Wiener Wege haben viele Qualitäten

Alexandra Millonig fotografiert von Nini Tschavoll

Name Alexandra Millonig, geboren 1972 in Steyr, aufgewachsen in Waldhausen im Strudengau, studierte Raumplanung und Raumordnung an der TU Wien, Beruf Mobilitäts-Verhaltensforscherin am AIT, Austrian Institute of Technology, wohnt in Wien Landstraße


Wir treffen Alexandra Millonig am Wiener Hauptbahnhof, weil der ihre Forschung gut illustriert. Schnell merken wir, dass sie das Gelände gut kennt: „Ich war virtuell schon hier, als der Bahnhof noch gebaut wurde. Wir haben mit Probanden simuliert, an welcher Ecke das Infozentrum am besten gefunden wird und welche Leitsysteme es braucht.“ Alexandra Millonig ist eine Art Verhaltensforscherin: „Mich interessiert, wie Leute unterwegs sind, welche Verkehrsmittel sie benutzen, welche Einflussfaktoren darauf wirken und wie sich das Mobilitätsverhalten in Richtung Nachhaltigkeit ändern kann.“

Dass die Mobilitäts-Verhaltensforschung ein komplexes, vernetztes und interdisziplinäres Feld ist, stachelt die ausgebildete Raumplanerin an: „Das individuelle Verhalten, aber auch das Verhalten von Gruppen ist DIE wesentliche Einflussgröße in der Mobilität. Diese Erkenntnis setzt sich auch in Politik und Verwaltung immer mehr durch. Es reicht nicht aus, eine fesche neue Technologie vor die Tür zu stellen, wenn Menschen da nicht einsteigen wollen.“

Die gebürtige Oberösterreicherin und Wahlwienerin beschreibt drei Aspekte, die eng zusammenspielen müssen: „Um eine Handlung auszuführen, brauche ich das Material. Fahrzeuge, Informationen oder Infrastruktur sind aber nur die Basis. Das zweite ist Kompetenz. Auch für ein E-Bike muss ich radfahren können. Ich muss es mir zutrauen und mich auskennen, wenn ich Verkehrsmittel nutzen will. Und der dritte Aspekt sind der Wert und die Bedeutung in meinem Leben. Die Fortbewegung kann cool oder gesund sein, Prestige bringen, oder Privatsphäre ermöglichen.“

Wer dem menschlichen Verhalten in der Fortbewegung nahekommen und es nachhaltig verändern möchte, muss mal die Vogel- und mal die Froschperspektive einnehmen. Oder vielleicht eher die „Sei-kein-Frosch-Perspektive“. Immer mit dabei hat Alexandra Millonig deshalb Beharrlichkeit, Berechnungen und eine gute Portion Realismus. Wenn etwas funktioniert, wird es zur Gewohnheit. Ein Automatismus, unhinterfragt und angelegt in den Basalganglien. Wie wir in der Stadt unterwegs sind und ob wir umsteigen, hat viel mit der Macht der Gewohnheit zu tun. Im Englischen sagt man „to kick a habit“, wenn man sich etwas abgewöhnen will. Jeder und jede von uns weiß, dass es meist mehr als einen Tritt braucht.

Ebenfalls kein Geheimnis ist, dass gerade Auto-Mobilität unserem Planeten schlecht bekommt: durch hohen Energie- und Platzverbrauch, Lärm, Schadstoffe etc. Ihrer Erfahrung nach klappen Verhaltensänderungen auch hier am besten, wenn der Leidensdruck hoch oder das Leben im Umbruch ist. Oder wenn wir uns der Konsequenzen unseres Verhaltens drastisch bewusst werden. Zu diesen Fenstern der Verhaltensänderung gehören etwa Umzug, Familiengründung, Ruhestand, gar ein Unfall oder die ärztliche Empfehlung den Lebenswandel sofort zu ändern … Gleichzeitig müssen Informationen über Alternativen bei der Hand sein, genauso gehört dazu Zutrauen in die Kompetenzen. Als Menschen sind wir seit der Steinzeit auf Energieeinsparung programmiert. Also muss es möglichst einfach gehen.

