Provozieren in der besten Stadt der Welt

Eugene Quinn fotografiert von Nini Tschavoll

Name Eugene Quinn, geboren 1967 in London, lebt seit acht Jahren in Wien, wohnt am Karmelitermarkt in der Leopoldstadt und will sich in keine Schublade stecken lassen


Wien ist eine der lebenswertesten Städte weltweit. Und es pflegt sein Image auf Basis längst vergangener Zeiten. Wien raunzt gern. Und Eugene Quinn fragt sich: Was ist hier los? Warum präsentiert sich eine wunderschöne, gemütliche und facettenreiche Weltstadt immer gleich? Warum schätzen die Wiener und Wienerinnen nicht, was sie an ihrer Stadt haben?

Der Neo-Wiener pflegt einen anderen Blick auf Wien – auch im Vergleich zu seiner Heimat London. Als Agent Provocateur mit Herz und Seele remixt er die reizvolle Stadt, lässt K&K-Klischees links liegen, poliert Fin de Siècle-Juwelen auf und zeigt unverhoffte Highlights.

Er arbeitet mit Humor, Provokation und mit der ganzen Stadt, denn Wien nimmt sich ohnehin ernst genug. Beim gemeinsam Essen, gemeinsam Gehen und bei Gesprächen auf Augenhöhe will er Einheimische und Fremde, Alt-Wiener und Neu-Wiener, Wien-Liebende und Grantler zusammenbringen.

Vor acht Jahren wagte Eugene, frisch verliebt, einen Neustart in Wien und er weiß seither: „Diese Stadt umarmt dich nicht.“ Er fühlte sich plötzlich wieder wie ein kleines Kind: ohne Job, ohne Sprache, ohne eigene Freunde.

Heute hält er sich für einen glücklicheren Wiener als die meisten, die schon immer hier leben. „Wien ist reguliert und skeptisch, aber es lässt dich leben. Es ist ohnehin gewaltig, ein neues Leben anzufangen, aber London ist zudem sehr teuer und du musst die ganze Zeit kämpfen. Dort leben so viele Menschen wie in ganz Österreich.“

Der gebürtige Engländer war Journalist. In Wien ist er glücklich ohne Berufsbezeichnung: „Ich mag keine Schubladen, ich mache gerne Experimente.“ Auf seiner Visitenkarte steht Creative. Urbanist ist nah dran, versteht aber keiner, und es „klingt prätentiös“. Sein Betätigungsfeld ist Social Design, „aber das klingt faschistisch“.  Er ist jedenfalls DJ und fröhlicher Frontman.

Seine Veranstaltungen haben Namen wie Vienna Coffeehouse Conversations, Vienna Ugly, Seestadt Aspern – a critical exploration, Russian echoes in Wien, Secret Courtyards of Central Vienna, magdas Social Dinner oder Best City Tour.

Eugene blickt hinter ihre Fassaden, bürstet Wien gegen den Strich und feiert die moderne Komplexität der Stadt. Er fordert Wien heraus und konfrontiert es mit seiner Geschichte. Um das zu machen, wurde er sogar Vereinsmeier mit „space and place“.

Der Verein erforscht Seele und Identität des zeitgenössischen Wien. Eugene sieht nämlich einen Bruch zwischen der „Vorstellung von der Stadt“ und ihrer Realität – gerade auch in der Außendarstellung für Tourismuszwecke. Riesenrad, Schönbrunn und Sachertorte sind Wien, aber auch Universitätsstadt, Radfahren, Museumsquartier und gute Jobs.

Er nennt diese Sichtweisen auf Wien „waltzing chocolate cake“ oder „Sisi und Schnitzel“.

Vieles in Wien ist altmodisch und dennoch gut. Die Politik mischt sich auf gute Art ein mit Gratiskindergarten, Sozialarbeit auf der Donauinsel und öffentlichen Schwimmbädern. Aber es ist schwer, neue Sachen zu machen, weil sich gleich jemand bedroht fühlt.

„Das Fantasy-Wien verkauft sich gut. Es ist aber nicht gesund für die Stadt, nur auf Tradition zu bauen. Wien zeigt eine rückwärtsgewandte Version von sich, die auch abschreckend wirken kann“, meint Eugene Quinn. Vielleicht nimmt er Wien einfach nur den Rollator ab und stellt die Stadt auf ein Longboard.

