Sechs zierliche Fäuste für feministische Unruhe

Elisabeth Großschädl und Therese Kaiser fotografiert von Nini Tschavoll

Elisabeth Großschädl, geboren 1989 in der Südsteiermark, Betriebswirtin und Ökonomin, lebt seit 2010 in Wien Mariahilf und Therese Kaiser, Geschäftsführerin der Agentur KATHE und DJane „Therese Terror“, geboren 1988 in Wien, organisieren gemeinsam mit Katharina Brandl den Business Riot und das Rrriot Festival Anfang März 2018


Wer das englische Wort (to) riot im Wörterbuch nachschlägt findet mehrere Bedeutungen, die alle nicht geruhsam klingen. Da steht etwa „Krawall machen, Aufruhr, Unruhe, toben“. Damit sich etwas bewegt in Sachen Geschlechtergerechtigkeit, bringen Therese Kaiser, Katharina Brandl und Elisabeth Großschädl Anfang März gleich zwei feministische Formate nach Wien, in die Hochburg der Gemütlichkeit.

Im März stehen zehn Tage informativer Krawall und produktive Unruhe für die Sache der Frauen auf dem Programm – 120 Events, 150 Speaker und 40 Workshops. Von 1. bis 7. März findet das erste Rrriot Festival unter dem Slogan #feminismusfüralle statt. Von 8. bis 10. März geht dann zum dritten Mal der Business Riot über die Bühne, eine zwanglose „women only“ Konferenz.

Schon bei der ersten Planungssitzung im Mai 2017, noch bevor viele Frauen weltweit die Hand bei #metoo hoben, stand für Therese, Elisabeth und Katharina fest, dass sie feministische Themen und Positionen auf noch mehr Ebenen diskutieren wollen.

Das Riots Team © Pamela Russmann

„Was wir für den Bereich Beruf und Karriere beim Business Riot schon so präsent haben, die Ungleichheit am Arbeitsmarkt und die Einkommensschere, wollen wir erweitern und machen dieses Jahr das Format weiter auf “, beschreibt Elisabeth, die sich als erste der drei Musketiere im Büro in der Nähe der Mariahilferstraße eingefunden hat. Mit diesem Beschluss ging das Kernteam auf die Suche nach Kooperationspartnern. Natürlich ist die aktuell geschärfte gesellschaftliche Aufmerksamkeit hilfreich. Es konnten so auch ganz aktuelle Speakerinnen eingeladen werden, wie etwa Nicola Werdenigg.

Im Grunde geht es um gesellschaftliche Grundregeln wie Respekt, Gleichstellung und Wertschätzung. Kein Grund also, sich wegen des F-Wortes zu verkrampfen. Das Riotfestival ist für die drei Aktivistinnen ein Versuch, Feminismus breitenwirksam zu diskutieren, zu zeigen und erlebbar zu machen, dabei Spaß zu haben und gemeinsam etwas zu bewegen.

Sexismus ist und bleibt aktuell und damit auch Feminismus. Nicht nur in Hollywood, sondern im Alltag. Dazu passend veröffentlicht Riotfestival die spielerische Webserie „The exhausted feminist“ (Die erschöpfte Feministin) mit typischen Situationen, in der sich Frau, aber auch Mann heute immer noch wie im falschen Film vorkommen (Folge 1 Familienessen , Folge 2  Tinder Date)

Viele Kooperationspartner konnten mit ihrem Programm rund um den Frauentag ins Boot geholt werden: „Es bringt immer etwas, wenn man sich zusammentut und wir halten ein Festival für den perfekten Rahmen. Wir können beim ersten Versuch nicht alle Bereiche bespielen oder durchdringen. Aber wir heben Synergien und es ist uns ein vielfältiger Rundumblick gelungen.“ Das Programm reicht von Gendermedizin oder „artificial intelligence“ über Pubquiz und Popmusik bis zu Heldinnengeschichten für Kinder, PMS, Gründerinnen, Porno oder Mansplaining.

