Mit Pinselspitzengefühl im Wiener Untergrund

Karin Fischer-Ausserer fotografiert von Nini Tschavoll

Name Karin Fischer-Ausserer, geboren 1963 in Südtirol, aufgewachsen in Meran, kam 1983 zum Studium nach Wien, leitet seit 2003 die Stadtarchäologie Wien und lebt in Wien Alsergrund


Auch unter der Erde gibt es in Wien keinen toten Winkel. Seit der Jungsteinzeit war das Stadtgebiet beinahe durchgehend besiedelt. Wenn ArchäologInnen in eine Baugrube schauen, öffnen sie einen Tresor, der 7000 Jahre Geschichte beherbergt. Karin Fischer-Ausserer managt die Stadtarchäologie Wien mit ihren drei Aufgaben: Grabung, Wissenschaft und Vermittlung. Weil Archäologie die „systematische Zerstörung“ von Befunden bedeutet, braucht es auch unter Zeitdruck Sorgfalt, Erfahrung und Pinselspitzengefühl.

Da es keine Baustellensaison mehr gibt, ist auch die Stadtarchäologie Wien das ganze Jahr über aktiv, bei Sommerglut oder nasskaltem Wind. Das Denkmalschutzgesetz besagt, dass Bodendenkmale (also Funde und Befunde vergangener Zeiten) archäologisch untersucht und dokumentiert werden müssen, wenn sie in Gefahr geraten, zerstört zu werden.

Das Archiv der Stadtarchäologie Wien reicht bis zu Grabungen im 17. Jahrhundert zurück. In der Datenbank „Kulturgut Wien“ kann jeder per Adressabfrage nachsehen, was in der Vergangenheit auf einem Bauplatz oder unter den eigenen vier Wänden ungefähr los war.

Waren es die ersten Siedler der Jungsteinzeit, die Kelten, die Römer oder Menschen aus dem Mittelalter? Oder bewohnt man ein Stadtgebiet der Neuzeit? Immer wieder gibt es auch Überraschungen: „Wir wissen im Prinzip, wo welche Zeitstellungen zu erwarten sind, aber auch unsere Pläne sind nicht immer vollständig. Neben Rohren und Kanälen, aber auch unter Kellern oder über Garagen – je nach Bauweise – kann in allen Schichten etwas Spannendes auftauchen.“ Mangels Röntgenblick können Ausdehnung und Umfang vorab immer nur geschätzt werden.

Unter Archäologie „in Action“ stellen sich viele Ephesos oder Carnuntum vor. Geplante Grabungen im abgezäunten Gebiet, mit Forschungsfrage, Auswertung der Funde und Publikation. Die Rettungsgrabung steht unter einem anderen Stern. Am besten nehmen Bauherren daher schon in der Planung Kontakt auf, wie aktuell bei der U-Bahn Erweiterung U2 oder dem Bau der U5. „Wir zeichnen im Plan ein, was zu erwarten ist und wie viel Zeit wir brauchen, um die Archäologie korrekt und kompetent abzuwickeln.“

Diese Zeitfenster werden im Bauablauf eingeplant, vergleichsweise gering sind die Kosten kalkuliert. Richtig teuer wird es nämlich nur, wenn die Baumaschine steht, weil unverhofft historische Zeugnisse freigelegt wurden. „Verzögerungen gibt es durch unsere Arbeit kaum. Das Alte hat seine Berechtigung und wird durch ein Gesetz geschützt, das Neue hat seine Berechtigung, weil die Stadt sich entwickeln muss“, betont die Archäologin.

Die Grabung in der Archäologie hat mit der Spitze des Eisbergs viel gemeinsam. Der größere Teil der Arbeit findet nicht offensichtlich in der Baugrube statt. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Funde, die Interpretation für die Vermittlung und Publikation ist weniger anschaulich, aber wichtig. Ob 100.000 m2 in das Stadtviertel Seestadt Aspern verwandelt werden (Stichwort Deportation, Flugfeld, Napoleon, Jungsteinzeit) oder die Post auf 3000 m2 ein neues Gebäude nahe dem Rochusmarkt errichtet: Es muss immer gleich sorgfältig vorgegangen werden. Was man übersieht, ist unwiederbringlich. Man weiß ja nie, auf welchem Kubikmeter sich etwas entpuppt.

Die Fachleute tragen Kulturschichten schrittweise ab und dokumentieren die Funde (Keramik, Metall, Knochen …) in Zusammenhang mit den Befunden (Mauer, Grube, Straße) minutiös. Die Lage ist wichtig und hilft, Strukturen und Zweck zu erkennen, um dann die richtige Geschichte zu erzählen. Dann werden die Funde mitgenommen und durch SpezialistInnen weiter ausgewertet. Archäologie ist nämlich immer Teamarbeit.