Eugene Quinn spricht viel. Auch beim Fototermin.

Am liebsten erkundet Eugene die Stadt zu Fuß. Ein Lieblingsprogramm hat er nicht: „Mich freut immer das gemeinsame Erlebnis. Es entsteht viel aus der Gruppe. Jede Tour ist besser als die vorherige, weil ich viel dazulerne von den Einheimischen. „Wir erzählen neue Geschichten über Wien, spielen mit der Stadt, locken Leute in Debatten und erzeugen neue und ungewohnte Netzwerke.“ 

Gemeinschaftssinn, Geselligkeit und Lust auf Trubel spiegelt vielleicht seine irische Seite, denn Eugene ist das erste von fünf Kindern irischer Eltern. Zudem „erzähle ich gerne Geschichten, bin nicht cool, sondern eher sozial und habe viel Seele.“

Erfahrungsgemäß kommt die Best City Tour am besten an. Dort wird ergründet, warum Wien die höchste Lebensqualität hat. „Die Menschen haben keine Ahnung wie gut das Leben hier ist. Sie müssen immer ein bisschen Schmerzen erleiden, wenn sie lieben“, scherzt Eugene. „Es ist vielleicht kein Zufall, dass Baron von Sacher-Masoch ein Österreicher war.“

Wenn er eine grantige Beamtin oder einen unfreundlichen Kellner trifft, denkt er sich seinen Teil: „Vielleicht hat diesen Menschen einfach niemand erklärt, dass du, wenn du freundlich, offen und herzlich bist, das auch zurückbekommst.“ 

Gerade hat Eugene mit spaceandplace das Format „Living Statues“ am Start, das von der Wirtschaftskammer Wien finanziert wird. Zehn Stadtführer wurden angeheuert und erzählen, wie es sich anfühlt, eine Statue zu sein: die in Stein gehauene Maria Theresia oder W. A. Mozart, besucht auf repräsentativen Plätzen, oft fotografiert und (un)kritisch gehuldigt.

Die Ironie der Geschichte liegt darin, dass sich die Wirtschaftskammer gegen seine Touren aussprach. Weil er keine Fremdenführer-Konzession hat, zahlte er zweimal Strafe. Es fand sich aber bald eine „Wiener Lösung“: Eugene muss nun sechs Regeln befolgen und darf ausnahmsweise weitermachen.

Mit seiner offenen Art lockert er langsam das institutionell einzementierte Wien-Bild auf: „Wir mischen Humor und Politik. Hier wird ohnehin sehr viel sehr ernst genommen“, beschreibt Eugene und nennt berühmte Beispiele für tragische Wiener Schicksale: Freud, Schiele, Zweig, Sisi, die Habsburger, Schubert, Mozart.  Aber 36 Prozent der Wiener und Wienerinnen sind heute nicht in Österreich geboren und das eröffnet für ihn „neue Möglichkeiten und große Gelegenheiten.“

Bist du ein Botschafter für Wien im 21. Jahrhundert? Wir sind eine Art PR-Agentur für ein neues Wien und das macht mich glücklich. Die Hälfte unserer Follower auf Facebook sind nicht aus Österreich. Sicher ist auch FM4 ein Botschafter – der Sender wird im Ausland viel gehört.

Wer ist dein Wiener Publikum? Manche kommen für Spaß, manche, weil sie gerne zu Fuß gehen oder ihr Englisch verbessern wollen. Ich will immer alle erreichen.

Was magst du an Wien besonders? Mir gefällt, dass auch Menschen mit wenig Geld in dieser Stadt gut leben können. Im Zeitalter der Ungleichheit – global gesehen – ist das wunderbar.

Was passiert bei den Vienna Coffeehouse Conversations , die einmal im Monat stattfinden? Das Format hat Theodore Zeldin von der Universität Oxford erfunden. Dort läuft es im Pub, aber er meinte, es gehört in Wien ins Kaffeehaus. Er hat eine Art Speisekarte mit Fragen entwickelt, die tief gehende Gespräche mit Unbekannten ermöglichen. Viele Menschen in Wien wollen BesucherInnen, Flüchtlinge oder die internationale Community treffen, sind aber zu intellektuell, zu schüchtern oder zu ängstlich, sie einfach anzuquatschen. Es ist natürlich kuratiert, wenn wir zwei Fremde an einen Tisch setzen. Aber die Neugier ist echt.

