Die Stadt gehört wieder uns

Thomas Grötschnig fotografiert von Nini Tschavoll

Name: Thomas Grötschnig, geboren 1989, aufgewachsen im Großraum Wien und Villach, dokumentiert Strukturen im öffentlichen Raum und wohnt in Wien Alsergrund.


Thomas Grötschnig ist ein inoffizieller Wien-Botschafter, der sich um die würdige Präsentation der nicht-imperialen, nicht-musealen und nicht durchverwalteten Teile der Stadt kümmert. Früher hätte man diese wohl als Kehrseite bezeichnet, heute ist es eine lebendige Seite der Stadt. Zum einen arbeitet er an der Rezeption eines Hostels, wo die Welt bei ihm zu Gast ist. Zum anderen dokumentiert der leidenschaftliche Spaziergänger Wiens öffentlichen Raum, der nicht mehr nur von der amtlichen Stadtplanung gestaltet wird.

Als er 2016 nach Auslandsaufenthalten in Madrid, Berlin und Rom nach Wien zurückkehrte, spürte er einen Wandel, der auch andere Großstädte erfasst hatte: Die Wienerinnen und Wiener eroberten sich die Gehsteige, Straßen und Plätze der Stadt, die lange dem zügigen Autoverkehr unterworfen waren, als Lebensraum zurück. Große Städte haben Thomas schon als Kind fasziniert. Richtiges Gewurl entfaltet sich nun mal auf der Straße - und nicht in den eigenen vier Wänden: „Man begreift eine Stadt erst wenn man sieht, wie sich die Leute in ihr bewegen und zusammenleben. Wenn wir draußen sind, sehen wir, wer noch da ist“.

Thomas Grötschnig geht also gerne raus – vor allem wenn die Sonne scheint – und schaut, wer noch hier lebt: „Im öffentlichen Raum ist es einfacher, ins Gespräch zu kommen, sich zugehörig zu fühlen. Die Wahrscheinlichkeit, in einer großen Stadt Leute mit ähnlichen Interessen zu treffen, ist hoch. Dazu müssen wir nur die Wohnung verlassen. Wenn ich einen bestimmten Platz aufsuche, ist das bereits Ausdruck meiner Interessen, was die Interaktion noch einmal vereinfacht.“

2016 fing Thomas unter dem Namen Vienna Murals an, großformatige und erstklassige Street Art in Wien zu dokumentieren. Murals ist der internationale Begriff für Graffiti-Wandbilder. Weil die Szene international und Wien auf der Landkarte von Street Artists verzeichnet ist, findet er es wichtig, diesen Begriff zu verwenden. Zunächst stellte er die Fotos der Kunstwerke auf Facebook aus. Weil das Echo stark war, die Timeline aber der Inbegriff von Vergänglichkeit ist, brachte er 2017 ein handliches, gedrucktes Querformat heraus. Dieser Tage erscheint sein „Street Art Guide Vienna“ in einer aktualisierten Ausgabe.

2019 widmete Thomas, dem der öffentliche Raum wirklich am Herzen liegt, den möblierten Parkplätzen Wiens, international Parklets genannt, einen Guide („Parklets // Street Furniture Vienna“). Parklets sind konsumfreie Zonen, die einen oder mehrere Parkplätze in Orte der nachbarschaftlichen Begegnung verwandeln. In Wien werden sie auch „Grätzloasen“ genannt.

Wien hat sich nach der obligaten „Brauch ma des?“-Verzögerung eine Vorreiterrolle bei der Förderung von Street Art und Street Furniture erarbeitet. Während man das Leben auf der Piazza und der Straße vor einigen Jahren nur aus dem Urlaub im Süden Europas kannte, ist die Gestaltung und Möblierung des öffentlichen Raumes heute präsent und über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Thomas macht das wie ein urbaner Seismograph sichtbar: „Wien ist extrem spannend für mich, weil sich in den letzten Jahren soviel getan hat. Die Stadt hat Sprünge in der Kulinarik, in der Wahrnehmung von Street Art und mit den ursprünglich in San Francisco erfunden Parklets gemacht“.

Dass Städte nur von gewissen Menschen geplant werden können, bezeichnet Thomas als eine Idee des 20. Jahrhunderts: „Mit dem Auto schnell von A nach B zu fahren und sich nur in vorgezeichneten Räumen aufzuhalten war einmal. Die Leute im Grätzl wissen viel über ihre Umgebung und was es dort braucht. Das gilt es wie Schwarmintelligenz zu nutzen. Als Do it yourself-Projekt lässt sich mit etwas Geschick eine ganze Menge machen.“

Sein Street Furniture-Buch soll inspirieren und zeigt die Fülle von Parklets, die seit 2013 entworfen und aufgestellt wurden: Begrünt, mit Sitzgelegenheiten, vor dem Vereinslokal, als erweiterter Schulpausen-Raum, zur Verkehrsberuhigung, mit Pizzaofen, mit Naschgarten,... Inzwischen kann man eigene Ideen und Pläne sogar bei der Stadt einreichen - mit wenigen Grundvorschriften und viel Gestaltungsspielraum - und eine Förderung dafür bekommen.

