Rebellinnen vor den Vorhang

Nina Maron fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Nina Maron, geboren 1973 in Mödling, wohnt in Wien Leopoldstadt und ist von Beruf Künstlerin.


Wir treffen Nina Maron an einem kalten Wintermorgen in ihrem Hinterhof-Atelier Nähe Rochusmarkt. Sie hat schon eingeheizt, der Raum ist warm, gemütlich und angeräumt. Seit dem Abschluss an der Angewandten ist die Künstlerin hier eingemietet. Sie brauchte damals rasch viel Platz für ihre Bilder, der Hinterhof war günstig und ebenerdig. Ein wichtiges Kriterium für die Tochter eines im Rollstuhl sitzenden Vaters. Der sozialkritische, österreichische Liedermacher Sigi Maron († 2016) kam gerne zu Besuch und malte nach seiner Pensionierung hin und wieder sogar selbst dort.

Als ihr von der Gemeinde ein Wohnatelier im Dachgeschoss angeboten wurde, zögerte Nina Maron zunächst. Doch der Vater redete ihr zu, die Gelegenheit zu ergreifen. Glücklicherweise, wie sie heute meint. So hat sie zwei Orte, an denen sie arbeiten kann.

Als „Arbeitstier“, wie sie sich selbst bezeichnet, hat die Künstlerin einen geregelten Alltag. Bevor sie am Nachmittag ihre Tochter vom Kindergarten abholt, werkt sie in Wien Landstraße. Bürokram und Organisatorisches erledigt sie später zuhause in der Leopoldstadt. Dort entstehen auch Ideen, Skizzen und Vorentwürfe. Nina war immer schon eine produktive Künstlerin. Ihr Werk umfasst 999 Bilder, wie sie auf ihrer Homepage schreibt. Inzwischen dürften es schon ein paar mehr sein.

Vor ihrem Studium absolvierte sie eine verkürzte Lehre zur Typografin. Disziplin, wie etwa das tägliche Frühaufstehen, hat sie sich damals angeeignet. „Ich arbeite einfach wahnsinnig gerne, und entwickle mich und meinen Stil weiter, das ist mir sehr wichtig“, erzählt die Malerin. Alle fünf bis sechs Jahre verändert sich ihre Arbeit, die sie meist als Serie ausführt.

Manchmal wird sie dann gefragt: hast das wirklich du gemalt? Das freut sie ganz besonders. Mit den Serien versucht sie, möglichst alle Aspekte zu einem Thema abzudecken. Motive werden so oft wiederholt, bis sie einen „Augenwurm“ erzeugen, bis das wiederkehrende Motiv „gelernt“ ist, wiedererkannt und interpretiert werden kann. Sie beschäftigt sich mit der Position der Frau in der Gesellschaft. Dafür erntete sie nicht immer Beifall, mitunter stieß sie auf Unverständnis bei ihren männlichen Professoren. Das bestärkte die damals junge Künstlerin aber nur noch mehr, diesen Weg weiter zu gehen.

„Kunst muss auch noch was anderes als schön sein, da ist mehr drin. Ich habe eine große Serie mit Rebellinnen gemacht. Da waren etwa Josephine Baker oder Ulrike Meinhof, die warf Fragen auf. Dann interessierten mich Phoolan Devi oder Hedy Lamarr. Sie habe ich schon lange vor dem Film über ihr Leben für mich entdeckt. Ich wollte mit meiner Arbeit zeigen, was sie für eine großartige Frau war.“

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Maron an einer Serie über Wegbereiterinnen und Pionierinnen: „Die Marathonläuferin Cathrin Switzer ist dabei, die man 1967 nicht beim Boston–Marathon mitlaufen lassen wollte, weil sie eine Frau war. Weiters hat mich Gertrude Ederle interessiert. Sie durchschwamm 1926 als erste Frau den Ärmelkanal. Claire Bauroff wurde durch künstlerischen Nackttanz in den 1920er-Jahren berühmt. Annette Kellermann war die erste Frau, die sich öffentlich im Badeanzug zeigte. Sie wurde 1907 wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet und vor Gericht gestellt. Solche Frauen wecken mein Interesse“, schildert Nina Maron.

Zudem malt sie an einem Zyklus über Frauen im französischen Widerstand. Ein Thema von großer Aktualität, wie sie findet, auch wenn es bei ihren Galerien in Deutschland nicht so gut ankommt: „Das erstaunt mich, zumal auch Leute wie Alice Schwarzer meine Bilder sammeln“, so die Künstlerin. Nina Maron mag es, wenn Interessenten sie in ihrem Atelier besuchen. Ihre Bilder werfen Fragen auf und sie wird nicht müde, zu erklären und sich auseinanderzusetzen. „Oft wundere ich mich, wie wenig die Leute über viele wichtige Frauen wissen.“

Ein gewisses Sendungsbewusstsein wurde der in einer künstlerischen und hochpolitischen Familie aufgewachsenen Tochter wohl in die Wiege gelegt. Ihrer eigenen Tochter liest sie gerne aus dem Buch „Good Night Stories For Rebel Girls“ vor, das sie wiederum von ihrer Mutter geschenkt bekommen hat: „Eine schöne Idee, Geschichten über starke Frauen kindgerecht zu erzählen. Noch dazu ist es von unterschiedlichen KünstlerInnen wunderschön illustriert“, findet Nina Maron.

