Am Theater arbeiten Frauen härter

Judith Rosmair fotografiert von Volker Greßmann

Name: Judith Rosmair, geboren in Bayern, von Beruf Schauspielerin, Autorin und Regisseurin, lebt in Berlin Mitte.


Am liebsten lernt Judith Rosmair ihre Texte beim Gehen. Von ihrer Theaterwohnung in der Josefstadt spaziert sie gerne Richtung Innenstadt, vorbei am Volkstheater über den Ring, lässt das Burgtheater links liegen und landet im Volksgarten. Dort zieht sie ihre Runden und verinnerlicht sich so die Texte ihre Rollen nachhaltig. Der schöne Park ist ob der Theaterdichte der Umgebung allgemein ein beliebtes Ziel für flanierende und murmelnde Schauspieler. Aktuell gibt Judith Rosmair die Véronique in Yasmina Rezas so richtig ätzendem Gesellschaftsdrama „Der Gott des Gemetzels“ in der Wiener Josefstadt.

Schon als kleines Mädchen liebte die zierliche Schauspielerin den Tanz und die Musik. Als eines von 10 Geschwistern war der Ballettunterricht für sie ein Ort der Ruhe und der Erholung, an dem sie sich ganz auf sich konzentrieren konnte. An einer geförderten Musikschule konnte sie ihre ganze Jugend hindurch verschiedenste Kurse von Tanz- bis Klavierunterricht zu belegen, ein Angebot, das sie gerne annahm.

Ihr erster Freund begeisterte sie nachhaltig für die Welt des Theaters, daher veränderte sich ihr Berufswunsch bald von Tänzerin zu Schauspielerin. Sie machte ihr Abitur und bevor sie gleich im darauffolgenden Herbst an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater aufgenommen wurde, ging sie nach New York, tanzte, nahm Unterricht, feierte und „hatte eine großartige Zeit.“

Der Gott des Gemetzels © Moritz Schell

Nach dem Abschluss in Hamburg wurde Judith Rosmair direkt ans Schauspielhaus Bochum geholt, wo zu dieser Zeit Leander Haußmann Intendant war. Im Laufe der Jahre sollte sie mit vielen namhaften Regisseuren arbeiten, darunter Dimiter Gotscheff, Frank Castorf, Martin Kušej, Nicolas Stemann, Gesine Dankwart, Thomas Ostermeier, Falk Richter und Werner Schroeter. Die nächste Station war das Thalia Theater in Hamburg, 2008 wechselte sie an die Schaubühne nach Berlin, wo sich bis heute ihre „Bodenstation“, ihr Hauptwohnsitz, befindet.

Wie geht es den Frauen im Schauspielberuf? Wenn ich so drüber nachdenke, finde ich es bedenklich, dass ich in den letzten 20 Jahren mit nur fünf (!) Regisseurinnen am Staatstheater zusammengearbeitet habe. Da muss sich auf jeden Fall noch viel verändern. Bei den freien Projekten finden sich dann wiederum viel mehr Frauen. Die freie Szene ist aber chronisch unterfinanziert. Das gibt zu denken. Es ist auffällig, dass ich immer wieder sehr zornige Figuren spiele. Ich glaube, bei mir kommt der Zorn oft aus der Tatsache heraus, dass ich als Frau immer noch so viel Ungleichheit erlebe.

Frauen werden am Theater im Durchschnitt immer noch schlechter bezahlt als Männer, müssen aber viel fleißiger sein, da es weniger Rollen für sie gibt und wenn sie auch noch Kinder haben, arbeiten sie ganz bestimmt härter als alle Anderen. Und sie sollen trotzdem immer gut aussehen. Das ist glücklicherweise am Theater nicht ganz so brutal wie beim Film. Aber einer Frau wird es weniger verziehen, wenn sie sich gehen lässt. Bei einem männlichen Kollegen spricht man dann von einem ‚Typ’, mit einer Frau wird oft härter ins Gericht gegangen.

Der Gott des Gemetzels © Moritz Schell

Wie hast du dich mit der Figur der Véronique in Stück ‚Der Gott des Gemetzels’ auseinander gesetzt? Véronique hat einen absoluten Perfektionsanspruch an sich und alle anderen, sie sieht sich als ‚Gutmensch’ und schwingt die moralische Keule. Und sie ist einfach stocksauer, dass ihrem Kind die Schneidezähne ausgeschlagen wurden, was ja der Grund für die Zusammenkunft der beiden Paare ist. Außerdem hat sie ein gehöriges Alkoholproblem und läuft total aus dem Ruder.

Ich durfte die kluge Frau Reza in Paris mal kennenlernen. Sie ist eine genaue Beobachterin von Paarbeziehungen, das Stück ist sehr gut geschrieben. Ohne Groll lässt sie die vier Personen „nackert“ dastehen, alle machen sich gleichermaßen lächerlich und verhalten sich letztlich genauso gewalttätig wie ihre Kinder. Wir können unsere Figuren auf der Bühne immer noch weiter entwickeln, das ist ja überhaupt das Schöne am Theater. Die Truppe, die Torsten Fischer da zusammengestellt hat, ist wirklich toll, wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden.

