben gezeichnete, angestrengte Männer fressen Nadelstreif-Anzüge, Krücken oder Maßbänder.

Der Anzugfresser hat alles verloren, ihm bleibt nur noch seine Business-Hülle zum Verzehr.

Der auf Hochglanz polierte Denker hat eine rote Clown-Nase aufgesteckt und lässt viel Platz für Interpretationen. Man möchte lachen bei seiner Betrachtung, es bleibt einem jedoch im Hals stecken.

 

Urban Grünfelders Kunstwerke entstehen seit vielen Jahren in seinem Tageslicht-Atelier in der Grundsteingasse nahe dem angesagten Yppenplatz. Früher vermietete er hier noch Plätze an andere Künstler. Mittlerweile hat er die Freiheit, das ganze Atelier für sich zu beanspruchen. 

Interessierte Besucher lernen bei ihm nicht nur seine Werke kennen. Gespräche über Kunst, sowohl über zeitgenössische als auch über andere Epochen oder Kunsttheorie, outen Urban Grünfelder als einen profunden Kenner mit großem Fachwissen. 

Bist du gerne im Grätzel rund um den Yppenplatz? Ja, ich fühle mich wohl hier, es hat sich viel getan in den letzten paar Jahren. Einige Künstler und Kreative haben ihre Ateliers in dieser Gegend. Der Yppenplatz ist inspirierend, es gibt eine bunte Szene und viel interessante Gastronomie.

Was ist dein Lieblingslokal? Am Mittag gehe ich gerne ins ANDO.

Und wo trifft man dich am Abend? In der Konoba auf der Lerchenfelderstraße und später auf einen Absacker auf dem Dachboden des 25hoursHotel.

Wien schmeckt nach... weißem Spritzer.

Wo feierst du mit Freunden? Früher in der ganzen Stadt, heute mag ich es eher ruhiger im privaten Rahmen.

Wo shoppst du am liebsten? Beim Bösner (lacht).

Welches Buch liegt momentan auf deinem Nachttisch? Das Gesamtwerk von Hieronymus Bosch.

Welches Theaterstück hat dich beeindruckt? Dorian Gray in der Fassung von Bastian Kraft an der Burg.

Was steht derzeit ganz oben auf deiner Playlist? Dhafer Youssef, Peter Fox, Björk.

 

Was zeichnet deiner Meinung nach Wien aus? Seit ich hier bin, hat sich viel getan in der Stadt. Zum Beispiel kulinarisch, es gibt viele tolle Lokale und Restaurants. Man kann das nicht vergleichen mit früher. Insgesamt hat sich die Lebensqualität stark verbessert. Wien ist eine Großstadt und fühlt sich für mich dennoch klein, handlich und überschaubar an. Viele Künstler bleiben nach ihrem Studium in Wien, denn es gibt hier eine gewisse Struktur, die Vorteile hat. Was nicht heißt, dass alles optimal läuft.

Was meinst du, wo Wien Verbesserungspotenzial hat? Ich würde mir mehr gute Ausstellungprojekte wünschen, mehr Independent- und Cross-over-Projekte. Da sind uns andere Städte voraus. Es gibt Metropolen, in denen jährlich 10 bis 20 Galerien eröffnen. Wien würde auf jeden Fall noch einige mehr vertragen.

Was inspiriert dich in Wien? Die Gehsteige.

Eine Nacht in Wien, die du nie vergessen wirst? Ein langer Stiegenaufgang.

Wo entspannst du dich? Am liebsten auf den Wiener Hausbergen, z. B. auf der Rax oder dem Schneeberg. In der Stadt im Museumsquartier.

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.