Noch vor 50 Jahren hat man sich meist auf die Mächtigen und die Kriege fokussiert. Heute steht „der Mensch, der an einem Ort gelebt hat, ob vor 100, 1000 oder 5000 Jahren, im Mittelpunkt. Die Funde sprechen zu uns über Alltagsleben, Handwerk, Ernährung, Kleidung, Krankheit, Wohnverhältnisse.“ Wenn man das im Hinterkopf hat, wird klar, warum Karin Fischer-Ausserer eine Abfallgrube für einen besonders tollen Fund hält.

Sie selbst ist in Meran (Südtirol) aufgewachsen, wo die Römerstraße Via Claudia Augusta verläuft. Der Berufswunsch keimte schon früh. Ihr Vater war nicht angetan von der Vorstellung, dass seine Tochter bei Wind und Wetter am Boden hockt, um historische Zeugnisse auszugraben. Doch sie setzte ihren Kopf durch und lernte im Gymnasium ihren Mann kennen. Dessen Mutter war wiederum eine Wienerin und so kamen die beiden zum Studium in die Stadt (Klassische Archäologie, antike Kunstgeschichte und alte Geschichte).

Weil es nach dem Abschluss keinen Grabungsjob für sie gab, stellte sie ihr Organisationstalent in einem Kongressbüro für Mediziner unter Beweis: „Nichts, was man lernt ist bekanntlich umsonst: Drei Jahre HAK und fünf Jahre Kongressmanagement sind mir bis heute nützlich.“ Als der ehemalige Stadtarchäologe von einer Archäologin im Kongressbüro hörte, holte er sie für einen Fachkongress in sein Büro. Ihr Ticket zurück zu ihrer Berufung, aber auf der Managementschiene. Nach vielen Jahren Assistenz übernahm sie 2003 die Leitung. Ein Fulltimejob, mit dem sie als Morgenmensch gern um 6 Uhr Früh anfängt, wobei sie zu Fuß zur Arbeit geht und Frischluft tankt.

Karin Fischer-Ausserer hat den Eindruck, dass die Wiener und Wienerinnen stolz auf 7000 Jahre Geschichte sind: „Ich merke das bei Führungen oder Ausstellungseröffnungen an der Aufmerksamkeit, an den Fragen und dem Wissensdurst der Leute.“ Am bekanntesten und besten erforscht ist in Wien die Römerzeit mit dem Legionslager Vindobona und der Zivilstadt. „350 Jahre waren die Römer insgesamt hier, ungefähr 50 Jahre haben sie Kriege geführt.“

„Sie hatten also gut 300 Jahre Muße und Zeit, das Lager mit qualitätsvoller Ausstattung aufzuwerten“, scherzt Karin Fischer-Ausserer. Und dann nimmt sie uns mit auf einen Streifzug von West nach Ost, von den römischen Ziegelbrennereien in der Steinergasse in Hernals, über die Alserstraße durch die hufeisenförmig um das Lager angeordnete Vorstadt (Canabae legionis) bis zur Votivkirche, entlang der Fortifikation des Legionslagers und hindurch und über die Limesstraße (heuteRennweg) in die Zivilstadt im 3. Bezirk.

Weil die Römer nur noch 1,5 bis vier Meter unter dem Boden regieren und Sichtbares nur im Museum ist, muss sich die Stadtarchäologie Wien einer besonders bildreichen Sprache bedienen. Karin Fischer-Ausserer beherrscht diese Anleitung zu Fantasiereise perfekt.

Eine Art Lückenschluss gelang zuletzt in der Rasumofskygasse im 3. Bezirk, auf der Baustelle für das neue Postgebäude. „Das pure Vergnügen, tolle Zusammenarbeit und ganze Zeitstellungen. Das 18. Jahrhundert, dann das Mittelalter, das oft kaum noch zu finden ist, zurück zu den Römern, Kelten bis zum ersten Nachweis einer jungsteinzeitlichen Besiedlung, einfach alles.“

Was die Leiterin der Stadtarchäologie Wien aber noch mehr begeistert, ist das historische „Puzzlestück“, das Aufschluss über das Zusammentreffen von Kelten und Römern in Wien gibt. Bisher waren Spuren der Besiedlung nie gemeinsam gefunden worden. Es klaffte immer eine Lücke von gut 100 Jahren.

