Von der Galerie in den Forst

Sandra Tuider fotografiert von Nini Tschavoll

Name Sandra Tuider, geboren 1971 in Wien, war früher Kunsthändlerin, ist jetzt von Beruf Forstwirtschaftsmeisterin, wohnt in Thernberg (NÖ)


Mit der Natur konnte Sandra Tuider in ihrer Jugend nicht allzu viel anfangen. Sie war ein richtiges Kind der Stadt. In ihrer Jugend mitten in Wien im 7. Bezirk vermisste sie die Natur nicht, gelegentliche Spaziergänge am Stadtrand stillten ihr Frischluft-Bedürfnis vollends.

Nach ihrem Abschluss an der Kunstgewerbeschule verbrachte Sandra Tuider ein paar Monate in Griechenland, inskribierte dann Kunstgeschichte in Wien und verdingte sich neben dem Studium als Pizzabotin, wobei sie „so richtig Autofahren lernte“. Als ihr der Sinn nach einem etwas anspruchsvollerem Job war, bewarb sie sich bei einer Galerie, die sie vorerst als Mädchen für alles einsetzte.

Bald erkannte ihr damaliger Chef, der renommierte Galerist Ernst Hilger, ihr Talent und band sie immer mehr in die Betreuung seiner Künstler ein. Seine Mitarbeiterin kümmerte sich in der Folge um Alfred Hrdlicka, Gunter Damisch, Christian Attersee oder Oliver Dorfer, um nur einige zu nennen. Sie spezialisierte sich auf zeitgenössische Kunst, ihr Leben spielte sich auf Kunstmessen von Basel über Paris bis Köln ab. 

Sandra Tuider bekam bald sehr viel Verantwortung in der Galerie übertragen, und war oft unterwegs. Mit Police-Gitarrist Andy Summers und anderen Stars ging sie essen, sie verbrachte Abende mit Menschen wie Oskar Lafontaine und bewegte sich elegant und eloquent auf dem großen Kunstparkett.

Das alles war sehr spannend und herausfordernd, jedoch spürte sie nach einigen Jahren, dass sie Raubbau an ihrem Körper betrieb. Sie entschied sich, zu kündigen, übergab die Galerie im besten Einverständnis und schlief, wie sie schildert, ein halbes Jahr lang durch, um sich zu erholen. Heute würde man ihren Zustand wohl Burnout nennen.

Als sie wieder fit war, stand die Übergabe des familieneigenen Forstbetriebs an, der Vater wollte in Pension gehen. Ein Verkauf oder eine Verpachtung kam für die Familie nicht in Frage und so kam es, dass Sandra Tuider, aus heutiger Sicht bezeichnet sie selbst es als „völlig naiv“, einen Forstbetrieb mit rund 400 Hektar Wald übernahm.

Sie machte in Warth in NÖ die Ausbildung zur Forstfacharbeiterin und kurz darauf die Forstwirtschaftsmeisterin. Sie lernte, mit Motorsägen und allerhand anderem Gerät umzugehen und absolvierte den praktischen Teil ihrer Meisterprüfung hüfthoch im Schnee stehend an einem Steilhang. Anfänglich war das alles viel für die ehemalige Stadtbewohnerin.

Das große Forsthaus, das sie plötzlich bewohnte, die vielen Entscheidungen, die getroffen werden mussten. Manchmal hatte sie so große Sehnsucht nach ihrem „Nest in Wien“, dass sie für ein paar Tage alles zusammen packte, um sich in der Stadt wieder zu sammeln. Mit der Zeit wurde es aber besser, mit dem Erfolg kam die Freude an der Natur und die Überzeugung, die richtige Entscheidung gefällt zu haben. Ganz in Wien zu wohnen, könnte sie sich heute nicht mehr vorstellen.

