Biografie einer Wiener Wissenschaftspionierin

Die beiden Standard-Wissenschaftsredakteure David Rennert und Tanja Traxler haben eine gut lesbare Biografie der Wiener Physikpionierin Lise Meitner vorgelegt. Sie erforschte viele Jahre gemeinsam mit Otto Hahn die damals rätselhafte Radioaktivität.

Ihr Leben wird anhand der Schritte ihrer Experimente erzählt: Aufbereitung - Strahlung - Kernspaltung und Spaltprodukte. Die Physikerin Lise Meitner wurde ab 1925 ganze 48 Mal für den Nobelpreis nominiert. Bekommen hat sie ihn nie.

Weil nach 50 Jahren die Akten des Nobel-Komitees freigegeben werden, ist nun klar, dass ihre Leistungen nicht systematisch klein geredet wurden, wie das Frauen in der Geschichte immer wieder passiert ist.

 

Die Wienerin war als Physikerin und Forscherin eine Pionierin. Gemeinsam mit ihrem Neffen Otto Frisch erbrachte sie den rechnerischen Nachweis dafür, dass ihr langjähriger Forscherkollege Otto Hahn (er bekam einen Nobelpreis für Chemie alleine) gemeinsam mit Franz Straßmann tatsächlich Atome gespalten hatte.

Viele Wissenschaftler haben (mehrfach) ihre Leistungen wahrgenommen und wollten sie gewürdigt wissen. Aber an einem Ensemble mieselsüchtiger schwedischer Professoren war nicht vorbei zu kommen. Dass sie interdisziplinär forschte, war vielleicht auch ein Problem. Auf Svedberg, Siegbahn, Westgren und Liljestrand ist MadameWien jedenfalls schlecht zu sprechen - damals war Schweden in Sachen Gleichberechtigung eben noch kein Vorreiter. Die Position im Periodensystem als Element mit der Ordnungszahl 109 namens Meitnerium (Mt), das 1997 nach ihr benannt wurde, kann ihr niemand nehmen.

Die notwendige Physik wird in der Biografie verständlich erläutert. Selbst wer in Physik nur auf Durchzug geschaltet hat, wird viele der klingenden Namen schon gehört haben. Boltzmann, Planck, Einstein, Heisenberg,... alle waren Zeitgenossen von Lise Meitner. Binnen weniger Jahre wurde die bis dahin gültige Weltordnung auf den Kopf gestellt. Die Bedeutung des Wortstamms atomos ist nämlich „unteilbar“.

Lise Meitner kommt angenehm häufig selbst zu Wort. Das ist ihrer umfangreichen Korrespondenz geschuldet. Wie gut, dass es damals noch kein E-Mails gab. Was war das für ein Leben: Zuerst der Kampf um Bildung und höhere Bildung, die Blüte Wiens zur Jahrhundertwende, die Gräuel des ersten Weltkriegs, die systematische Vertreibung jüdischer Intellektueller, die dramatische Flucht, das wissenschaftliche Jammertal, Freude im Herzen der Familie in England und späte Anerkennung.

Sie selbst hätte sich nie nach vorne gedrängt, war sie doch fast zwanghaft schüchtern, wohlerzogen und bescheiden. Aber auch Kettenraucherin, schlaflos, Gegnerin der Atombombe und Wandersfrau. Es ist spannend zu verfolgen, wie sich Lise Meitner immer wieder an widrige Verhältnisse anpasst und eingesteht, dass sie Unrecht hatte.


Lise Meitner. Pionierin des Atomzeitalters.
David Rennert & Tanja Traxler, Residenz Verlag 2018
220 Seiten
EUR 24,00

 

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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