„Dort haben wir keltische Gruben mit römischen Funden, wie Schreibwerkzeug und Amphoren mit Lebensmitteln, ein typische Importware. Wir sehen daran, dass der Begegnung wohl eher eine Art kulturelle Neugier zugrunde lag und nicht Keule, Mord und Brand. Es dürften römische Händler auf eine vermögendere Keltengruppe getroffen sein, die Interesse an römischer Lebensweise zeigte.“

Vindobona Nord-Süd, © 7reasons

Michaelerplatz West-Ost, © 7reasons

Via Principalis, © 7reasons

Was macht Ihnen am meisten Spaß an der Arbeit? Die Arbeit mit Kindern. Sie haben so interessante Fragen, sind mit Spaß und Ehrfurcht bei der Sache. Wir haben einen Römerkoffer und einen Mittelalterkoffer und im Gegensatz zu den Erwachsenen finden Kinder Scherben viel interessanter als Goldmünzen. Das ist grandios, denn sie nehmen das, was vom Leben erzählt, nicht das mit dem größten Materialwert. Und sie fragen, ob sie etwas halten dürfen, das 2000 Jahre alt ist.

Für was können Sie sich in Wien begeistern, was gibt es nur hier? Ich bin ein Naturmensch, kein Stadtmensch. Mein Mann und ich hatten immer Schäferhunde. Ich liebe es mit meiner Hündin Amelie durch die Stadt oder die Natur zu gehen. Da biete ich ihr etwas und ich entspanne mich. Die Art, wie Wien das bietet: Vom langen Spaziergang in den Hausbergen oder rasch in den Park, das ist einzigartig. Die Verschmelzung von Natur und Stadt für jedes Zeitbudget. Ich gehe sehr viel zu Fuß und das liebe ich. In den Prater. Herrlich.

Ihr Lieblings-Hundeplatz? Oft gehe ich die Alszeile nach Neuwaldegg zum Hundeplatz. Im Türkenschanzpark gibt es auch zwei, die ich mag.

Ihr Lieblingsort? Ich gehe nicht gerne einkaufen, aber ich gehe sehr gerne durch den 8. Bezirk, durch die Josefstädterstraße. Da biegst du einmal ab und bist ganz woanders, gehst in ein altes Haus, schaust in einen tollen Innenhof. Du kannst die Stadt nur zu Fuß richtig kennenlernen.

Haben Sie eine Leseempfehlung für uns? Ich war zuletzt sehr beeindruckt von Georg Fraberger „Ohne Leib mit Seele“. Das habe ich geschenkt bekommen und war zuerst verstört. Aber ich bin eine Leseratte, das Buch ist fantastisch und widmet sich sehr tiefgründig großen Fragen: Was macht einen Menschen aus und wer bin ich?

Außerdem möchte ich die Serie „Wien archäologisch“ empfehlen. Wir haben die jährlichen Berichte „Fundort Wien“, die Monografien mit der Aufarbeitung der Grabungen der Stadtarchäologie Wien für die Fachwelt und meine Lieblingspublikation, da wird immer ein Thema aufbereitet, etwa „Licht und Wärme“ oder „Legionslager“ oder „Neuzeitliche Friedhöfe“, „Wiener Neustädter Kanal“ und in Wort und Bild umfassend beschrieben. Die Menschen, die Lebensumstände der Epoche, die Möglichkeiten, technologische Strukturen, das Stadtbild, das kommt nicht nur bei mir gut an.

Welche historische/n Wiener oder Wienerin bewundern sie? Zuletzt habe ich mir ein paar Dinge über Maria Theresia angesehen, die ja auch Gräfin von Tirol war. Ich habe mit meiner Mama früher gerne Hans Moser Filme geschaut. Man muss aber herkommen, um den Schmäh und die Gemütlichkeit und den Grant persönlich zu erforschen.

Was ist ihr Wiener Lieblingswort? Schmäh!

Musik bei der Arbeit? Oh, da habe ich etwas sehr Spezielles und Persönliches. Meine Freundin Elisabeth in Meran spielt herrlich Klavier. Wenn sie in der Nacht aufwacht, setzt sie sich ans Klavier und schneidet es mit. Sie schickt mir die Stücke per WhatsApp, wir nennen das „Wolkenfenster“. Ich bin etwas impulsiv und ihre Musik beruhigt mich.

Wien schmeckt nach? Grünem Veltliner.

Was ist Ihre Lieblingsspeise? Da bin ich patriotisch: Tiroler Knödel und Sauerkraut.

Haben Sie ein Lieblingslokal? Die „Casa piccola“ (casa-piccola.at) hat gleichzeitig mit uns im September 1983 in Wien die Zelte aufgeschlagen. Wir sind schon als Studierende in die Pizzeria gegangen, die von einem Inder geführt wurde. Und wir gehen immer noch hin. Es ist heute ein ganz tolles, veganes Lokal, die Mutter kocht, der Sohn übernimmt es bald.

Was wollen Sie Wien ausrichten? Ich wünsche mir, dass Wien den Stolz auf seine 7000 Jahre Geschichte nie verliert und noch vielen Generationen von ArchäologInnen die Möglichkeit bietet, diese auszugraben und zu erhalten.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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