Im Pelzmantel nach Montenegro

Vea Kaiser kann es einfach: Familiengeschichten über mehrere Generationen stricken. Rückbezüge, Herleitungen, Charakterstudien, zentrale biografische Momente verweben.

MadameWien brauchte nur ein Wochenende, um ihr vom Waldviertel während der russischen Besatzungszeit über Wien weiter nach Montenegro in der Jetztzeit zu folgen.

Alles fängt an mit dem jungen Mann Lorenz, dem als Kind viel Zucker in den Popo geblasen wurde. Er hat gerade einen darstellerischen Durchhänger als Schauspieler. Er gibt mehr Geld aus, als er hat. Seine Freundin, eine Altphilologin, gibt ihm den Weisel.

Er nistet sich bei seinen drei Tanten Mirl, Wetti und Hedi in Liesing ein und lässt sich durchfüttern. Aber dann stirbt plötzlich Onkel Willi. 1029 Kilometer mit dem Auto überführt Lorenz schließlich dessen Leiche in die Erde der Heimat. Seine Tanten sitzen mit Pelzmantel im Fond. Auf der Fahrt erfahren Lorenz und wir eine Menge Familiengeheimnisse.

In Rückblicken werden Lebensweisheiten geteilt, die sich bewährt haben. Es treten Bärenforscher, Mädchen, die keine Dunkelheit ertragen, ein saufender Vater, ein toter Bruder, fleischige Finger und knackige Popscherl, ein freundlicher Fleischer, Naturbeobachtungen, ein Sozi-Seitensprung und viele Dosen Red Bull auf. Sie alle spielen eine Rolle in der Generation vor Lorenz Prischinger.

Die Lebenden werden nach und nach mit den Toten versöhnt. Wie im alten Rom, wo man mit den Manen, den Totengeistern, ebenso verfahren musste. Und so finden letztlich alle Trost auf diesem Trip. Ein kurios-vergnüglicher Roadtrip, der einen einsaugt. Urlaubslektüre!


Rückwärtswalzer oder die Die Manen der Familie Prischinger
von Vea Kaiser

Kiepenheuer & Witsch 2019
419 Seiten
Euro 22,70

 

Beitragsbild: © Ingo Pertramer

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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