Sie meinen es politisch

Teilnehmerinnen der Int. Frauenstimmrechtskonferenz in Wien beim Frühstück im Café Prückel, Juni 1913

Mit der Gründung der Republik im November 1918 wurde ein Meilenstein für die Gleichberechtigung von Frau und Mann beschlossen: das allgemeine, gleiche, geheime Wahlrecht ohne Unterschied des Geschlechts. Die Einführung des Frauenwahlrechts bedingte tiefgreifende Veränderungen in vielen Bereichen der Gesellschaft. 100 Jahre nachdem Frauen ins Parlament einzogen, bündelt die Ausstellung „Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht das breit gestreute Wissen zur Geschichte des Frauenwahlrechts.

Das Ringen um politische Partizipation von Frauen seit 1848 bis in die jüngste Vergangenheit wird anhand von „Orten des Frauenwahlrechts“ in der Ausstellung vorgestellt – hundert Jahre, nachdem die ersten Frauen am 4. März 1919 als Abgeordnete in das Parlament einzogen: das Vereinslokal, die Straße oder der Arbeitsplatz. Diese Orte waren und sind Kristallisationspunkte der politischen Auseinandersetzung und der gesellschaftlichen Praxis.

Archivmaterialien wie Parlamentsprotokolle und Dienstausweise, Politikerinnenreden und persönliche Objekte wie Tagebücher eröffnen vielfältige Perspektiven auf Motivationen, Erfahrungen und den Alltag von Frauen, die während der letzten gut 150 Jahre politisch agierten. Die Handlungsspielräume von Frauen – als Aktivistinnen, Wählerinnen und Politikerinnen – werden ebenso in den Blick genommen wie das Staatsbürgerin-Sein und Wählen-Gehen.

© kollektiv fischka/kramar

Das Wahllokal, die Straße, die autonomen Frauenräume, das sozialdemokratische Vereinslokal, Haus und Arbeitsplatz sowie das Parlament werden als Orte vorgestellt, an denen der Kampf um politische Partizipation stattfand und die das Frauenwahlrecht veränderte. So werden Orte, auch solche des Alltags, als politische Räume erfahrbar.

Die Ausstellungsobjekte aus unterschiedlichen Jahrhunderten erzählen Geschichten zu übergeordneten Fragen: Wie sind Frauen in der Politik repräsentiert? Wie verändert sich der Ort Parlament durch den Eintritt von Frauen als Politikerinnen? Wie ist die Situation von Bürgermeisterinnen in Österreich? Welche Themen griffen Politikerinnen auf und wie beeinflussen ihre gesetzlichen Initiativen das tägliche Leben vieler Frauen?

Frauenbewegungsaktivistinnen werden als politische Akteurinnen vorgestellt. Die Frauenwahlrechtsbewegung in Österreich war Teil einer transnationalen Bewegung. Viele Akteurinnen agierten international oder hatten durch ihre Tätigkeiten im Ausland Einfluss auf die Frauenbewegungen in Österreich. Durch die Ausstellung wird der männlich dominierte Kanon der österreichischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts um die Geschichte der anderen Hälfte der Bevölkerung ergänzt und gleichzeitig auf die Zähigkeit frauenexkludierender Strukturen hingewiesen.

Die rechtlichen und gesellschaftlichen Errungenschaften für Frauen wurden in den letzten hundert Jahren immer wieder – im extremsten Fall während der austrofaschistischen und nationalsozialistischen Regime zwischen 1933 und 1945 – zurückgenommen und ausgehöhlt. Auch das Wahlrecht war durch Ausschlüsse gekennzeichnet, etwa durch das Kriterium der Sittlichkeit, welches Prostituierten die Teilnahme an der ersten Wahl 1919 verbot.

Das Wahlverhalten von Frauen wurde mit Argusaugen beobachtet und mittels verschiedenfarbiger Kuverts für Männer und Frauen statistisch ausgewertet. Die Ausstellung erinnert daher nicht nur an historische Errungenschaften, sondern regt zur Reflexion aktueller frauenpolitischer Positionen an. In einer demokratischen Gesellschaft bedarf es einer aktiven Partizipation in politischen Prozessen – auch 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts.

Das interdisziplinäre Projekt frauenwahlrecht.at thematisiert als Teil der Republiksfeierlichkeiten diesen gesellschaftspolitischen Meilenstein und beleuchtet die politische Partizipation von Frauen von 1848 bis heute.

 


Volkskundemuseum
Laudongasse 15-19
1080 Wien

Ausstellung noch bis zum  25.08.2019

 

Madame Wien

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