Kuhdorf, Klosterschule, Undercover-Koch

David Groß fotografiert von Nini Tschavoll

Name David Groß, geboren 1978 in Salzburg, aufgewachsen in Anthering/Flachgau, lebt in Wieden, Salzburg und in seinen Projekten, Beruf Filmemacher, Koch und Artivist.


Der Filmemacher David Groß zeigt, dass Weltrettung Spaß machen kann. Seit 2012 lädt er regelmäßig zu Midnight Shopping im Koloniakübel, Schnippel-Disco und Wastecooking ein. Wenn ihn etwas aufregt, folgt er seiner inneren Stimme und betreibt mit künstlerischen Mitteln Gesellschaftspolitik. Wie auch beim Projekt refugee.tv, wo ausschließlich JournalistInnen im Exil aus der neuen Heimat berichten. Ihm selbst war Wien lange unheimlich.

Filmemacher David Gross

David Groß brütet seine Ideen im Gehen aus. Er verlässt die Wohnung und durchquert Karlsplatz, Schwarzenbergplatz, Belvedere Garten und dann den Botanischen Garten: „Der ist sehr vielfältig, von Dschungel bis Alpen und man kann dort Menschen sehen, die Bäume umarmen. Von C. G. Jung und Sigmund Freud weiß man, dass sie sich im Belvedere Garten gegenseitig ihre Träume erzählten – all das gefällt mir.“

Wir sprechen über frühkindliche Prägung und dass da wohl jeder die Landschaft seiner Kindheit abbekommt. Für David Groß, aufgewachsen in einem Kuhdorf in Flachgau mit Wald, Bach und Hügeln, war Wien anfangs unheimlich. Umgeben von so vielen Häusern, so nah aneinander. Kein Wunder, dass seine Lieblingsorte Natur oder Panorama bieten. Nach Wien kam er nach der Tourismusschule Kleßheim zum Studieren: Theaterwissenschaft und Publizistik.

Seit 2003 dreht er als freier Fernsehjournalist und Filmemacher Reportagen, Filme und Serien für arte, ORF, Servus TV,
 aber auch Experimentelles für Kino, Festivals und Ausstellungen
. Er ist Mitbegründer des Kollektivs „Schaller 08“ und Initiator der Kunst- und Communityprojekte „wastecooking.com“ und „refugee.tv“.

 David Gross Belvedere

Wastecooking verwandelt Abfälle in Mahlzeiten. Die Motive nicht einkaufen, sondern „Mülltauchen“ zu gehen, sind unterschiedlich: Vom Geld sparen, über den Kick des Halblegalen bis zur Konsumkritik. Faktum ist: Ein Drittel der Lebensmittel in Österreich werden weggeworfen. Zwischen einem hochpreisigen Bio-Lebensmittel und dem (vermeintlich) wertlosen Inhalt der Biotonne liegen nur ein paar Minuten.

Angefangen hat das wastecooking-Projekt 2011 in Salzburg. In einem Supermarkt um die Ecke seiner Wohnung ging er mit erfahrenen „waste divern“ erstmals außerhalb der Öffnungszeiten einkaufen. „Im Vordergrund stand das Abenteuer, aber ich habe sofort gemerkt, dass mich das voll aufregt“, erklärt David.

Sofort war ihm klar: Eine gesellschaftskritische Koch-Show muss her. Bei der Pilotveranstaltung in Wien 2012 verköstigte sein Team 385 Gäste mit geretteten Lebensmitteln. 2013 eröffnete er bei der WienWoche den „Free Supermarket“ in der Grundsteingasse und holte dafür eine halbe Tonne nicht normgerechtes Bio-Gemüse aus dem Marchfeld. Seither veranstaltet er immer wieder Happenings mit „Midnight-Shopping“, „Schnippeldisco und Dinner“ – auch über die Landesgrenzen hinaus. Aus einer Webserie auf Youtube wurden TV-Formate und 2015 ein Film.

David Gross Wasetcooking

© Daniel Samer

Wastecooking bringt verdrängte Konsumfolgen ans Tageslicht: „Die Verschwendung passiert auf so vielen Ebenen, dass einem schwindelig wird. Was man beim Mülltauchen macht, ist allerdings sehr konkret und ergibt Sinn“, beschreibt der gebürtige Salzburger. Es ist natürlich nur Symptombekämpfung.

David würde lieber heute als morgen leere Tonnen vorfinden. Aber inzwischen kann man bei aller Sinnstiftung auch ein bisschen Spaß haben. Die meisten Supermarktketten haben eingesehen, dass es ihrem Image schadet gegen Mülltaucher vorzugehen. Regel #1 in der Szene lautet ohnehin: „Hinterlasse den Müllraum so, wie du ihn vorgefunden hast.“ „Die mutigsten Waste Diver sind übrigens Frauen, auch wenn man sie kaum vor der Kamera sieht“, berichtet David. Nachts gilt es gegenüber Außenstehenden einfach rasch zu klären: Einbruch oder Mülltauchgang. Aufgehalten hat ihn noch nie wer, angefeuert schon.