Auf vielen Pop-up-Märkten in der Stadt finden sich deine T-Shirts mit Pippi Langstrumpf. Was hat es damit auf sich? Mein Vater hat 1995 in Oberösterreich das Festival des politischen Liedes mit initiiert. Das hat lange sehr gut funktioniert. Leider wurden die künstlerischen Förderungen von der Regierung gestrichen. Das hat mich gewurmt und ich habe einerseits eine Crowdfunding-Aktion gestartet und andererseits begonnen, diese Pippi-T-Shirts herzustellen und zu verkaufen. Sie sind handgemacht und gehen sehr gut. Ich könnte laufend produzieren, sie sind sehr beliebt. Für das Festival kam jedenfalls einiges zusammen und es kann weiter bestehen, was mich sehr freut. Dieses Jahr findet es vom 21. – 23. Juni 2019 am Attersee statt.

Was fasziniert dich genau an Pippi Langstrumpf? Sie ist so wahnsinnig stark. Ihre Sichtweise auf die Dinge gefällt mir. Abgesehen davon, dass ich schon finde, dass Schulbildung wichtig ist, bewundere ich, wie sie fokussiert. Sie zeigt, dass es auch ein „Daneben“ und ein „Dahinter“ gibt, die gesellschaftlichen Normen sind ihr leidlich egal. Sie ist einfach eine unheimlich sympathische Identifikationsfigur, dafür liebe ich Astrid Lindgren.

Woran arbeitest du momentan? Für eine Ausstellung in Berlin mache ich gerade etwas völlig Neues: Ich nehme Anleihe an Edward Hoppers Landschaften und Szenerien. Darin finden sich die Frauen, von denen ich vorhin erzählt habe.

Würdest du dich als brennende Feministin sehen? Ja, natürlich bin ich Feministin. So viele Errungenschaften entwickeln sich gerade wieder in die falsche Richtung, da stellt es mir alle Nackenhaare auf. Für meine Tochter wünsche ich mir, dass sich das bald wieder ändern wird. Ich kann mich etwa wirklich ärgern, wenn ich in der Schweglerstraße aussteige und dort nur Bilder von männlichen österreichischen Forschern und Erfindern hängen. Oder warum übersieht man immer wieder, dass eine Frau andere Symptome bei einem Herzinfarkt hat als ein Mann? Aber nicht nur die Forschung ist noch immer männlich dominiert. Das muss sich ändern.

Was hat es mit deiner Serie „Womb for rent“ auf sich ? Dabei ging es mir um die Leihmutterschaft. Frauen, meist aus armen Verhältnissen, vermieten ihren Bauch. Gegen Geld! Ich weiß, dass der Kinderwunsch sehr groß und eine echte Belastung sein kann. Aber es gibt auch andere Möglichkeiten, als sein Erbgut von einem anderen weiblichen Körper austragen zu lassen.

Peter Turrini hat deine Arbeit so beschrieben: Nina Marons Bilder beschreiben nicht mehr und nicht weniger als das Verschwinden des Menschen hinter der Fassade, hinter dem Klischee, hinter dem Dekor. Stimmt das für dich? Ja, damit kann ich mich voll identifizieren. Mit Turrini bin ich seit vielen Jahren befreundet. Mit ihm kann ich wunderbare Gespräche über die Kunst führen, die mich immer wieder weiter bringen und bereichern.

Wie wichtig ist Wien für deine Arbeit? Ich bin sehr sesshaft, eine Stubenhockerin (lacht). In Wien habe ich mich immer wohlgefühlt. Hier gibt es einfach alles, tolle Schulen, städtische Kindergärten, Gemeindewohnungen, viel Grün, tolle Galerien.

Hast du eine Lieblingsgalerie? Ich finde die Arbeit der Galerie Krinzinger beachtlich und natürlich war früher meine absolute Lieblingsgalerie die Galerie Lang. Aber auch junge Galerien in der Stadt bringen immer wieder  tolle Ausstellungen.

Ist Wien gut zu seinen Künstlern? Ja, ich finde schon, die Stadt verfügt über schöne Ateliers und Stadtgalerien. Die jährlichen Atelierrundgänge in den Bezirken sind eine tolle Sache.

Wohin gehst du in Wien gerne essen? Zur Frommen Helene im 8. Bezirk.

Und was isst du am liebsten? Grammelknödel, beim Huth.

Nach was schmeckt Wien? Nach Rosinen. Die mag ich eigentlich nicht, aber so stelle ich es mir vor. Von außen süß und innen ein bissel gatschig.

Wo gibt’s in Wien den besten Kaffee? Beim Italiener drüben, All Italiana.

Wo gehst du shoppen? Meine absolute Lieblingsdesignerin war mija t rosa. Jetzt gehe ich auch gerne zu Lisi Lang oder zu Anita Steinwidder. Aber am liebsten tausche ich derzeit einmal im Monat Kleider bei Alexandra Plos im 15. Bezirk.

Schlägt dein Herz für einen Wiener Verein? Ja, für die Wiener Kinderfreunde. Und auch für die Roten Falken.

Eine besonders denkwürdige Nacht in Wien? Als Jugendliche bin ich einmal beim Donauinselfest in einem Busch eingeschlafen. Dabei ist mir meine Handtasche abhanden gekommen. Das hat die Polizei am nächsten Morgen aber nicht besonders interessiert. Im Grunde konnte ich wahrscheinlich einfach froh sein, dass mir sonst nichts passiert ist. So toll war und ist Wien.

Was willst du Wien ausrichten? Du bist nicht umsonst die lebenswerteste Stadt der Welt. Es gibt so viele schöne Kaffeehäuser hier! Finanziell schlechter gestellte Menschen haben Möglichkeiten, gratis oder sehr günstig in die Museen zu gehen, ebenso ins Theater. Ich will nicht, dass die vielen tollen Errungenschaften dieser Stadt den Bach hinunter gehen. Und ich finde die Donnerstags-Demos toll, es ist ein großartiges Gefühl des Zusammenhalts!

Nina Maron

Nächste Einzelausstellung:
SZENEN EINES STADTLEBENS ab 15.2. in Berlin der JR Gallery.

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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