„Wir sehen, dass der tägliche Stau nicht genug Leidensdruck, sondern eher ein kalkuliertes Risiko ist, ebenso die Parkplatzsuche“, erläutert die Forscherin. Aus mehr als zehn Jahren Forschung zum Thema weiß sie, dass es für Verhaltensänderungen in der Mobilität weder das Rezept noch die Lösung gibt: „Wir sind alle unterschiedlich und so müssen auch die Lösungen sein. Meist braucht es eine Kombination von Lösungen.“

Mit ihrem Team hat sie vor kurzem repräsentativ für Österreich erkundet, wie soziales Milieu, Einstellung zu Mobilität und Wechselbereitschaft interagieren. Es konnten sechs Typen festgemacht werden, die sich nicht mit den groben Kategorien „Städterin“ oder „Landwirt“ decken: Ungefähr 20 Prozent der ÖsterreicherInnen sind aufgeschlossen für neue Formen der Mobilität, aber es geht halt nicht. Ungefähr 10 Prozent sagen: „Ihr müsst mich schon dazu zwingen!“ Bei den übrigen 70 Prozent ist offen, ob sie einen Trigger brauchen, um sich mit Alternativen auseinanderzusetzen oder nur auf Vorschriften reagieren.

Für viele Menschen geht es zudem nicht nur darum, was es für ein Angebot gibt, sondern, was die anderen machen. Also forscht Millonig auch zu Motivationsstrategien und Kanälen, auf denen sie ansprechbar sind. Für die einen kann es eine Vorschrift sein, für andere eine App zum Ökopunktesammeln. Fest steht: Um Menschen aus einer Gewohnheit herauszuholen, muss man sie anlocken. Und auf der anderen Seite anschieben: „Wir sind in guten Gesprächen mit der Verwaltung, aber Push-Maßnahmen, sind unpopulär. Für Pull-Maßnahmen muss ich die Leute wiederum genau kennen, um die richtigen Angebote zu machen.“

Wien hat im Bereich der umweltbewussten Mobilität einige Weichen gestellt. Um das Öffi-Netz beneiden uns andere Städte, es gibt Parkraumbewirtschaftung, die günstige Jahreskarte als Incentive und „vermutlich kommt der Radverkehr auch deshalb nicht so stark in die Gänge“, schmunzelt Alexandra Millonig. Generell gibt es immer einen Aufschrei wenn sich etwas grundlegend ändern soll. So auch kürzlich beim Vorschlag Citymaut, aber auch im Vorfeld der Neugestaltung der Mariahilferstraße.

Aber wie kann die Wirkungsanalyse für verschiedene Maßnahmen da gelingen? Das AIT-Tool für Wirkungsanalysen ist ziemlich ausgereift. Zunächst stellt ein Marktforschungsinstitut ein repräsentatives Sample zur Fragestellung bzw. Maßnahme zusammen, z. B. zur Citymaut. Im ersten Schritt wird das aktuelle Mobilitätsverhalten an einem durchschnittlichen Tag abgefragt. Danach werden – neben dem gewohnten Weg – ein bis zwei Alternativen präsentiert. Es wird erfragt, was akzeptabel wäre und warum. „Aus den Antworten leiten wir ab, wer und wie rasch we reagiert und welche Umgehungseffekte zu erwarten sind. Unser Modell ist aufwendiger, funktioniert aber besser, weil wir Themen im Alltag der Befragten begreifbar machen.“

Tatsächlich sind Menschen durch alle Epochen immer gleich lange unterwegs gewesen, nämlich 1,5 Stunden am Tag. Das ist die sogenannte Marchetti-Konstante. Heute können wir in der gleichen Reisezeit einfach weiter kommen. Gibt es für die Mobilitäts-Verhaltensforscherin so etwas wie eine Millonig-Konstante? „Das war bei uns eher ein interner Schmäh. Aber wenn es überhaupt eine Konstante meines Namens geben kann, wäre das zwischen der räumlichen Ebene und der Psychologie ein zutiefst menschlicher, irrationaler Faktor, der dem homo oeconomicus widerspricht“, lacht die Forscherin. 95 Prozent unserer täglichen Entscheidungen treffen wir nämlich aus dem Bauch und der Gewohnheit heraus.

Was sie an dem Forschungsfeld reizt? „Es ist komplex und daher spannend. Man lernt viel über sich selbst, das eigene Umfeld und menschliches Verhalten. Außerdem habe ich einen nicht auszumerzenden Idealismus, mit dem ich etwas zu einer besseren Zukunft beitragen will.“ Ganz generell ist es in Ballungsgebieten aufgrund der Möglichkeiten leichter sein Mobilitätsverhalten anzupassen. Deshalb empfiehlt sie ganz dringend „sich in der Forschung auch einmal von dort wegzubewegen und lokal nach den besten Lösungen suchen“.

