Ich mache keine Sofakunst

Deborah Sengl fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Deborah Sengl, geboren 1974 in Wien, arbeitet als bildende Künstlerin in Wien Neubau und wohnt in der Josefstadt.


„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ So lautet eines von unzähligen Sprachbildern und Sprichworten, die Wesen und Verhalten des Menschen mit jenem von Tieren in Beziehung setzen sollen. Was ihnen gemeinsam ist: Kaum eines stimmt. Die bildende Künstlerin Deborah Sengl bedient sich dennoch gerne in diesem fruchtbaren Fundus, um der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten.

Wie der Mensch mit sich selbst, mit anderen Menschen und mit Tieren umgeht, ist Thema ihrer Arbeit – in immer neuen Varianten. Ab 16. Jänner ist in der Galerie Reinthaler ihre neue Serie von Zeichnungen „Über den Umgang mit Menschen“ auf Basis des „Knigge“ zu sehen. Auch die Sprichwörtlichkeit des Knigge als eine Art Benimmkodex stimmt so nicht.

Freiherr Adolph von Knigge verfasste sein Werk „Über den Umgang mit Menschen“ mitnichten als Ratgeber für gutes Benehmen. Vielmehr skizzierte er Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten, Ständen und Berufen und wie man ihnen mit Haltung begegnet. Dass so viele den Knigge falsch verwenden, macht ihn für Deborah Sengl interessant: „Das Buch ist 230 Jahre alt, aber hochaktuell. Er beschreibt sehr fein und bitterböse. Ich habe es in Frakturschrift gelesen und schon vielen Menschen weiterempfohlen. Er schätzte nur Künstler und Gelehrte. Das ist mir sehr sympathisch“, flaxt sie weiter. Seinen Knigge zu beherrschen, bedeutet für Deborah „als vernunftbegabter Menschen mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und anderen Menschen mit Haltung, Offenheit und Respekt zu begegnen.“

Wo Knigge in seiner Zeit sicher irrt, zeigt ein antisemitisches Kapitel über den Umgang mit Juden. Das hat sie nicht bearbeitet. In der Ausstellung will sie es aber nicht ausblenden. Die Künstlerin hat ihre Linie gefunden: „Ich reagiere auf die Gesellschaft und die Probleme unserer Zeit. Da muss ich nur die Augen aufmachen, mit Menschen sprechen oder die Zeitung lesen.“ Auslöser für diese Serie war übrigens der Knicks der amtierenden Außenministerin auf ihrer Hochzeit - vor dem russischen Präsidenten Vladimir Putin. Nur auf den ersten Blick eine Benimmfrage.

Die Wienerin arbeitet immer seriell: Wenn sie ein Thema ausgearbeitet hat, geht sie weiter. Sonst wird ihr langweilig: „Im Gegensatz zum mythischen Bild des Künstlers, der vorher nicht weiß, was auf der Leinwand entstehen wird, bin ich sehr produktiv, organisiert, aufgeräumt und strukturiert.“ Bei unserem Besuch im Atelier arbeitet Deborah bereits an der neuen Serie „Madvertising“, die im Juli 2019 in Salzburg zu sehen sein wird. Und zwar in Sakko, Hose, Halstuch und Lederschuhen. Von kreativem Chaos ist nichts zu sehen. Auch der Malerkittel fehlt. „Früher hatte ich einen Blaumann, an dem ich den Pinsel abgewischt habe. Jetzt habe ich mich schon ganz gut im Griff“, lacht sie. Wenn doch was danebengeht, lautet ihr Life Hack: Acrylfarbe geht gut raus, wenn man sie gleich auswäscht.

Das Atelier ist ihr Arbeitsort und es ist ihr wichtig, den Weg von der Wohnung hierher zurück zu legen. Viele Ideen entstehen im Gehen: „Hier führe ich dann fertige Ideen aus, konkret auf Ausstellungen hin, selten ins Blaue hinein. Beinahe ‚beamtisch’, montags bis freitags von 10 bis 19 Uhr.“ Für die Ausstellung 'Madvertising' spielt sie mit Werbebotschaften aus den 1950er und 1960er-Jahren, die damals ernst gemeint waren, heute aber absurd anmuten. Deborah Sengl liebt es Kunst zu machen. Doch der Kunstbetrieb nervt sie manchmal. „Ich habe mich aus der Szene etwas zurückgezogen: vor der Unehrlichkeit und dem Wettbewerb. Ich habe aber viele Kreative als Freunde. So lerne ich dazu und es können Kooperationen entstehen.“ Ein gutes Beispiel dafür ist das Kinderbuch „Fiffy und Maurice” gemeinsam mit Schriftstellerin und Evolutionsbiologin Andrea Grill, das im März bei Luftschacht erscheint. Oder das virtuelle Theater Inside Lieutenant Gustl von Regisseur Sebastian Brauneis.

An der Basis ihrer Arbeit stehen immer Zeichnungen: „Sie stehen oft für sich. Wenn ich mit anderen Menschen zusammenarbeite, sind sie auch ein Medium, um meine Ideen zu transportieren. Ich weiß, dass nicht alle Menschen so stark in Bildern denken, wie ich“. Wenn sie Kostüme entwirft, auf der Leinwand arbeitet, Kulissen oder Porzellanfiguren macht oder „Zwitterwesen“ aus Tierpräparaten entwirft – immer ist die Zeichnung zuerst da.

