Pionier mit Bodenhaftung

Michi Buchinger fotografiert von Nini Tschavoll

Name Michael Buchinger, geboren 1992 in Wien, aufgewachsen in Müllendorf (Burgenland), wohnt in der Inneren Stadt und arbeitet als Youtuber, Autor, Influencer und Kabarettist


Wir treffen Michael Buchinger im Café Bräunerhof, wo die Kellner wientypisch granteln und der Lärmpegel gering ist. Es gibt kaum Steckdosen, bereits Thomas Bernhard war hier gerne Gast. Im Umkehrschluss ist die Gefahr gering, dass sich Michaels jugendliche Fans hierher verirren. Und da kommt der YouTube-Pionier schon um die Ecke: pünktlich, freundlich, aufgeräumt und in einem Animalprint-Hemd, das perfekt mit den Überzügen der Sitzbänke im Bräunerhof korrespondiert.

Michael Buchinger hat seine Fühler in den vergangenen Jahren von der virtuellen in die analoge Welt ausgestreckt. Demnächst erscheint sein zweites Buch „Lange Beine, kurze Lügen. Michi schenkt euch reinen Wein ein“. Verfasst in bildreicher Sprache, mit vielen popkulturellen Bezügen und gespickt mit vielen ungenierten Lügen. Wenn bei Michael jemand erstarrt, bezieht er sich nicht auf Lots Weib aus der Bibel, sondern auf die botoxgelähmte Stirn von Nicole Kidman.

Der 26-Jährige behauptet gerne, gut und viel zu lügen, weil es sein Leben angenehmer macht und sich die Menschen rundum besser fühlen. Einfach die Regler „Unverfrorenheit“ und „Charme“ auf Anschlag drehen und schon läuft die Sache – das ist seine Buchinger-Methode. Die Schlangenlederhose aus London, das Hütchen der Trendmodistin oder der Haarschnitt vom Edelfriseur? Nur wenn wirklich gute Freunde um eine ehrliche Meinung bitten, käme ihm etwas anderes als „Dernier Cri“, „allerliebst“ oder „so fesch“ über die Lippen.

Soll Benimm-Guru Thomas Schäfer-Elmayer das gezielte Lügen in den Reigen der guten Manieren aufnehmen? „Ich liebe Benimmbücher und darf euch sagen: Es steht eh drin, man soll nicht zu direkt sein. Das ist ein Codewort für genau dieses oberflächlich belanglose Lügen. Das nicht immer die Wahrheit sagen, höflich bleiben und niemanden belasten.“ Diese Fähigkeit wird ihm vielleicht gerade jetzt, wo er Menschen nicht nur vor dem Bildschirm zuwinkt, ganz nützlich werden. Michi kann man nicht mehr nur auf YouTube und Instagram „begegnen“, sondern im echten Leben, im Kabarett und bei Lesungen: „Ich bin im Internet schon so etwas wie eine Karikatur geworden. Manche Menschen denken wirklich, ich esse nur Käse, trinke nur Wein und bin ein hasserfüllter Mensch. Nach zehn Jahren Internet als Beruf kann ich nun etwas mehr von mir selbst zeigen.“

Das Internet vermittelt ja eine Pseudo-Intimität, weil die virtuelle Begegnung recht regelmäßig ist, wenn jemand Buchingers Kanäle abonniert. 2018 steht für Michael unter dem Motto Ehrlichkeit. Er genießt die Auftritte, hat Respekt davor und empfindet den Rahmen mit 400 Leuten als intim. Ein schlecht geklicktes Video sehen bei ihm sonst durchschnittlich 20.000 Leute. Jedenfalls passiert es ihm bei Auftritten recht häufig, dass ihn Menschen umarmen wollen und ihm sehr persönliche Geschichten aufdrängen, obwohl er sie in Wahrheit zum ersten Mal sieht.

Michael Buchinger ist nicht der meist abonnierte YouTuber Österreichs, aber er ist ein Pionier. Als Kind wollte er Koch werden. Mit 15 Jahren Jahren dann Kolumnist für die deutsche Vanity Fair. Beim Berufsziel „Kolumnist“ kann er heute ein Hakerl setzen. 2009 fing er als Teenager in Müllendorf mit Sketches auf YouTube an, die er an Mitschüler verschickte. Die Aufmerksamkeitsschwelle durchbrach er 2010 mit dem Video Was wäre, wenn Facebook das reale Leben wäre,  das bis dato 1.247.806 mal angesehen wurde.

Er war schon in der Amateurphase auf YouTube, machte mit bei MySpace, ist heute auf Facebook, Instagram, Twitter vertreten. Er war auch schon Mitglied einer Agentur, die YouTuber vermarktet. Weil er aber die Dinge gerne selbst kontrolliert, stieg er dort wieder aus. Seit 2016 ist er selbständig mit seiner Firma Gretelproductions und lebt von seinen Berufen im Internet.

