Keine Lust auf Carmen

Julia Petschinka, Flamencotänzerin, Quantenphysikerin

Name Julia Petschinka, geboren 1974 in Stockerau (NÖ), aufgewachsen in Großmugl im Weinviertel und in Wien, erlernte Berufe Quantenphysikerin und Wissenschafts-Kommunikatorin, arbeitet als Beraterin für Social Media Strategie und Online-PR und als Flamenco-Tänzerin/-Lehrerin, wohnt in Wien Floridsdorf


Der Rhythmus zum Leben: Die Social Media Strategieberaterin und Bloggerin Julia Petschinka tanzt seit fast zwanzig Jahren Flamenco und hat für sich ihren Weg aus dem Rollenklischee gefunden, das der traditionelle Tanz für Frauen vorschreibt. Ihren Abschluss in Quantenphysik machte sie bei Anton Zeilinger (Mister Beam). Die Experimente hat sie jedoch vom Labor ins Tanzstudio verlegt.

Frauen, die Flamenco tanzen. Klingt vielversprechend. Ein energie­geladener, rhythmischer, verführerischer Tanz. Frauen in Schleppen­kleidern, die klatschen, stampfen, singen und einfach mal die Drama-Queen raushängen lassen. Doch jenseits der Klischees ist Flamenco von der Hand­bewegung bis zum Hut sehr formal und streng. Jede Requisite bedingt ein Repertoire, das beherrscht werden will: Vom Fächer bis zum Schultertuch, von den Castagnetten bis zum Rüschen­kleid. Die gesungenen Strophen erzählen Geschichten, die unterschiedlichen Takte stehen für verschiedene Stile und jede spanische Region hat eine eigene Tradition. Julia Petschinka kam durch eine Freundin zum Flamenco und blieb hängen. Schon bald besuchte sie Sommer-Kurse an einer Sprach- und Tanzschule in Granada.

Julia Petschinka fielen die Schrittfolgen leicht, weil Rhythmus immer Teil ihres Lebens war: „Mein Vater hat früher Schlagzeug gespielt und mit mir schon als Kind spielerisch Silben gesungen und geklatscht.“ Zum Einstieg in die komplexen Rhythmen eignen sich die Flamencostile Tangos und Fandango, die sich auf vertraute Vierviertel- und Dreivierteltakte herunterbrechen lassen.

Ursprünglich wollte sie auch Schlagzeug spielen lernen, verfiel dann aber zunächst dem Steptanz. Schlagzeug ist ein denkbar ungeeignetes Instrument in der Stadt. Überall gibt es Nachbarn und es braucht viel Platz. Aber auch wenn man in Wien Flamenco tanzt, führt man das Leben einer „Kellerassel“. Beide spezialisierten Studios liegen im Souterrain. Die Nachbarin der Academia Flamenca im fünften Bezirk, wo Julia probt und unterrichtet, ist glücklicherweise schwerhörig. Seit einem Jahr hat sie in ihren Stunden auch einen Gitarristen und eine Sängerin, was für noch mehr Authentizität aber auch Diskussionen sorgt.
„Zuerst fand ich an Flamenco alles toll. Doch bald ging mir das dramatische Gehabe auf die Nerven. Ich wollte damals nicht mehr die wild aufstampfende Carmen sein“, beschreibt Julia Petschinka, Social Media Spezialistin und heute auch Flamenco-Lehrerin.

Nach dem totalen Beziehungsabbruch fand sie langsam ihren Weg zurück: „Ich habe einige Zeit nur Kritiken geschrieben, wie andere ihre Flamenco-Stücke tanzen. Durch die Workshops von Israel Galván und Juan Carlos Lérida habe ich mich von der Blockade befreit.“ Das Stück „Die roten Schuhe“ von Galván, das mit vielen Konventionen brach, und die Improvisations-Schule von Lérida brachten die 42-jährige Wienerin wieder mit Flamenco zusammen.

