Herzen öffnen im Dreivierteltakt

Die Strottern fotografiert von Nini Tschavoll

Name Klemens Lendl, geboren 1972  in Wien, lebt in Klosterneuburg, Beruf Musiker
Name David Müller, geboren 1974 in Klosterneuburg, lebt in Klosterneuburg, Beruf Musiker


Als die Strottern mit Wienerliedern anfingen, galt Dialekt noch als provinziell. Heute greifen Musiker und Musikerinnen ganz selbstverständlich in die lokale Schatzkiste von Wörtern und Harmonien, die sich vielen Einflüssen verdankt. Um Heckenschnitt und Konservierung von Wiener Liedgut und Dialekt sollen sich andere kümmern. David Müller und Klemens Lendl machen einfach ihr Ding und passen mit ihrem Genre immer noch besser zusammen.

Klemens Lendl und David Müller spielen seit bald 30 Jahren zusammen, harmonisch in jeder Hinsicht. Beide lernten in musikaffinen Elternhäusern früh ein Instrument, brachten sich vieles selbst bei. Kennengelernt haben sie einander jedoch auf dem Basketballplatz.

„Für mich ist nichts leichter als mit David zu musizieren. Das war schon mit 14 so“, sagt Klemens. David nickt zustimmend. Auch das Komponieren eigener Musik ist zu zweit ganz leicht. Sie sitzen zusammen, klimpern und ohne viel Nachdenken wachsen die Akkorde zusammen.

Zunächst spielten sie viele Jahre in einer größeren Band englischsprachigen Pop. Die ersten Wienerlieder spielten sie Mitte der 1990er-Jahre auf einem runden Geburtstag von Klemens’ Großvater, „der mir eine sehr gepflegte Wiener Sprachfärbung mitgab“. Sie spielten fünf Lieder-Funde, die sie anhand der Bezeichnung auf dem Notenblatt identifiziert hatten.

Das Suchen und Finden ist in ihrem Künstlernamen verewigt: Strotter ist eine alte Berufsbezeichnung aus der Zeit vor der MA 48 – für Menschen, die nach Verwertbarem suchen. „Es war lustig und exotisch in dieser Sprache zu singen. Wir waren überrascht, wie leiwand und harmonisch reich diese Musik ist. Ein starker Kontrast zu dem, was wir uns bis dahin darunter vorgestellt haben“, beschreibt Klemens das Erweckungserlebnis.

Mit dem Etikett Wienerlied verbanden sie bis dahin eher volkstümlichen Schmus oder Heurigengedudel. „So eine raunzerte und pickerte Musik, die dich runterzieht, auch wenn du gute Laune hattest“, ergänzt David.

Einige Jahre spielten sie parallel: Pop und Wienerlied. Ersteres mit viel Ambition, Zweiteres ohne Anstrengung. Für die Popkarriere plagten sie sich, mit den Wienerliedern verdienten die Mitzwanziger auf Festen ein ordentliches Trinkgeld. 

Ohne Aufwand und Anlage überall spielen zu können, ist für sie bis heute ein großer Luxus. Weil sie ihre Wienerlieder mit Drive und Druck von Pop und Jugend spielten, drückten sie dem verschleppten, schrägen und raunzerten Walzertakt ihren Stempel auf. Sie gaben Gas und das Publikum goutierte das.

Eine vernetzte Szene für das neue Wienerlied wie heute gab es in ihren Anfangsjahren nicht. Eher Einzelkämpfer wie Roland Neuwirth, Karl Hodina, Steinberg und Havlicek oder das Kollegium Kalksburg.

Als sie im Jahr 2000 Peter Ahorner kennenlernten, wurde auch das Texten zum Vergnügen. „Mehr als gern“ war der erste Ahorner-Text, den sie vertonten. Ein zweites Erweckungserlebnis und so schön, „dass wir uns erstmals vorstellen konnten, dass uns das Wienerlied ein Leben lang begleitet“, sagt Sänger und Geiger Klemens. Es folgte eine ganze CD mit Liebesliedern.

Die Strottern haben sich nicht auf Liebeslieder spezialisiert und dennoch bereits Klassiker erschaffen. In  „U1“ verliebt sich ein Schwarzkappler (Fahrkartenkontrolleur) bei der Arbeit. Das Lied „Wia tanzn is“ spielen sie wiederum gar nicht selten auf Einladung von Fans auf deren Hochzeiten. Die Strottern finden es dann immer schön, etwas geschrieben zu haben, das für manche Menschen ganz genau ausdrückt, was der Partner oder die Partnerin ihnen bedeutet.

 

Mit den Jahren passen Musik und Musiker immer besser zusammen: „Wir haben früher alle Lieder doppelt so schnell gespielt und werden von Jahr zu Jahr langsamer“, sagt David, der Mann mit der Gitarre. In der Popmusik „musst du nachdenken, wie du in Würde alterst. Wir nähern uns immer mehr dem adäquaten Alter für die Musik an, die wir spielen“, ergänzt Klemens.

