Biedermänner im Schafspelz

De Buchtitel „Geht’s noch!“ irritiert. Spontan würde man sich ein Fragezeichen, statt eines Rufzeichens wünschen. Bis sich die Erkenntnis setzt: Die Bestätigung mit ! stimmt leider. Es geht alles Mögliche. Noch immer. Und schon wieder.

Autorin Lisz Hirn (Jahrgang 1984) analysiert in ihrem Buch aktuelles Geschehen in Österreich. Was Präsidentschaftskandidaten oder die aktuelle Bundesregierung, sagen oder gut finden. Was gut in ihren Kosmos passt (z.B. ÖSV, 12 Stunden-Tag, Tamponsteuer, AMS-Algorithmus,... ).

Leserin und Leser können sich nicht darauf rausreden, dass man „bei uns“ doch sicher schon weiter ist. Die Publizistin und Philosophin zitiert natürlich auch klassische und langjährige Epigonen der Emanzipation, wie Simone de Beauvoir oder Elisabeth Badinter. Und setzt deren Aussagen in Bezug zur Jetztzeit. Das macht immer wieder schmerzlich klar, wie verkrustet, unverändert und retro das Heute, Hier und Jetzt in Sachen Gleichbehandlung, gesellschaftlicher Akzeptanz, Diskriminierung und frauenpolitischer Forderungen ist.

Neokonservativ ist nämlich en vogue. Gleiche Chancen und Wahlfreiheit von Frauen schnurren zusammen im Bannstrahl von Erwartungen, Neoliberalismus, einzementierten Rollenbildern, Social Media und maternalisierten Feministinnen. (K)ein Zufall, dass Text, Grafik und Vorsatzpapier türkis-schwarz gestaltet sind?

Das verwendete Bild, der rote Faden, ist Max Frischs Erzählung „Biedermann und die Brandstifter“ und Biedermänner wie Biederfrauen ortet die Autorin zahlreich. In sieben Kapiteln durchmisst Lisz Hirn das aktuell propagierte Familienideal aus den 1950ern, was unbezahlte Care-Arbeit und Altersarmut miteinander zu tun haben, die vermeintliche Wahlfreiheit, die kontrollierte Gebärmutter, was Menstruation und Religion gemeinsam haben und warum sich auch Männer emanzipieren müssen. Am Ende sind noch zwei launige Tests à la Krone bunt abgedruckt: Sind Sie ein Biedermann? und: Stecken Sie in der Retrofalle?

Das Buch ist keine aufbauende Lektüre. Mehr eine Zusammenschau, die klarmacht, dass es noch nicht vorbei ist. Und darin gibt es Sätze, die herrlich auf dem Punkt sind wie „Kein Mann würde eine Frau sein wollen, aber findet es praktisch, dass es sie gibt“ (S. 25) oder „Gleichheit bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede zwischen Menschen gibt“ (S. 31) oder „Man kann sich seinen Körper nicht aussuchen, dennoch bildet er die Grundlage unseres Daseins“ (S. 93).

Aufgezeigt wird auch die Kluft zwischen gutsituierten und hoch ausgebildeten Städterinnen und Geringqualifizierten, Zugezogenen sowie Frauen außerhalb der Ballungsräume. Zwischen Frauen mit und ohne Kindern, mit und ohne PartnerIn. Da hilft nur Solidarität und Weiterkämpfen im Großen und im Kleinen.


Geht’s noch! Warum die konservative Wende für Frauen gefährlich ist 
von Lisz Hirn
Molden Verlag 2019
144 Seiten, 20 EURo

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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