Statt Totschlag-Argumenten mit Kampfparolen zu begegnen, „bringen wir beim Business Riot im Donauhof Menschen zusammen, machen sie miteinander bekannt und bauen Skills auf“. Die Workshops tagsüber sind im kleinen Rahmen, konzentriert auf einzelne Themen von Social Media über Chatbots bis zu Honorarverhandlungen und haben eigene Tickets (ca. 500 Plätze). Sie bieten Raum zur Vernetzung und setzen einen klaren Fokus auf den Aufbau von Skills und Fähigkeiten.

Die Foren am Nachmittag haben unterschiedliche Stationen und Schwerpunke wie Forum Curriculum Vitae etc. Jede bucht sich, was sie braucht. Elisabeths Erfahrungen in einem Raum nur für Frauen: „Es wird offen gesprochen, unkompliziert, ohne Hemmungen und es entwickelt sich rasch ein Netzwerk.“ Die Talks am Abend sind kostenlos und all genders are welcome.

Man sagt immer wieder, dass gerade junge Frauen heute Feminismus für überholt halten. Eine Angelegenheit, die ihre Mütter für sie erledigt haben. Elisabeth musste nie zum Feminismus bekehrt werden: „Eigentlich will ich schon lange mal meinen Vater befragen, was ihm in unserer Erziehung wichtig war, wo er seine drei Töchter in der Gesellschaft verankert sehen möchte und ob Feminismus für ihn ein Thema war“, meint sie. In Wien gibt es gute Netzwerke für Frauen, findet sie weiter: die female founders, Sorority, den Saloon für Kunst und Kultur, Karriere unter Umständen und nun wird es Zeit, dass noch viel mehr Menschen vernetzt werden. Die große Herausforderung ist, aus den eigenen Netzwerken heraus weitere Kreise zu ziehen. Sie rechnet beim Business Riot mit gut 1000 Gästen an drei Tagen.

Strukturen und Arbeitsteilung haben während der vergangenen Monate gut funktioniert. Aber in den letzten Tagen muss viel abgesprochen werden, Sessel geschleppt, Leute begrüßt und kontaktiert. Alle Hände werden überall benötigt. Vor der Premiere des Riotfestival wechseln Freude, Zuversicht, Schlaflosigkeit, Nervosität und Last Minute Panic ab. Der Katalog mit Programm, SpeakerInnen und Raum für Notizen ist schon in Druck.

Die drei Masterminds aus der Digitalagentur KATHE und fünf weitere kreative Köpfe rotieren auf Hochtouren, damit von 1. bis 7. März das Programmfestival mit #feminismusfüralle steigen kann, mit Workshops, Panels, Führungen, Shows und Interventionen. Und dann von 8. bis 10. März beim Business Riot Frauen erfolgreich einsteigen, umsteigen und aufsteigen können. Nun stößt auch Therese nach einer UBER-Anfahrts-Odyssee zu unserem Interview. Katharina ist gerade in Basel, um an ihrer Dissertation zu feilen.

Für was könnt ihr euch in Wien besonders begeistern? Was gibt es nur hier? Was ist besonders leiwand?
Therese:
Ein genereller Vorteil von Wien ist: Es ist sehr kondensiert. Eine große Stadt, aber nicht sonderlich anonym. Das kann anstrengend sein, aber für Projekte wie unseres ist es gut. Man kommt schnell einmal an jemanden heran und kann von dort rasch ein Netzwerk aufbauen.
Elisabeth: Das Großstädtische, in dem man schnell jemanden bei der Hand hat, weil es so kleinteilig ist. Und natürlich gibt es nur hier den Business Riot.

Habt ihr Wiener Lieblingsworte?
Elisabeth:
Darf man das sagen? Ich finde „G’schissener“ und „Oida“ gut.
Therese: „Ur“ ist einfach großartig und als ich in Leipzig gewohnt habe, hat das die WG binnen einer Woche aufgegriffen. Man kann es ganz leicht übernehmen.

Ein Lieblingsort?
Therese:
Ich bin abends momentan gerne im Au, ein Lokal mit verschiedenen Veranstaltungen, großartigem Line up und Dancefloor in Wien Ottakring. Und wenn ich nicht hier im Büro bin, verbringe ich gerade jede wache Stunde im Café Espresso in der Burggasse.
Elisabeth: Im Sommer am liebsten am Tretboot auf der Alten Donau.