Wie bestimmt er, was er macht und was nicht? „Am Anfang bin ich ja reingerutscht. Heute bin ich eher misstrauisch. Wenn ich von neuen Plattformen höre, sehe ich mir genau an, wer die benutzt. Snapchat habe ich ausgelassen. Facebook hat sich verändert und ich mache dort jetzt weniger. Was früher einfach war, kostet dort heute Geld. Twitter nutze ich sehr unösterreichisch. Ich gebe dort keine unbequemen politischen Meinungen wieder, sondern nur Gags.“

Michael Buchinger ist ein Entertainer. Seine Mission war und ist Unterhaltung: „Bei mir gibt es keinen tieferen Hintergrund, sondern einen lustigen Abend. Bei mir bekommt man keinen Ted Talk“, lacht er und setzt nach: „Wobei ich gerne einen Ted Talk halten würde.“ Der „Hello Friends hier ist Michael Buchinger“ ist seine Rolle, in die er hineinschlüpft, „wenn mich jemand auf der Straße anspricht oder wenn die Kamera läuft. Es ist mir nicht so bewusst. Ich spreche dann anders und lauter. Das sagen mir viele.“ Für die typischen „wie Michael Buchinger die Welt sieht“-Videos oder die monatlichen #Hass-Listen nimmt er sich selbst auf und schneidet selbst. Das Ergebnis ist also verdichtet, ein Best-of der guten Momente. „Ich kann auch ruhig und traurig sein, aber da würde ich kein Video davon machen. Ich will unterhalten und YouTube ist das merkwürdige Format, in dem man 10 Minuten Monologe zeigen kann.“

Social Media ermöglichen nicht nur, dass jeder publizieren kann. Es wird auch zurückgeredet: „Unter meinen eigenen Videos ist von 200 Kommentaren vielleicht einer negativ – das kann ich gut nehmen. Wenn andere Medien über mich berichten oder ganz generell in Zeitungsforen, kehrt sich das Verhältnis um. Da bin ich schon geknickt, wenn ich das am Stück lese.“ Manchmal verwurstet er böse Kommentare zu eigenen Videos und verarbeitet sie so.

Er wurde auch schon bedroht, aber nach einer kleinen Recherche stand fest: Die Person war 12 Jahre alt. Also ließ er es darauf ankommen. Umgekehrt kann Michael Buchinger auch auswerten, wer sein Publikum ist: „Über alle Plattformen sind es zu 82 Prozent Mittzwanzigerinnen, die mich abonnieren. Die sind doch eher harmonisch.“ Seine Zielgruppe ist „wem es gefällt. Manche 45-Jährige genieren sich Youtuber zu schauen – das finde ich komisch.“

Vor ein paar Jahren war sein Publikum noch zwischen 13 und 18: „Ich habe mich auf YouTube umgesehen und es gibt schlimmere Vorbilder als mich. Ich fordere dazu auf, wählen zu gehen und habe vermutlich dazu beitragen, Homosexualität zu normalisieren. Natürlich bin jetzt anders als mit sechzehn. Zum Glück!“ Für seine kreativen Unterfangen hält er sich an den Rat von Elisabeth Gilbert, Autorin des Bestsellers „EAT.PRAY.LOVE“: „Ich stelle mir eine Person aus meinen Bekanntenkreis vor, der das gefallen könnte.“

2009 gab es wenige Österreicher, die auf YouTube was mit Humor machten. Als jemand, der bisher alle Jobs im Internet hatte, wird er demnächst bei Barbara Karlich zu Gast sein und seinen Job der Oma erklären. Und natürlich hat er sich mit seinem Medium bei der RTR angemeldet. Fast zehn Jahre Internetpräsenz bedeuten, am Ideenfließband zu arbeiten und Michael gesteht freimütig, dass er gar nicht selten Blockaden hat: „Langsam muss ich auf Safari gehen, um wirklich neue Eindrücke zu bekommen. Selber schuld, wenn ich ständig nur über mich rede. Meine Erfahrungen und Beobachtungen teile. Es ist eine Challenge an mich selbst, diesen kreativen Muskel zu trainieren.“

Kreativen Downs weicht er mit Formaten aus, für die er keine neuartigen Ideen braucht: mit einem Kochvideo oder Kommentaren über die Aufmachungen auf einem Red Carpet. Was empfiehlt Michael, wenn das Kind den Berufswunsch YouTuber äußert? „Ich habe es mit 16 einfach gemacht und bin drangeblieben. Das kann man nicht planen. Man muss heute viel spezifischer sein, weil es schon viel mehr gibt. Lifestyle und Gaming sind die großen Bereiche, aber der Markt ist da ziemlich gedeckt.“ Er würde also empfehlen sich etwas sehr Spezifisches zu suchen. Anita Ableidinger ist momentan sehr erfolgreich mit Pferden und hat 300.000 Abonnenten.

