Vom Ekelpaket zum Faszinosum

Menschen, Tiere und andrer Dramen

Peter Iwaniewicz klärt die LeserInnen der Wiener Stadtzeitung „Falter“ seit 25 Jahren Woche für Woche über das Wesen der Natur auf. Mit dem Erfahrungsschatz eines Zoologiestudiums, der langjährigen Tätigkeit als Umweltbildner und mit Engelsgeduld. Er setzt Boulevard-Skandalen Fakten entgegen, identifiziert Fotos und „gepresste“ Belege. Er ordnet internationale Studien und politische Entscheidungen in Natur- und Klimaschutz ein, singt das Hohelied der Taxonomie und stellt sich den Ängsten und Killerinstinkten von Gartenbesitzerinnen und Städtern. In seinem neuen Buch sortiert er diese  Erfahrungen neu, um Angst, Bewunderung, Glorifizierung und Aggression gegenüber Tieren auf den Grund zu gehen. Auch er musste sich zunächst überwinden, der Natur handgreiflich zu begegnen.

Wir erfahren, wie es zum Engagement beim „Falter“ kam und was ein Widderchen in Mimikry damit zu tun hatte. Peter Iwaniewicz kennt die unbeliebtesten Tiere und verteidigt sie. Bei Gartenbesitzern kommt Mordlust auf, wenn sie an die Spanische Wegschnecke, den Maulwurf oder den Buchsbaumzünsler denken.

In der Stadt sind es Tiere, die in größeren Mengen auftreten: der Asiatische Marienkäfer, die Marmorierte Baumwanze oder die Amerikanische Kiefernwanze. Und Spinnen sind sowieso an allem Schuld. In seinem neuen Buch verbreitert er unseren eingeschränkten Blickwinkel. Er beleuchtet, was Tiere sonst tun, außer uns zu nerven. Sie können mehr als brennen, schmutzen, nässen, stinken und beißen. Sie sind Ökosystemdienstleiter, arbeiten beim Militär, oder in der Kunst, brechen Rekorde und verfügen über Sinne, die wir nicht haben.

Natürlich kann Peter Iwaniewicz auch eine Antwort darauf geben, warum wir Asseln hassen und Lämmer lieben. Weil Menschen eine Sehnsucht nach einem Grund oder einer Ursache haben und oft darauf vergessen, dass in der Natur alles mit allem zusammenhängt. Erstere sind Wildtiere, zweitere ganz an unsere Bedürfnisse angepasste und gezüchtete Haustiere. So mancher wird sich nach der Lektüre die Hände waschen und einen Schmetterling vorsichtig angreifen. Oder auf den ersten Blick bei Heuschrecken Weibchen von Männchen unterscheiden. Oder Wespen füttern, um zu erkennen, dass sie keine Klone, sondern Individuen sind.

Es geht letztlich um R-E-S-P-E-C-T, wie Aretha Franklin so schön sang. Abgesehen davon ist das Buch wunderschön illustriert, vom Umschlag über die Vorblätter (in gelb und violett) bis ins Innenleben. Der Bucheinband hat eine tierische Haptik. Ein weiterer Grund, warum man das Buch nicht weglegen möchte.


Menschen, Tiere und andere Dramen
Warum wir Lämmer lieben und Asseln hassen.

Peter Iwaniewicz
Kremayr & Scheriau 2018
192 Seiten
EUR 22,00

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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