Als 2008 die beiden Stürme Paula und Emma auf rund sieben Hektar Wald 10.000 Festmeter Holz wie Streichhölzer knickten, stand sie abermals vor einer riesigen Herausforderung. „Es war ja nicht so, das der Markt auf das Holz gewartet hätte, Schäden sind auch anderswo entstanden. Man hatte Mühe, das Holz zu verkaufen“, meint sie heute rückblickend auf dieses schwierige Kapitel.

Sandra Tuider wirtschaftet von Anfang an nachhaltig und sie beschloss, nicht aktiv aufzuforsten. Naturverjüngung bedeutet, dass die Natur zum Großteil selbst steuert, was aufkommt. Die sieben Hektar einstige Verwüstung sind mittlerweile ein beliebtes Ziel für Exkursionen geworden, der Wald entwickelt sich prächtig ganz von selbst, nur der Wildstand wird angepasst.

Die Waldbesitzerin ist eine gefragte Vortragende zum Thema nachhaltige Forstwirtschaft geworden. Nebenbei unterrichtet sie an einer landwirtschaftlichen Schule Forstliche Betriebswirtschaft und Holzvermarktung.

Sandra Tuider steht für einen weltoffenen und nachhaltigen Zugang zu unseren Ressourcen und entwickelt gemeinsam mit NGOs wie Birdlife oder Greenpeace Strategiepapiere für den Klimaschutz.

Sie arbeitet mit an der Österreichischen Waldstrategie 20+ des  BMLFUW, die die multifunktionalen Leistungen des Waldes für die jetzige und zukünftige Generationen sichern soll und für die Regierung beim Thema Klimaschutz Maßstäbe setzt.

2015 wurde ihr der Staatspreis für beispielhafte Forstwirtschaft verliehen, was eine beachtliche Auszeichnung in dieser Männerdomäne bedeutet. 

 

Was magst du besonders gerne an Wien? Natürlich meine sozialen Kontakte in der Stadt. Aber ich liebe auch das Theater. Im Sommer stelle ich einem Schauspieler-Ensemble rund um Hubsi Kramar und Stefano Bernardin für ein bis zwei Wochen mein Anwesen zum Proben zur Verfügung. Letztes Jahr probten sie „Häuptling Abendwind“ von Nestroy, das Stück wurde im Theater Akzent aufgeführt.  Ich schätze den intellektuellen Austausch mit interessanten Menschen sehr und genieße diese Besuche. Auch diesen Sommer wird die Truppe wieder bei mir proben.

Hast du einen Lieblingsort in Wien? Ich mag den Naschmarkt.

Wohin gehst du gerne essen? Ins Schilling in der Burggasse.

Wie steht es heute aus mit deinem Bezug zur Kunst? Ich schaue immer wieder gerne in den Galerien vorbei, allen voran Hilger oder Krinzinger.

Wo kaufst du gerne ein? Wenn ich mal in der Stadt bin, finde ich meistens ein nettes Teil bei NFIVE in der Neubaugasse. 

Was hörst du für Musik? Derzeit gerade Sportfreunde Stiller, ich höre Musik meistens beim Autofahren.

Hast du einen Buchtipp für uns? „Schmerz“ von Zeruya Shalev. Ein gewaltiges Buch, ich habe es gerade gelesen und es klingt noch sehr nach.

Wo entspannst du dich? Vor allem in der freien Natur. Aber auch sehr gerne im Kaffeehaus.

Gibt es etwas, was du vermisst, seit du auf dem Land lebst? Manchmal die Anonymität. Ich wollte mich vor Kurzem mit einer Freundin zum Plaudern ins Dorf-Wirtshaus setzen. Wir kamen nicht dazu, weil uns laufend Leute grüßten und sich unterhalten wollten. Das ist einerseits ja ganz nett, andererseits manchmal auch anstrengend.

Willst du Wien etwas ausrichten? Ich bin froh, dass es dich gibt, aber wohnen werde ich auch in Zukunft am Land!

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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