Véronique fordert von sich Disziplin in hohem Maße. Bist du auch diszipliniert? Ja, aber Disziplin kann einen auch froh machen, sie hält dich nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit. Ich bin ja eher ein Workaholic und muss immer wieder mal aufpassen, dass ich mir genug Muße gönne und auch mal zur Ruhe komme.

CURTAIN CALL © Ebby Koll

Hast du auch ein komisches Talent? Na hoffentlich, diese Véronique ist ja tragisch-komisch. Ich glaube, Komik funktioniert nicht ohne Tragik. Der Mensch amüsiert sich am meisten über Figuren, in denen er seine eigenen Schwächen und Abgründe wiedererkennt. Bei meinem Stück CURTAIN CALL! habe ich versucht, trotz der tragischen Anna Karenina-Geschichte und des Insomnia-Themas eine gewisse Leichtigkeit einzubringen. Ich will unbedingt, dass die Leute auch lachen, denn das öffnet. Das ist eine alte Theatertechnik, die Leute werden durch groteske Szenen immer wieder überrascht, und werden so in die Geschichte hineingezogen.

Du kommst gerade von einem dreimonatigen Stipendium in Istanbul zurück. Konntest du dort kreative Entspannung finden? Ja, es war herrlich, ich durfte in Kulturakademie Tarabya, die vom Auswärtigen Amt und dem Goetheinstitut gefördert wird, drei Monate an einem neuen Projekt arbeiten. Die Arbeit, die ich gemeinsam mit dem Videokünstler Theo Eshetu entwickle, befasst sich mit dem Ur-Mythos von Europa. Die phoenizische Prinzessin Europa wurde von Zeus in Stiergestalt entführt und auf den Kontinent verbracht, den wir heute Europa nennen.

Wer oder was ist Europa? Eine asiatische Frau, die von einem Strand im heutigen Libanon nach Kreta entführt und vergewaltigt wurde? Ein Haus, in das jeder rein will, dessen Bewohner sich zunehmend verbarrikadieren? Ein imperialistischer Millionär auf Sinnsuche? Und was ist eigentlich die ‚europäische Identität‘? Der Glaube? Die Sprache? Die Kultur? Gibt es die vielbeschworene kulturelle Identität überhaupt? Oder war sie seit jeher ein Vehikel für politische Ab- und Ausgrenzung ? Und wer zum Teufel ist eigentlich dieser Stier?

© Volker Greßmann

Wie hältst du dich fit, tanzt du noch? Ja, schon, ich mache seit Jahren zuhause ein Training aus Tanz und Yoga, ich nenne es „Körpergulasch“ (lacht). Und ich tanze wahnsinnig gerne Swing, z.B. in Clärchens Ballhaus in Berlin und in Wien auf dem Badeschiff.

Was hat Wien, was andere Städte nicht haben? Wien ist für mich fast ein wenig mediterran. Man kommt auch schnell mit Leuten in Kontakt hier. Und das Kulturangebot ist einfach umwerfend. Diese vielen tollen Museen und Theater und die Weinberge und die Heurigen. Man setzt sich in die Straßenbahn und ist eine halbe Stunde später im Paradies. Auch kulinarisch ist die Stadt ganz toll.

Hast du einen Lieblingsplatz in Wien? Den Volksgarten. Er ist so ruhig und es duftet nach Blumen. Am Renaissance-Brunnen sitze ich sehr gerne, döse, lese und tue einfach nichts.

Was läuft momentan auf deiner Playlist? Otis Redding, den sehe ich mir auch wahnsinnig gerne auf you tube an. Oder James Brown, unglaublich wie der performt, wie der tanzt. Dann höre ich zum Chillen Beethoven-Sonaten, Chopin... einer meiner Lieblingsinterpreten ist Vladimir Horowitz.

Hast du einen Buchtipp für uns? Ich lese gerade „Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia“ von Roberto Calasso, ein Jahrhundertbuch. Und „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari inspiriert mich total. Die Schlüsse, die er zieht, sind sehr spannend. Sein zweites Buch „Homo Deus“ höre ich derzeit als Hörbuch.

Hast du ein Lieblingsbeisl in Wien? Ich mag das Gasthaus Pöschl. Und im
La Delizia um die Ecke der Josefstadt haben die uns auch ganz toll verwöhnt.

Was ist für dich eine typische Wiener Speise? Kaiserschmarren! Wenn die Welt mal dunkel ist, braucht man einen Kaiserschmarren, dann ist alles ist wieder gut.

Nach was schmeckt Wien? Nach Donau, also eher im Sinne von riechen: grün, feucht, sonnig, warm, nach Hängematte im Heurigengarten. So wie im Buschenschank Wagner.

Was willst du Wien ausrichten: Dass ich immer und immer wieder kommen will!


Der Gott des Gemetzels
von Yasmina Reza

Theater in der Josefstadt

8./25./26. Oktober 2018
12./20./22. November 2018
3./4./9./10. März 2019


 

Fotos: Volker Greßmann

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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