Wie behandelt Wien seine Gäste? Wenn sie jemanden sehen, der den Stadtplan verkehrt in der Hand hält, gehen sie meist weiter. Dabei würde es helfen, die Gäste zum echten Wien hinzuführen. Es hilft ihnen, wenn man sie von den Klischees umleitet. Man muss ihnen sagen, dass das Wiener Wasser viel mehr wert ist, als der Kaffee (lacht). Touristen sind meist glücklich in Wien, die Wiener oft nicht. Dabei könnten sie so viel Freude abholen, wenn sie mal einen touristischen Ort besuchen.

Die Wochenenden verbringst du wo? In Wien! Ich kann nicht verstehen, warum so viele am Wochenende die Stadt verlassen. Auf dem Yppenplatz gibt es eine gute Mischung von Wienern und Fremden – das sorgt für Lebendigkeit. Mit meinem Sohn gehe ich gerne in die Lugner City oder am Sonntag zum Billa am Praterstern, nur zum Schauen. Ja, echt! Ich liebe Chaos, aber es ist in Wien schwer zu finden.

Wo hast du es in Wien gefunden? Am ehesten am Schwedenplatz. Da gibt es gutes Eis, Touristen wegen der Busparkplätze, Partypeople vom Bermudadreieck, Obdachlose. Er ist immer offen. Man kann um 3 Uhr Früh Brot, Bier und Milch kaufen. Die berühmte Urbanistin Jane Jacobs hat gesagt, dass es in zu sehr regulierten Städten keine Lücken gibt, in denen Kunst, Chaos und Neues gedeihen kann.

Du machst eine Tour zu den größten Schandflecken und Architektursünden Wiens. Welches Gebäude magst du, das Touristen eher nicht besuchen? Das Semper Depot, das gehört aber nicht zur Ugly-Vienna-Tour.

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Für die Caritas.

Welches ist dein Lieblingskaffeehaus? Das Café Ansari. Wenn es um ein Kaffeehaus geht, in dem man noch einen Moment Jahrhundertwende erleben kann: Café am Heumarkt

Wonach schmeckt Wien? Fettig, schwer, süß aber nicht scharf genug für mich.

Wo isst du gerne? Ich liebe es, dass in Wien Sachen Bestand haben. In London gibt es jede Woche ein neues Lokal, wo alle hingehen und nach einem Jahr ist es zu. Ein Lokal in meiner Nachbarschaft, das nicht cool ist, sondern einfach nur gutes Essen hat, ist die Pizza Quartier.

Wie hast du Deutsch gelernt? Ich lerne das bis heute. Ich kann nicht schreiben, nur sprechen. Freestyle. Mein vierjähriger Sohn liebt es, mich zu korrigieren. Der, die, das ist mir egal. Siezen kann ich gar nicht. Ich duze alle. Nur nicht im Radio. Da ist das verboten.

Was ist dein Lieblings Wiener Wort? A bissi. Und ich mag das Wort Schlammschlacht mehr als das englische mudfight. Es klingt viel schmutziger. Ich liebe es.

Du bist auch DJ. Was läuft derzeit auf deiner Playlist am meisten? The XX/„Loud Places“ und von den Rolling Stones „Gimme shelter“. Ich spiele viel Musik der 80er-Jahre: Englischen Dream-Pop und Elektro, das klingt bis heute sehr frisch.

Dein allerliebster Lieblingssong? „A case of you“ von Joni Mitchell.

Welches Buch liest du gerade? „Kampf um die Stadt“ (Ein Katalog zu einer Ausstellung im Wien Museum.)

Worüber raunzen Londoner? Die Mietpreise, das Wetter, den Brexit, die schlechte Infrastruktur. Aber insgesamt raunzen sie weniger.

Was willst du Wien ausrichten? London ist cool. Wien ist weit weg von cool. Aber cool ist überschätzt. Gutes Essen, gute Leute, gute Gespräche – das ist viel wichtiger.

spaceandplace.at

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.