Sie ist überzeugt, dass technologischer Fortschritt alleine es nicht richten wird: „Die ultimative Herausforderung ist, dass wir immer noch versuchen die Kurve zu kriegen, ohne auf etwas zu verzichten. Ich fürchte, dass Suffizienz, also die Beschränkung auf das, was wirklich notwendig ist, notwendig ist.“ Und mit einem Augenzwinkern ergänzt sie, dass sie schon manchmal überlegt hat, sich von Alexandra auf Kassandra umzutaufen …

Wollten Sie immer schon Forscherin werden? Ja! Mich haben schon früh Astronomie und Chemie fasziniert. Rund um die Matura hatte ich eher künstlerische Ambitionen. Es wurde aber ein TU Studium. Die Entscheidung für Raumplanung fiel mit dem Hintergedanken, dass man da auch kreativ sein kann. Heute leite ich das gestalterische Talent um in Richtung künstlerischer Torten für besondere Anlässe. Es entspannt mich mit Teig, Fondant und Schokolade zu hantieren und zwischen den Arbeitsschritten abzuwarten. Manche Torten überwinden scheinbar Naturgesetze wie die Schwerkraft.

Wie bewegen Sie sich in der Stadt fort? Mit den Öffis. Mein Fahrrad ist leider ganz ungünstig im Keller verräumt. Ich höre zudem gerne Podcasts und das kann ich im Zug gut machen. Auf Tagungen fahre ich auch mit dem Zug. Wenn sie weit weg sind, fliege ich hin – mit Vergnügen und schlechtem Gewissen. Den Führerschein habe ich auch noch.

Frauen haben öfter Wegeketten, entnehme ich Ihrer Forschung. Also sie fahren in den Kindergarten, ins Büro, zum Einkaufen, wieder in den Kindergarten, zum Spielplatz und dann das andere Kind abholen. Brauchen Frauen ein spezielles Angebot? Wir brauchen alle ein spezielles Angebot. Die umweltfreundliche und schnelle Möglichkeit begeistert nicht alle. Wege haben viele Qualitäten. Sie müssen für manche vor allem sicher sein oder barrierefrei. Den schnellsten Weg kann man einfach am besten ausrechnen. Andere Qualitäten sind wiederum nicht darzustellen, weil es keine Daten gibt. Wir haben mal versucht ein Routing für Seniorenresidenzen zu machen, sind aber an Daten über geräumte Wege im Winter gescheitert.

In anderen Städten gibt es gar keine verlässliche Schneeräumung. Apropos Besonderheiten: Was gibt es nur hier in Wien? Ein Gefühl von Zuhause. Ich bin ein Stadtmensch, das habe ich schon als Kind gewusst.

Ihr Wiener Lieblingswort? Servas! Das kann – je nach Kontext und Betonung – alles Mögliche ausdrücken: Begrüßung oder Verabschiedung, Erstaunen oder Entrüstung. Und dabei bedeutet es „ich diene dir“.

Ihr Wiener Lieblingsort? Das ist eher ein Sehnsuchtsort: Wenn ich eine hätte, wäre es Balkon oder Terrasse.

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen? Ich schaue gerne Filme mit Sci-Fi und Weltraumbezug. Thriller und generell Filme, in denen Rätsel und Gedankenexperimente vorkommen.

Was läuft derzeit auf der Playlist am meisten? Elektronische Musik (z. B. Dubstep, Drum & Base oder Electronic Pop) und Podcasts wie „Hidden Brain“ oder „Only Human“, wo es um Verhalten geht.

Für welchen Verein schlägt Ihr Herz? Ich arbeite immer wieder mit dem Verkehrsclub Österreich VCÖ zusammen, ich bin in der Jury vom Mobilitätspreis.

Ihr Lieblingslokal für den Sonntagsbrunch? Das Hotel Daniel. Auch für einen Cocktail am Abend.

Wien schmeckt nach …? Kaffee – und zwar immer mit Milch und Zucker.

Was essen Sie am liebsten in Wien? Mir ist die Wiener Küche, generell die Österreichische Küche, etwas zu schwer.

Was wollen Sie Wien ausrichten? Redet’s mit mir! Aber das tun sie eh.

AIT

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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