Das klingt entspannt und dennoch folgt die Frage nach dem nächsten Album. Es kommt hoffentlich im Herbst 2017. „Die Strottern sind eine Liveband“, betont David. Wird das Wienerlied genug gepflegt? Hat es Bestand angesichts der heranwachsenden „Generation lecker und krass“? Da wird der Klemens ein bissel unrund: „Waß I do ned. Wir pflegen gar nix. Wir tun einfach. Die Vielfalt der Sprache und der Ausdrucksformen im Wienerlied macht Spaß. Es tut dem Genre sichtlich gut, dass viele angefangen haben, sich ohne Scheu damit zu spielen.“

Sprache entwickelt sich. Das Wienerisch der Strottern ist zeitgenössisch, das alte Wienerisch hatte viele französische Einflüsse und das neue vielleicht türkische. So what? David findet „lecker“ nicht schlimm. Vielleicht haben die Strottern in 20 Jahren ein „Lecker-Lied“, feixt er.

Die Wiener Sprachfärbung wird geschliffen und poliert, bis sie als Kunstsprache glänzt. Für die zwei muss zwischen Slang und Text eine poetische Ebene liegen. Der Minderwertigkeitskomplex gegenüber Mundart wird jedenfalls abgebaut von Wanda, Nino aus Wien, Ernst Molden, bis 5/8erl in Ehren und Kollegium Kalksburg (für die beiden „der Höhepunkt des Wienerlieds“).

Die Strottern haben zudem Lust drauf, das Wienerlied in andere Kontexte zu bringen. Sie spielen im Kunsthistorischen Museum bei „Ganymed FeMale“ oder geigten im Budgetsaal des Parlaments auf am Nationalfeiertag 2016. Sie spielen mit anderen Formationen gemeinsam und haben mit „Oh du lieber Augustin“ ein Kinderstück komponiert – vielleicht nicht so verwunderlich für zwei Väter von insgesamt sechs Kindern.

Die eigenen und mit Peter Ahorner verfassten Songs sind Dauerbrenner, außer vielleicht das Spontanwerk „Zidane“, das man nur versteht, wenn man das Fußball-WM-Finale 2006 gesehen hat. Mit ihrer Musik haben sie zwei Weltmusikpreise gewonnen, was darauf hindeutet, dass man nicht verstehen muss, um berührt zu sein.

Die Strottern haben auch schon in Ottawa oder Thüringen gespielt. Egal ob Heimspiel oder Gastspiel, ob Pawlatschen oder Konzertsaal, die beiden wollen immer alle gewinnen. Dafür übersetzt Klemens Lendl vorab schon mal einen Refrain, oder erklärt, worum es geht. Auf der Bühne verschenken sie sich. „Um mit unseren Texten ins Herz zu zielen, öffnen wir unsere Herzen und im Idealfall schenkt sich uns das Publikum zurück“, beschreibt Klemens.

15 Jahre hat es gedauert, bis sie von der Musik leben und ihre Familien ernähren konnten. Eine lange Zeit für eine Übergangslösung. Aber wie jede künstlerische Existenz balanciert auch diese immer am Abgrund, jedes Engagement ist wichtig. Dass Wienerlied-Vortrag und Wein zusammengehören, ist ein Klischee. Was heute tatsächlich zum Wienerlied-Konzert dazugehört, ist eine Registrierkasse im Geigenkasten. Bleib nur  „lochn wauns ned geht mit’n fliagn“.

Was ist euer Lieblingswort im Wienerischen? „Eh!“, meint Klemens. „Auch eh, aber auch leiwand!“, antwortet David. Zusammen „eh leiwand …“

Was sind eure Lieblings-Konzert-Schauplätze in Wien? Theater am Spittelberg, der Mozartsaal im Konzerthaus und ganz besonders gerne spielen wir in der Sargfabrik.

Wo klingt Wien am schönsten? Klemens: Am Naschmarkt! David: Ich liebe es, wenn es mitten in der Stadt ruhig ist. Wir haben mal unter einer Brücke am Donaukanal gespielt. Das war so: Pulsierend und dennoch leise.

In welche Konzerte geht ihr privat? David: Ich will Fräulein Hona live sehen. Klemens: Ich versuche der Welt seit Jahren klar zu machen, dass Maja Osojnik ein Weltstar ist.

Wo shoppen die Strottern? Der Geigenbauer des Vertrauens ist Christoph Schachner im Heiligenkreuzer Hof im 1. Bezirk.
Das Lieblings-Plattengeschäft ist Scout Records im 6. Bezirk. Und der Audio Center Record Shop im 1. Bezirk.  Die Gitarrensaiten „shoppen“ wir bei Klangfarbe im 11. Bezirk.

Im Wiener Konzerthaus spielen die Strottern in der Saison 17/18 im Zyklus "Wiener Lieder" gleich vier mal. 
Die Strottern

 

Wir danken dem wunderbaren Kunst-Hotel Altstadt für die Einladung an das tolle Frühstücksbuffet, welches auch für Nicht-Hotel-Gäste nach Reservierung zugänglich ist. Mehr dazu erfahren sie hier.

Wia tanzn is

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.
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