Der Koch steckte schon vor dem Filmemacher in ihm. In Kleßheim wurde er streng traditionell zum Koch/Kellner und für den Etagendienst ausgebildet. Das Korsett der Gastfreundschaft, wie es in der Tourismusschule unterrichtet wurde, gefiel ihm nicht. Die Idee von wohlfühlen und bewirtet werden, gefiel ihm schon immer: „Ich war gar nicht so ein Kochtalent. Weil du beim Wastediving aber vorher nicht weißt, was es geben wird, wurde es für mich wieder spannend.“

© Daniel Samer

Für die gesellschaftskritische Koch-Show brachte der ausgezeichnete Artivist MülltaucherInnen, Spitzenköche und hungrige Menschen in Wien Ottakring zusammen. Um die Ecke in der Thalia Straße bringt er Community TV, JournalistInnen im Exil und Einheimische zusammen. Die Idee hinter dem Webformat ist, berufliche Qualifikationen zu erhalten und das Verständnis für einander zu fördern.

Den ersten Journalisten im Exil traf David Groß Ende 2015 in einem Refugee-Camp in Salzburg. Daraufhin begann er gezielt nach Menschen in diesem Beruf zu suchen, die häufig als erste flüchten müssen. Heute werden nicht nur in Wien, sondern auch in Linz, Salzburg und München anlassbezogen refugee.tv-Magazinbeiträge produziert.

Dank Crowdfunding und Kunstförderung ist immer wieder eine Folge möglich. Bei seiner Arbeit kommt David Groß sein nomadisches Wesen entgegen. Er bleibt gerne in Bewegung und fühlt sich dort Zuhause, wo seine Projekte sind. Aber auch in Wien gibt es für ihn „noch viel zu entdecken“.

David Groß Belvedere Wastecooking

Seit wann wohnst du in Wien? Ich habe vor zwei Jahren hier meinen Hauptwohnsitz angemeldet aus zwei Gründen: Ich wollte H. C. Strache bei der Bürgermeisterwahl 2015 verhindern und ich wollte das Autokennzeichen W-ASTE 1.

Wieso trägst du immer eine Kappe? Ständig bad hair day? Eher no hair days. Meine Kappen sind von Stadtfell Berlin Design. Ohne sie zieht es mir am Kopf.

Wer hat die Koloniakübel-Küche-Kombination gebaut? Die hat Andreas Strauß gemacht. Nicht extra für uns, aber es passt hervorragend. Er ist Social-Design Künstler.

Was tut sich in Wien zum Thema Vermeidung von Lebensmittelverschwendung? In Wien tut sich Einiges. Etwa der Cateringservice Iss mich , die Wiener Tafel , die Wiener Sozialmärkte , oder die MA 48 Kampagne „Verputzen statt verschwenden“. Ich kann von meinem Selbstversuch berichten: Bis 30 Tage nach dem Ablaufdatum war das Bio-Joghurt genießbar!

Für was kannst du dich in Wien besonders begeistern? Fürs Mülltauchen. Wien ist der Ort in Österreich, wo sich wirklich in jedem Bezirk eine Midnight Shopping Gruppe auf Facebook formiert.

Welche/n historische/n Wiener/in bewunderst du? Fritz Lang, Romy Schneider.

Wochenenden verbringst du wo? Lieber in der Wachau als in Wien.

Was liest du aktuell? „Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shonagon.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? „The other side of hope“ von Aki Kaurismäki.

Was ist dein Lieblingsfilm? „Badlands“ von Terrence Malick.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten? „Country Girl“ von Naked Lunch.

Dein allerliebster Lieblingssong? „Into my arms“ von Nick Cave.

David Groß Wastecooking

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Für den Kegelverein Anthering.

Hast du eine Lieblingsbar in Wien? Die Loos Bar.

Wien schmeckt nach? Trzesniewski-Brötchen.

Was isst du am liebsten in Wien? Trzesniewski-Brötchen.

Wo feierst du mit deiner Familie? Im Burggarten.

Wo feierst du mit deinen Freunden? Im Café Espresso in der Burggasse.

Wo entspannst du dich am besten? Im Botanischen Garten im Belvederepark.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich inspirieren? Der Friedhof der Namenlosen.

Wo suchst und findest du Möbel für deine Wohnung? Bei der Carla.

Deine Lieblings-Shopppingadressen  in Wien? Ich gehe ungern einkaufen. Wenn, dann schaffe ich es zu Humana (Second Hand) oder ich bitte meine Mama, für mich einkaufen zu gehen.

Wo ist Wien noch verbesserungswürdig? Weniger Dachterrassen, mehr Hausbesetzungen, aber ansonsten ist Wien schon ganz gut, so wie es ist ...

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.
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