Da er selbst viel unterwegs ist, freut sich Thomas über die Sitzgelegenheiten. Bestes Trinkwasser gibt es an vielen Ecken Wiens gratis dazu. So sind Parklets auch eine Gegenbewegung zu immer weniger Bänken im öffentlichen Raum und in Bahnhöfen. Probleme mit der Umwidmung von Parkplätzen sieht Thomas Grötschnig kaum, weil Parklets ja allen offen stehen. Auch Menschen, die aus ihrem Auto aussteigen. 2018 gab es in Wien bereits 44 Grätzloasen. Wieviele es im Sommer 2019 werden, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Wenn die Parklets ausgewintert oder neu eröffnet werden.

Mit dem ergänzten Update des „Street Art Guide Vienna“ bedient er eine brummende Community, die sich ohne viel Zutun um „Vienna Murals“ aufbaute. Da er seine Bücher mittels Crowdfunding finanziert, weiß er vorab, dass Interesse daran besteht. 2016 haben er und seine Freundin ihre Entdeckungen auf Facebook geteilt. Bereits nach wenigen Tagen bekamen sie Tipps und Unterstützung angeboten, auch Artists und KuratorInnen haben sich gemeldet.

Der runderneuerte Street Art Guide stellt mit seiner minimalistischen Gestaltung wieder die KünstlerInnen und ihre Werke in den Vordergrund. Wer die Bilder von Golif, Aldo Gianotti, Frau Isa, Stinkfish und Nychos studiert, wird sie im Stadtbild bald ebenso unterscheiden können, wie die von Klimt oder Schiele. Auf seiner Webseite sind beide Welten, die Murals und die Parklets, auf einer Karte vereint. Mit der Angabe der Adressen wird der gestaltete öffentliche Raum erlebbar. Man kann mit dem Guide wie in einem Freilichtmuseum spazieren gehen und die nächst gelegene Pausen-Jausen-Station gleich einplanen.

"Einfach mal machen" scheint mir keine Wiener Stärke zu sein… ? Die Stadt entwickelt sich so schnell, dass man ohnehin nicht auf mehrere Jahrzehnte etwas planen kann. Darum sind temporäre und Pop-up Geschichten so wichtig. Baulücken sind nicht ja nicht lang verfügbar. Der öffentliche Raum braucht eine laufende Diskussion darüber, was gebraucht wird. Dann kann man Lösungen rasch ausprobieren und verwerfen, wenn sie sich nicht bewähren. Ich spüre die Freiheit mitzugestalten, wie die eigene Stadt auszusehen hat.

Was empfiehlst du den Gästen im Hostel als Botschafter der Stadt? Auf jeden Fall zu Fuß gehen und das nicht nur in den 1. Bezirk. Ich erkläre gerne, was es für Viertel gibt und was dort zu sehen ist. Wien besteht nicht nur aus den bekannten Sehenswürdigkeiten. Die Stadt, die ich erlebe, findet woanders statt.

Welches Viertel findest du spannend? Ich finde Neu Marx spannend, weil auf der großen Fläche viele temporäre Sachen stattfinden. Etwa das Werk von Golif, das man nur aus der Luft sehen kann. Daneben ist ein DIY Skatepark, Urban Gardening, ein Stadtlabor.

Was gibt es nur in Wien? Einzigartig sind die vielen legalen Flächen, die sogenannte „Wiener Wand“, für Street Art und Graffiti. Der Donaukanal ist ein Aushängeschild und es gibt viele KünstlerInnen die kommen, weil die legalen Flächen so gut sichtbar sind. Das ist wichtig und stärkt die Szene. In Europa ist auch die Vielfalt an Parklets bemerkenswert.

Was ist dein Wiener Lieblingswort? Gemütlich.

Hast du Lieblingsplätze in Wien? Ich finde den Yppenplatz super, weil hier so viele Kulturen zusammenkommen, viel Gastronomie und viel Freiraum. Für mich der einzige Ort in Wien, der mich ein bisschen an Spanien erinnert, wo sehr viel auf der Straße passiert. Es ist bis spätabends etwas los. Es gibt einen Markt. Da kommt einiges zusammen, was ich mir in einer Stadt wünsche. Als ich ihn gerade eben gequert habe, habe ich schon wieder drei Murals gesehen, die ich noch nicht kannte.

 

Hast du eine Buchempfehlung? Ich finde das Buch Wiener Wildnis super! Man kriegt ja auch die Natur mit, wenn man unterwegs ist.

Wann bist du am liebsten unterwegs? Wenn die Sonne scheint. Ich muss den Schattenwurf beim Fotografieren beachten und gehe zu verschiedenen Tageszeiten zu den Werken.

Was hörst du momentan am meisten? Ich höre gerne die Sounds der Stadt und kolumbianischen Rap von Mabiland.

Wie klingt Wien? Teilweise zu leise für mich. Es könnte mehr draußen passieren, man könnte mehr Menschen hören. Sonntags glaubt man sich manchmal in einer Geisterstadt. Wenn man nicht gerade an einem hochfrequenten Platz wie dem Prater ist.

Wo isst du gerne? Bei Baschly in der Schwarzspanierstraße gibt es die besten Falafel Wiens.

Was ist deine Botschaft für Wien? Es wäre cool, wenn alle Einwohner mehr zu der Stadt stünden. Wir sollten die tollen Plätze mehr nach außen tragen. Man kann hier sehr viel machen und hat viele Freiheiten.


 

WEB
Hier kann man den Street Art Guide bestellen
TIPP: Tour mit Thomas Grötschnig bei #kommraus am Donnerstag, 16.5.2019 um 16 Uhr in 1160 (Treffpunkt Ottakringer Platz 1).

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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