Habt ihr eine Lieblingswienerin, ein historisches Vorbild oder eine rezente Gallionsfigur?
Therese:
Johanna Dohnal war einfach großartig. Und der nach ihr benannte Platz ist bei uns um die Ecke. Good Vibrations! Und dann natürlich Ute Bock, Elise Richter, Lise Meitner.

Habt ihr eine Buchempfehlung? Eine Filmempfehlung?
Therese:
Ich lese gerade von Hillary Clinton „What happened“. Ein schwieriges Buch. Und „The Princess Diarist“ von Carrie Fisher. Habe ich beide zu Weihnachten bekommen. Und ich habe Toni Erdmann zuerst gelesen und dann geschaut. Beides gut.
Elisabeth: Ich umgekehrt. Ich kann den Film und das Buch auch empfehlen. Ich lese momentan nur unseren Katalog auf Tippfehler durch.
Therese: Sehr gut hat mir zuletzt auch „Die Migrantigen“ gefallen. Da war ich erst skeptisch, aber es ist so lustig. Da spielt auch Daniela Zacherl mit, die ja bei unserer Webserie mitspielt.

Wo kauft ihr in Wien Kleidung?
Elisabeth: Ich bei „Kleider gehen um“ in der Webgasse. Ein kleines, feines Vintage- und Second Hand Geschäft, dessen Besitzerin ich sehr mag und wo es täglich wechselndes Angebot gibt.
Therese: Ich kaufe momentan nix. Mir haben drei Freundinnen große Teile ihrer Kleiderschränke überlassen.

Was läuft derzeit auf eurer Playlist am meisten? 
Elisabeth:
I will survive? Sicher nicht! (lacht)
Therese: Wenn wir Tickets verkaufen, spielen wir immer von Klitclique „Inge Borg 50.000 €“, den sie für Stefanie Sargnagel geschrieben haben beim Ingeborg Bachmann Bewerb.

Für welchen Verein engagiert ihr euch?
Therese:
Katharina und ich haben Sorority in Österreich, die unabhängige Plattform zur branchenübergreifenden Vernetzung und Karriereförderung von Frauen mitgegründet. Ich unterstütze die Medienplattform femdex, die z. B. eine monatliche Reihe „Die Gönnerin“ im Elektro Gönner machen, wo eine bekannte und eine unbekannte DJane im Doppel auflegen. Ich bin auch bei Amnesty International, habe aber aktive Vereinsaktivität generell massiv zurückgeschraubt.

Habt ihr ein Lieblingslokal ?
Therese: Unsere Festival-Abschlussparty findet im Fluc statt. Ich bin auch gern im Future Garden im 6. Bezirk. 
Elisabeth: Ich bin oft im Luster.

Wien schmeckt nach...?
Elisabeth: Tschick.
Therese: Nach Schnittlauchbrot mit zwei Eiern im Glas. Ein ganz normales Wiener Frühstück, das es außerhalb von Wien überhaupt nicht gibt. Mit Soda Zitron und kleinem Braunen.

Wo entspannt ihr euch?
Therese
: Ich fahre mit dem Rennrad Richtung Krems, Mariazell oder St. Pölten zum Ausgleich. Aber im Winter ist mir das zu kalt. Ich fahre raus in die Natur und habe kein Handy und kein Internet und keinen der anderen fünfzig Kommunikationskanäle offen. Am Wochenende muss ich mich zum Ausgleich wo hinsetzen, wo Wasser langsam fließt und Blätter rauschen.
Elisabeth: Natur brauchen wir beide zum Herunterkommen. Man muss immer mal wieder wohin, wo man niemanden trifft. Ich gehe lieber zu Fuß.

Was wollt ihr Wien ausrichten?
Therese
: Der Grund warum wir das beide machen ist: Wir lieben Wien extrem, aber es ist manchmal hintennach, langsam und wenig inklusiv. Die Stadt ist so divers mit vielen Gesichtern, Sprachen und Hintergründen. Sie ist sehr groß, aber das zeigt sich nicht immer in dem, was gemacht wird. Wie muss sich noch mehr öffnen und diese Facetten zeigen.
Elisabeth: Wien, es geht noch mehr!


Riotfestival

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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