Manchmal mag ich auch gern ein Wiener Schnitzel

Liwei Sun fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Liwei Sun, geboren 1979 in Qing Tian in der Provinz Zhejiang (China), kam mit zehn Jahren nach Österreich und ist von Beruf Gastronom und leidenschaftlicher Koch.


Der erste Weg von China nach Österreich führte die Familie direkt nach Graz. Die Eltern Sun machten Mitte der 1980er Jahre die Vorhut und holten ihre Kinder ein paar Jahre später nach. Liwei war damals zehn Jahre alt und der jüngste von drei Söhnen.

Sein Vater Linzhu Sun eröffnete ein Restaurant am Grazer Ruckerlberg, das Liwei täglich nach der Schule aufsuchte. Erst nur um zu essen und die Hausaufgaben zu machen. Später auch, um in der Küche oder an der Schank zu helfen. Die Gastronomie sei ihm praktisch in die Wiege gelegt worden, erzählt er rückblickend.

Das Kochen erlernte Liwei vom Vater und später in China, das er wie ein Zugvogel immer wieder besuchte. Die Ausbildung laufe dort ganz anders, als man das in Österreich kennt, schildert er. Ein Koch schöpft aus unendlich vielen Möglichkeiten, denn alle 23 Provinzen Chinas haben ihre eigenen Regionalküchen und Kochtraditionen, die sich teils erheblich von einander unterscheiden.

Allen gemein ist: die Köche bereiten das Essen mit vielen verschiedenen Kräutern zu. Vorwiegend wird nach der TCM-Lehre (Traditionelle Chinesische Medizin) gekocht, vielleicht nicht immer beabsichtigt, aber intuitiv.

Während eines Urlaubs in China lernte er seine Frau Biru Ye kennen und die beiden begaben sich auf den Spuren seiner Eltern. Sie eröffneten in Steyr ein Lokal, bald darauf kam Tochter Xiangzhi zur Welt, später Sohn Hanzhi. Liwei handelte auch mit Lebensmitteln und kam so mit der Wiener Gastronomieszene in Kontakt. Sein großes Fachwissen über gesunde Zutaten und wo sie zu beziehen sind, eignete er sich damals an, erzählt er.

1999 kam er nach Wien und führte mit seinem Bruder ein Lokal, das dieser später ganz übernahm. Vor sechs Jahren sperrten Liwei und Biru Küche 18 auf der Währingerstrasse im 9. Bezirk auf. Dort fragen sie seither Chi le ma?/Hast du schon gegessen? und bekochen ihre Gäste.

Seit Februar kocht Liwei auch in der Taborstraße 38. Hier fusioniert er die kulinarische Vielfalt verschiedener Regionen.„Ich selber habe schon immer heiße Nudelsuppen geliebt. Die biete ich also auch in meinen Lokalen besonders gerne an. Scharf, mild, mit Fleisch oder Fisch, vegetarisch, vegan... und immer sind viele Kräuter bei mir am Plan“, erklärt er seine Küche.

Auch Wildgemüse entdecken er und seine Eltern jetzt immer öfter in Österreich. Dazu gehört etwa Portulak. Den legt Liwei gerne mit Chili ein, als Würze für viele seiner Speisen. Wilde Goji-Sträucher gedeihen ebenfalls seit einiger Zeit in unseren Breitengraden. „Davon nehme ich vor allem die Blätter: frisch in den Salat oder blanchiert oder einfach mit Knoblauch, Pfeffer und Salz angebraten. Das schmeckt herrlich“, schwärmt der Koch.

Demnächst will Liwei Sun chinesisches Frühstück in die Karte aufnehmen. Das ist traditionell immer warm. Es wird dann bei ihm Congee und pikante, aber auch süße Suppen mit Früchten geben. Liwei selbst frühstückt mit seiner Familie immer warm, das ist ihm wichtig. Sohn Hanzhi verbringt als Mitglied der Wiener Sängerknaben die Woche über im Internat und freut sich am Sonntag am meisten auf Papas Suppenfrühstück.

Du bist seit 1999 in Wien. War das Ankommen hier schwierig? Nein, denn durch meinen Lebensmittelhandel hatte ich schon viele Kontakte in der Stadt. Mir war es aber auch wichtig, nicht nur in der Community zu bleiben, sondern mit den Wienern in Berührung zu kommen und so die Stadt und ihre Bewohner besser kennen zu lernen. Ich bin mit Leib und Seele Österreicher, China ist meine zweite Heimat.

Dein chinesisches Lieblingsgericht ist Nudelsuppe. Welches ist Dein Wiener Lieblingsgericht? Eindeutig ein gutes Wiener Schnitzel – ganz ehrlich (lacht).

Hast du ein Lieblingslokal, das Du empfehlen möchtest? Berufsbedingt bin ich neugierig auf andere Küchen, deswegen gehe ich immer in verschiedene Lokale. Aber insbesondere das Griechenbeisl im 1. Bezirk mag ich sehr gerne. Das hat eine sehr lange Tradition und wurde vor einiger Zeit von einem Freund übernommen.

Was interessiert Dich kulturell in Wien? Wir gehen natürlich sehr oft zu Konzerten, bei denen die Sängerknaben singen. In den Musikverein, ins Muth usw. Ich bin, genauso wie meine Frau und meine Tochter, im chinesischen Sternzeichen eine Ziege, das sind die schöngeistigen und kreativen Menschen (lacht).

Was lieben die chinesischen Touristen besonders an Wien? Ganz klar, sie schätzen die Musik, Mozart, Strauß, Sisi. Und dann fahren sie nach Salzburg oder Hallstadt weiter. Wir haben mittlerweile viele Gäste aus China. Von uns als Locals erfahren sie dann, was sie in Wien machen können. Was in keinem Reiseführer steht.

Was ist Dein Lieblingsplatz in Wien? Mit den Kindern gehe ich gelegentlich in den Donaupark, den finden wir sehr schön. Und dann wandert die Familie gerne durch die Weinberge, wir lieben die Heurigen, trinken gerne Sturm und essen Blutwurst.

Hast Du einen Lesetipp für uns? Ich lese vor allem Kochbücher, zu mehr fehlt mir die Zeit. Und die versuche ich auf Chinesisch zu lesen, denn das muss ich üben, denn ich lese besser Deutsch als Chinesisch. Unsere Kinder gehen beide zusätzlich in den Chinesisch-Unterricht, wir wollen, dass sie die Sprache nicht nur in Wort, sondern auch in Schrift beherrschen.

Was möchtest Du Wien ausrichten? Wien ist eine offene Stadt, die Menschen werden hier so gut aufgenommen. Es ist nur so: uns gehen die Köche, die in China die traditionelle gesunde Küche gelernt haben, aus. Es wird immer schwieriger sie hier her zu holen. Das sollte unbedingt wieder leichter gemacht werden. Ich plane in Zukunft, hier Lehrlinge auszubilden. Mal sehen, ob es funktioniert.


Liwei´s Kitchen

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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