Aufstehen für Ausgegrenzte

Verena Krausnecker fotografiert von Stefan Knittel

Name Verena Krausneker, geboren 1973 in Wien, Beruf Soziolinguistin,
wohnt in Wien Währing.


Verena Krausneker forscht als Linguistin über Gebärdensprachen, Bildungspolitik und Sprachenrechte. Neben Forschung und Lehre in Wien und Hamburg, engagiert sie sich für Menschen, die nicht einfach dazugehören können. Die Wienerin ist Mitgründerin des Vereins Shalom Alaikum, in dem jüdische Frauen Flüchtlingen helfen, die vorwiegend aus muslimisch geprägten Ländern kommen. Täglich beweist sie so, was sie von religiös motivierten Vorurteilen hält.

„Aufzustehen für Menschen, die ausgegrenzt werden oder nicht dazugehören können – das beschäftigt mich einfach“, sagt Verena Krausneker. Die 43-jährige Wienerin ist keine klassische Charity-Lady mit Vergangenheit im Showbusiness und Tagesfreizeit. Eher eine berufstätige Überzeugungstäterin, die hinschaut und anpackt, weil sie im Kleinen und Großen etwas verändern will.

Woher sie die Energie dafür nimmt, weiß sie selbst nicht. Aber sie hält es mit der amerikanischen Kulturanthropologin Margaret Mead, die gesagt hat: „Never doubt that a small group of thoughtful, committed citizens can change the world; indeed, it’s the only thing that ever has.“

Seit 15 Jahren forscht und lehrt sie zu den Themen Gebärdensprachen, Sprachenrechte und Bildungspolitik an den Unis in Wien und Hamburg und war nebenbei immer auch im NGO-Bereich tätig. 1999 gründete sie die Anti-Rassismus-Organisation ZARA mit, war lange im Vorstand des Österreichischen Gehörlosenbunds. Im Oktober 2015 gründete sie mit fünf anderen jüdischen Frauen aus unterschiedlichen Nationen die NGO „Shalom Alaikum – Jewish Aid for Refugees in Vienna“. Der Name kombiniert die gängige Grußformel „Friede sei mit Dir“ auf Hebräisch und Arabisch und ist gleichsam der zentrale Gedanke hinter der Vereinstätigkeit: Kommunikation, Zusammenleben und gegenseitiges Vertrauen.

Ursprünglich waren die tatkräftigen Frauen unabhängig voneinander in der Akuthilfe tätig, haben auf der Gästecouch erschöpfte Menschen beherbergt, am Bahnhof ausgeholfen und Spenden gesammelt: „Als wir einander zufällig trafen und erkannten, wie ähnlich unsere Erfahrungen damit waren, entschieden wir so aufzutreten: Als Jüdinnen, die gegenüber Flüchtlingen aus dem muslimischen Raum keine Berührungsängste haben.

Zudem fokussieren wir mit Shalom Alaikum auf Flüchtlingsfamilien, die in Wien bleiben wollen.“ Seit rund einem Jahr kümmern sie sich um 20 Familien, helfen also rund 100 neuen Nachbarn und Nachbarinnen mit Sachen, Kontakten, Begleitung und Information.

„Zum einen bin ich sehr hartnäckig, zum anderen entschärft es die ganze Situation wenn ein blonde, Hochdeutsch sprechende Frau einfach nur dabei ist. Die Gespräche werden respektvoller und die Antragsteller bekommen mehr Aufmerksamkeit“, sagt sie und zeigt somit einen Weg, mit Alltagsrassismus umzugehen.

Shalom Alaikum vertritt nicht die offizielle Position der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, die in Bezug auf muslimische Flüchtlinge eher auf Angst und Abgrenzung setzt. „Ich sehe täglich, dass keine Gefahr von einzelnen Personen ausgeht, denen man in die Augen schaut. Wir haben nie versteckt, dass wir Jüdinnen sind. Es funktioniert, weil alle es wollen“, bekräftigt Verena Krausneker.

Sie ist, wenn man so will, ein sehr ideologischer Mensch: „Ich habe meine Prinzipien. Ich lebe in einer sicheren und friedlichen Stadt, umgeben von Menschen, die mich schätzen und respektieren. In einer typischen Akademikerinnen-Blase.“ Für die Tätigkeit bei Shalom Alaikum sprang sie gleich über mehrere Schatten: „Wir haben Menschen geholfen, die erst einmal völlig durch den Wind waren. Mit denen konnte ich nicht vorher abklären, ob wir uns eh auf einer Wellenlänge befinden.“ Auch wollte sie oft weg aus Wien, hatte viele Krisen mit ihrer Heimatstadt: „Nun merke ich, dass es etwas bringt so lange hier zu leben. Ich kann mein gewachsenes Netzwerk zur Verfügung stellen und ein menschlicher Wegweiser sein.“

Inzwischen hat der Verein vom Außenministerium eine ehrende Anerkennung des Intercultural Achievement Award zugesprochen bekommen und die sechs „Schnorrerinnen“ freuen sich schon, das Preisgeld sinnvoll auszugeben. Langsam gewinnen ihre Schützlinge die Sicherheit, ihre eigene Persönlichkeit mehr auszudrücken, sich nach außen darzustellen und können so gut Deutsch, dass man sich bald auch über Ideen und Prinzipien unterhalten wird können. Darauf freut sich sie sich schon.