Geld mit YouTube verdienen kann man erst seit 2012. Seit 2016 ist Michael selbständiger YouTuber und seine Schwester macht die Buchhaltung. Werbung bringt ihm nur rund 300 Euro im Monat. Also macht der Influencer auch Firmenkooperationen. Die wenden sich an ihn, um junge Leute zu erreichen. Die gesponserten Videos waren ein Lernprozess und sind aufwändiger gemacht (Humor à la Buchinger & hokify #Praktikum). Dass alles mühelos aussieht, ist Teil des Business. Es wird gut verheimlicht, wie viel Arbeit und Aufwand es kostet, für YouTube zu arbeiten. Vielleicht wäre das ein gutes Argument.

Raunzen ist ja eine Wiener Tugend. Da passen deine #Hass-Listen gut hinein. „Ich glaube, dass ich tatsächlich in Wien damit angefangen habe. Ich habe sehr viele Zuschauer aus Deutschland, etwa 60 Prozent. Für die erfülle ich das Klischee des raunzenden Wieners. Es funktioniert alles, wo ich meinem „Charakter“ gerecht werde. Ich war echt lieb, bevor ich in die Stadt gezogen bin.“ (lacht)

Wie sieht Michaels Like-Liste für Wien aus? Ich mag die Leute in Wien, auch wenn die Kellner nicht superfreundlich sind. Ich mag hier die Kaffeehaus-Kultur. Wien ist wunderschön. Der menschenleere Heldenplatz um 4 Uhr früh. Man geht durch Gassen, durch die schon viele berühmte Menschen gegangen sind. Und ich finde Wien entgegen des Klischees recht fortschrittlich. Bei Kunst und Kultur sowieso. Und ich muss auch nicht mehr ins Ausland zum Shoppen. Es gibt Manufactum in Wien!

Du bist wohl der berühmteste Sohn der Gemeinde Müllendorf. Es wäre schön, wenn der Bürgermeister zu meinem 60. Geburtstag eine Straße nach mir benennen würde. Vielleicht den Michael Buchinger Boulevard.

Wo ist Wien besser als Berlin? Du warst dort unglücklich schreibst du. Punkt 1: das Trinkwasser, Punkt 2: „de Leit“, Punkt 3: Humor. Meine Gags, die Selbstironie und jemanden auf die Schaufel nehmen, klappt dort nicht so gut. Punkt 4: Es ist hier ungezwungen und morbid. In Berlin haben alle ein Projekt: einen Kurzfilm, einen Gig, eine Vernissage. Und sie erzählen dir davon und laden dich ein. Das ist der Berliner Zeitgeist. Wien ist bescheidener.

Was hast du zuletzt gelesen? „Notes on a Nervous Planet“ von Matt Haig, der Autor hat auch „Reasons to stay alive“ geschrieben. Er schreibt, was Smartphones mit uns machen. Das war ein Augenöffner für mich. Ich bin ja selbst jemand, der immer dranhängt. Ich wär gern mehr weg, aber das ist zweischneidig. Im Urlaub ist immer smartphone-freie Zone. Im Sommer war ich immer nur so eine Stunde am Smartphone, aber es hat halt alles darunter gelitten. Die Follower werden weniger, Anfragen werden nicht beantwortet. Ich bin dabei, mir da mehr Balance zu schaffen, habe aber noch kein Rezept.

Wie lange wirst du das noch machen? Wer weiß das schon. Ich strecke meine Fühler ja bereits aus, Richtung Buch und Kabarett. Falls morgen das Internet explodiert.

Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten? Gute Laune Musik. Stevie Wonder und die frühe Beyoncé, die „All the single ladies“-Beyoncé. Die aktuelle ist mir zu tough, da bin ich nicht cool genug.

Hast du ein Lieblingslokal? Ich bin gerne im Café Korb. Früher war die Susanne Widl noch oft dort. Ich mag alle Diglas-Filialen und die Bananenschnitte dort.

Wien schmeckt nach …? Sachertorte mit Schlagobers.

Was isst du am liebsten in Wien? Ich liebe geschmortes Fleisch: Tafelspitz, Gulasch, Markknochen. Als ich zwei Jahre vegetarisch lebte, habe ich Beuschel und Nierndeln vermisst. Ich versuche, Fleisch heute sehr bewusst zu essen.

Wo entspannst du dich in der Stadt? In der Innenstadt ist es schwer Plätze zu finden, die nicht voller Leute sind. Ich lese gerne auf einer Bank oben auf der Albertina, auf dem Albertinaplatz. Da verirrt sich kaum je jemand hin.

Wo bekommst du deine schicken Oberteile her? Das meiste habe ich von ASOS.

Was möchtest du Wien ausrichten? Schaut einander in die Augen und eröffnet den Dialog. Ich finde es schade, dass man in Wien nicht einfach ins Gespräch kommt. Das ist in Berlin besser. Ich grüße auch meine Nachbarn immer. Ich plaudere gerne.

TIPP! Michael Buchinger liest am 10.11.2018 um 14 Uhr auf der Buch Wien !


Demnächst erscheint sein zweites Buch:

Lange Beine – kurze Lügen
Michi schenkt euch reinen Wein ein
Ullstein Verlag
€ 10,30

www.michaelbuchinger.at

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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