Für die 180 Ratten aus ihrer Arbeit Die letzten Tage der Menschheit hat die Künstlerin dem Präparator zu jeder Ratte eine Kopie ihrer Zeichnung, eine Charakterbeschreibung und eine Geschichte geschickt. Zwei Helfer haben nach 20 Ratten das Handtuch geworfen, Gerhard Blabensteiner hat durchgehalten und sie fast alle ausgearbeitet. Einen Präparator ihres Vertrauens zu haben, ist für sie ein Glücksfall. „Wir haben uns langsam aneinander herangetastet. Inzwischen sitzt er in meinem Kopf und ich in seinem.“ Sie legt übrigens großen Wert darauf, dass die Tiere aus sauberen Quellen kommen, ein gutes Leben hatten und nicht extra für sie getötet werden. Wie etwa das Zebra aus einem deutschen Zoo, das an Altersschwäche starb.

Es gibt sperrige Kunst, die gleich vermittelt: Achtung, das versteht nicht jeder! Du bist zu blöd, geh’ weiter! Deborah Sengl will hingegen, dass jeder „rankann": „In diesem Sinn ist meine Arbeit niederschwellig. Ich mache eine Tür auf. Dahinter sind dann viele kleinere Türen, wie bei Alice im Wunderland. Sie führen zu den Gedanken, die hinter und über der Arbeit stehen. Um in die nächsten Zimmer zu kommen, muss man sich etwas anstrengen.“

Als Künstlerin bezeichnet sie sich seit dem Studium. Mit 23 Jahren hatte sie das Diplom von der Angewandten in der Tasche (Meisterklasse Terzic, Abschluss bei Attersee). Auch verkauft hat sie schon bald. Was braucht es, um KünstlerIn zu werden? Talent, Disziplin und die Fähigkeit, mit sich, den eigenen Gedanken und der Arbeit allein klarzukommen - ohne Feedback.

Sie gibt aber zu, dass sie Jahre gebraucht hat, um sich ans Alleinsein zu gewöhnen: „Durststrecken und Zweifel gibt es immer wieder. Wer will nicht, dass die eigene Arbeit wertgeschätzt wird? Geld ist das uninteressanteste, aber ein lebensnotwendiges Feedback. Die schönste Reaktion ist, wenn mir Menschen sagen: Du hast mir etwas erzählt, was mir neu war und mich auf eine Idee gebracht hat.“

Deborah Sengl lebt inzwischen von ihrer Kunst, will sich zwischen Schaffens- und Verkaufsdruck aber nicht verbiegen: „Ich mache keine Sofakunst. Meine Themen sind hart, aber zum Glück gibt es Menschen, die das interessiert.“ Gegen Auftragsarbeiten hat sie hingegen gar nichts. Da kann sie sich oft auf Aufgabenstellungen einlassen, die Neuland sind. „Ich traue mir da erstaunlich viel zu!“, lacht sie.

Wie wichtig ist Wien für deine Arbeit? Ich bin gerne hier, bin hier verwurzelt und gesellschaftlich eingebettet. Die Stadt hat einen unglaublichen Lebenskomfort. Manchmal frage ich mich, ob ich den Ort wechseln sollte. Berlin kenne ich am besten im Vergleich. Da war ich ein halbes Jahr an der Weißensee Kunsthochschule Berlin. Da will ich schon mal nicht leben. Ich gehe viel zu Fuß, sehr schnell und bei jedem Wetter, denn ich bin ein Bewegungsmensch und baue da wohl auch Stress ab. In Wien kenne ich deshalb jeden Quadratzentimeter und verdiene eine Goldene Ehrenwandernadel. Das wäre am ehesten ein Grund auszuwandern: Neue Wege erschließen.

Was ist dein Wiener Lieblingswort! „Jo eh“. Das sagt viel über unser Denken aus.

Wo ist dein Wiener Lieblingsort? Zum Entspannen die Alte Donau. Wir haben ein Elektroboot in der Marina. Eine spät entdeckte, aber große Liebe. Ich reise beruflich viel, mache aber nicht gern Urlaub. Auf dem Boot ist mein Urlaub – ich freue mich auf den Saisonbeginn.

Ein Lieblingslokal? Frühstück im Café Espresso. Das Gasthaus Roznofsky mag ich gerne. Im Sommer natürlich Zur Alten Kaisermühle. Die ist neu übernommen worden und jetzt noch besser.

Ein Buchtipp? Aus aktuellem Anlass: Adolph Freiherr von Knigge „Über den Umgang mit Menschen“.

Stille oder Musik bei der Arbeit? Neben dem Arbeiten läuft generell der Fernseher mit Formaten, die ohne Hinsehen auskommen. Das können auch Soaps sein, da sich praktischerweise die ProtagonistInnen immer mit Namen ansprechen. Musik ist mir aber sehr wichtig, zum Feiern und zum Gehen ...

Deine Botschaft für Wien? Wien ist lebens- und liebenswert. Gib' gut auf deine Besonderheiten acht und erhalte sie dir.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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