Heute steht sie in ihren roten Schuhen auf dem Standpunkt: Es kommt darauf an, welche Frau in der Flamenco-Form steckt. In ihrem Fall eine berufstätige Mutter aus Wien, Feministin, Social Media Strategieberaterin, Cajónspielerin, leidenschaftliche Fotoknipserin und Street Art Aficionada. Aktuell performt sie mit einem Herrenhemd und einem Kleid, das ihr oben herum nicht passt. Sie sucht sich aus, welches Bild sie erfüllen möchte und welches nicht. So kann sie den Tanz immer wieder an ihr Leben anpassen. Als sie schwanger war tanzte sie barfuß. Auch Flamenco mit Rollator oder Gehstock ist eines Tages denkbar. Mit ihrem experimentellen Stil repräsentiert sie eine Nische in einer Minderheit.

Flamenco tanzen in Wien vielleicht 300 Menschen. Julia Petschinka tanzt, klatscht oder klopft im Alltag fast immer – außer im Büro oder wenn sie mit ihrem vierjährigen Sohn spielt. Außerdem führt sie einen Flamenco-Kalender, mit einer Kollegin einen Flamenco-Blog, organisiert Workshops und Festivals.
Nachdem sie sich viele Jahre bei Festivals beworben hat, wird sie mit ihren Choreografien heute eingeladen. Ein Stück wie „next.duo“ zwischen Schreibtisch und Wickeltisch zu entwickeln ist schwierig. „Manchmal überfordert es mich, aber ich kann es nicht lassen“, sagt sie lapidar.

Für was kannst du dich in Floridsdorf begeistern? Ich mag die Alte Donau. Ich mag das indische Restaurant Monsoon und die Weite des Donaufelds. Im Sommer alles ein bisschen mehr.

Was magst du am 6. Bezirk? Dort mag ich die Mischung aus zusammengehaut, arbeitend und hip-sein. 

Was zeigst du Gästen aus Spanien in Wien? Gästen zeige ich den Rosengarten im Volksgarten und den Heldenplatz, das MQ  mit der Buchhandlung Walther König, die Neubaugasse, das Kaufhaus Wall  in der Westbahnstraße, die Fröhliche Welt in der Zieglergasse, die Mondscheingasse, die Alte Donau mit einer Bootsfahrt. Nach Schönbrunn gehe ich natürlich auch mit ihnen, wenn Zeit bleibt. Ich zeige ihnen die Keramikwerkstatt von Petra Gabriel in der Millergasse. Dann gehe ich mit ihnen ins Café Jelinek. Und später in ein makrobiotisches Restaurant, das makro1 am Fleischmarkt. Das Tanzcafé Jenseits in der Nelkengasse kommt immer gut an.  Einzigartig ist auch das Bellaria-Kino und danach die Rote Bar im Volkstheater. Und sie müssen das MUMOK sehen.

Wo isst Du Tapas? In Spanien. Oder in Linz im Divino

Das Wochenende verbringst du wo? Im Freien, mit der Familie.

Was liest du aktuell? Wiedermal Goya von Lion Feuchtwanger.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? Wenn das als Film gilt: „Jim Knopf und die Wilde 13“ von Michael Ende – die Version der Augsburger Puppenkiste.

Was ist dein Lieblingsfilm? Zur Zeit drängen sich Serien in die Kategorie „Lieblings-“, und da zum Beispiel „The Vampire Diaries“ und „New Girl“. 

Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten? Parov Stelar, Lady Gaga und Prince.

Deine Lieblingssongs? „Leuchtturm“ von Nena, „Purple Rain“ von Prince, „Lovesong“ von Adele.

Hast du ein Lieblingslokal zu Mittag? Das Elephant & Castle im 7. Bezirk.

Wo gehst du am Abend gerne essen? Ins Die Liebe  im 7. Bezirk, vor allem wegen dem guten Wein dort! 

Wien schmeckt nach … kalter Melange. 

Ein Restaurant, wo du  schon lange hinwillst, es aber noch nicht geschafft hast? Ich höre immer vom Mochi im 2. Bezirk.

Wo feierst du mit deiner Familie? Zu Hause.

Wo feierst du mit deinen Freunden? Am liebsten wo mit Tanz. Zur Not zwischen den Tischen. 

Wo entspannst du dich am besten? Im Café Jelinek , im Tanzstudio und im Bett.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich inspirieren? Ich liebe es, Touristin in Wien zu spielen und durch Bezirke zu gehen, die ich nicht gut kenne. Oder so zu tun, als würde ich sie nicht kennen. Alles neu sehen.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.