Die gebürtige Wienerin hat das Gesamtpaket einer Familiengeschichte mit jüdischen Vorfahren mitbekommen. Bevor sie vor neun Jahren in den 18. Bezirk umzog, wohnte sie in einem ihrer Familie rückgestellten Haus in der Taborstraße: „Das war lange vor der Boboisierung. Im 2. Bezirk findet das Leben auf der Straße statt, im 18. Bezirk lebt man eher nach innen.“ Sie hat lange gebraucht, um im neuen Bezirk anzukommen.

Die ersten Jahre pilgerte sie immer in die alte Heimat zum Schneider, zur Putzerei oder zum Markt. Heute lebt und arbeitet sie in einem ehemaligen Wirtshaus. Das Wohnzimmer war ein Tanzsaal, die Bibliothek ein Spielzimmer, Gäste schlafen in der ehemaligen Kegelbahn und aus dem Schanigarten wurde ihr Garten, in dem sie bis auf einen Ahorn- und einen Kastanienbaum jede Pflanze gesetzt hat. Der Garten hat ihr geholfen, sich im wahrsten Sinn des Wortes zu verwurzeln.

Du hast gesagt, dass du mit deiner Heimatstadt immer wieder gehadert hast. Was schätzt du an Wien? Ich schätze die leicht angestaubte Grandezza der Prachtarchitektur in der Innenstadt. Die imperiale Architektur ist ja zum Teil für alle benutzbar, ist zugänglich. Mit meinem Mann, der Schweizer ist und Wien toll findet, gehe ich gerne ins Palmenhaus im Burggarten.

Ein schöner Blick auf Wien? Auch als Eingeborene kann mich Wien noch überraschen. Neulich war ich erstmals auf dem Dach des Naturhistorischen Museums, das man mit Führungen besuchen kann. Ein toller Ausblick.

Wofür kannst du dich in Wien begeistern? Historisch, dass es in allen Stadtvierteln öffentlichen Wohnbau gibt. Es wurden einfach überall Gemeindebauten errichtet, vom Villenviertel bis an den Stadtrand. Aktuell: Die Jahreskarte der Wiener Linien um einen Euro pro Tag! Und im Namen von Shalom Alaikum möchte ich den Wiener Schulen ein dickes Lob aussprechen: Sie haben viel Platz gemacht für bildungswillige Neuankömmlinge.

Inwieweit ist dein Wien das jüdische Wien? Ich glaube, es gibt verschiedene jüdische Wiens. Ich habe auch eines. Ein normales Judentum zu praktizieren hat mir geholfen mit Wien zurecht zu kommen. Diese ganzen Orte der Verfolgung sind ja physisch noch da, zum Beispiel Steinhof ist nicht nur ein schöner Spaziergang, sondern auch ein Gebäude mit Vergangenheit, das auch für Mord, Erinnerung oder Leere steht. Nur in diesem Kontext zu leben ist emotional nicht auszuhalten. Ich lebe traditionell-assimiliert mit den jüdischen Einrichtungen in Wien. Es gibt strengere Auslegungen der religiösen Praxis als meine, aber auch lockerere.

Wann ärgerst du dich über deine Stadt und ihre Bewohner und Bewohnerinnen? Immer dann, wenn Menschen wegschauen, statt zu helfen, sich nicht verantwortlich oder zuständig fühlen für jemanden, der am Boden liegt. Das macht mich grantig, weil eine Gemeinschaft Sicherheit geben soll. Auch habe ich Ämter durch Shalom Alaikum leider von ihrer schlechtesten Seite kennengelernt. Aber das kann ja noch werden.

Was liest du aktuell? „The Old Ways“ von Robert Macfarlane.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? Zu Hause: „Cookie’s Fortune“ von Robert Altman. Im Kino: „Der Schamane und die Schlange“.

Welches Lokal empfiehlst du uns zu Mittag? Das EN in der Werdertorgasse.

Wohn gehst du gerne essen am Abend? Skopik & Lohn zum Finsteren SternTulsiHabibi & HawaraEdelhof.

Und danach, hast du eine Lieblingsbar?  Immer wieder gerne in die Loos Bar.

Wien schmeckt nach … Marmeladepalatschinken.

Was isst du am liebsten in Wien? Immer was anderes.

Ein Restaurant, wo du schon lange hinwillst, es aber noch nicht geschafft hast? Ins Miznon.

Wo feierst du mit deiner Familie? An einem unserer Esstische.

Wo feierst du mit deinen Freunden? An einem unserer Esstische.

Wo entspannst du dich am besten? Im Bett.

Wo suchst und findest du Möbel für deine Wohnung? WerK (Werner & Katja Nussbaumer, die bauen Möbel), MoSound in der Kirchengasse.

Deine drei Lieblings-Shopppingadressen in Wien? Buchhandlung Hartliebs in der Währingerstraße, 1180, St. Charles in der Gumpendorferstraße, 1060. Der Marktstand, wo mein Mann die köstlichen Früchte und das Gemüse holt.

Was zeigst du Gästen, die nach Wien kommen? Einen Spaziergang durch die kleinen Gassen im Ersten, der dann über den Heldenplatz und zwischen den beiden Museen durchführt und im MQ endet. Oder, die Kurzfassung: Der Blick vom 18. Stock des Sofitel.

Wo ist Hamburg in Wien? An der Alten Donau und in der flachen Gegend rundherum – das erinnert mich an die Alster. Wien in Hamburg findet die passionierte Teetrinkerin im Café Leonar am Grindelhof mit seinem reichen Angebot an Zeitungen.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Stefan Knittel
Stefan besitzt keinen Blitz, dafür hat er den Blick fürs Wesentliche. Meistens fotografiert der Wiener Fotograf Menschen, die etwas zu erzählen haben. Er liebt Tageslicht, Fahrradfahren und den Wienerwald.