Waschen und die Welt retten

Heidelinde Haas fotografiert von Nini Tschavoll

Name Heidi Haas, geboren 1970 in Wien, Beruf gelernte Sozialarbeiterin, ist jetzt Händlerin für Reinigungsmittel, wohnt in Wien Neubau


Heidi Haas ist eine konsequente Restlverwerterin: Ob Lebensmittel, Stoffe oder Verpackungsmaterial, stets geht sie die Extrameile, um Verschwendung zu vermeiden. Seit 2015 vertreibt sie die Reinigungsprodukte der Vorarlberger Firma Uni-Sapon in Wien. In ihrer winzigen „füllbar“ in der Lerchenfelderstraße gibt es das Notwendige für Haushalt, Wäsche und Körper. Konzentriert, wirksam und nachfüllbar.

Verschwendung bereitet Heidi Haas Unbehagen. Wenn sie Verschwendung sieht, muss sie handeln. Und das tut sie sehr konsequent. Das Bewusstsein dafür ist über die Jahre gewachsen, als sie selbst begann ihren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern.

2016 hat sie die füllbar eröffnet, wo man Reinigungsmittel für Körper, Wäsche und Haushalt als Konzentrat erwerben, Basisprodukte für Spezialzwecke mischen und leere Gebinde immer wieder auffüllen kann.

Die Bewusstseinsbildung für die unerträgliche Allgegenwart von Plastikverpackungen begann auf langen Reisen nach Kuba und Indien: „Bei uns wird der Müll ja regelmäßig abgeholt und entsorgt. Als ich 2004 drei Monate lang in Indien unterwegs war, sind mir die unfassbaren Mengen an Plastiksackerln aufgefallen: Im Flussbett, auf der Straße wehend, in Bäumen hängend, im Maul von Kühen, die sie samt Inhalt auffraßen.“

Konsequent begann sie, Müll zu vermeiden. Auch als Touristin kaufte sie nicht jeden Tag neues Trinkwasser in der Flasche, sondern fragte nach sauberen Quellen oder Brunnen oder verwendete Reinigungstabletten, um die Plastikflaschen mehrmals zu verwenden.

Ihr geschärftes Bewusstsein nahm sie mit in die Arbeit. Heidi Haas ist aber keine militante Missionarin, sondern eine ideenreiche und überzeugende Enthusiastin. Bevor sie als Einzelunternehmerin durchstartete, arbeitete sie als Sozialarbeiterin in einer betreuten WG für junge Frauen: „Wenn mehrere Menschen in einem Haushalt wohnen, kommt eine ganze Menge Verpackungsmüll zusammen: Flaschen von Shampoo, Spülmittel, Duschgel, Bodylotion, Waschmittel, Getränken waren immer säckeweise zum Entsorgen. Ich habe mich dann für Großpackungen stark gemacht.“

Eine Freundin erzählte ihr 2013 vom Lerngang Pioneers of Change, weil sie doch „immer so viele Ideen hätte“. In der einjährigen Ausbildung setzt man eine eigene Idee um. Heidi brachte die konsequente Müllvermeidung im Alltag als ihre Idee mit.

Weitere Bausteine ihrer Geschäftsidee waren Recherche und das Unternehmens-Gründungs-Programm des AMS. Eigentlich kann man sagen, dass bei ihrem Geschäftsmodell der Inhalt die Verpackung noch übertrifft: „Ich habe gezielt recherchiert, welche nachfüllbaren Reinigungsmittel es gibt. Die Firma Uni-Sapon mit Sitz in Vorarlberg gibt es seit mehr als 30 Jahren .“

In ihrer füllbar vertreibt sie das Vollsortiment des Herstellers und hat alles selbst getestet: Bleiche, Kalklöser, Lederpflege, Duschgel, Waschmittel etc. Überzeugt hat sie zunächst die konsequente Einsparung von Verpackungsmaterial.

Zudem ist es ein heimischer Hersteller und sie wollte die lokale Wirtschaft unterstützen: „Es gibt insgesamt wenige Produkte mit denen man sehr viel machen kann. Es gibt nichts Überflüssiges, aber gleichzeitig eine sehr engagierte Entwicklungsabteilung, wo man Wünsche anbringen kann. Dann kümmert sich jemand darum. Gerade wird an einem integrierten Wäscheduft & Spülung gearbeitet sowie an einer umweltfreundlichen Imprägnierung.“ Mit ihrer Beratung lassen sich aus wenigen Basisprodukten für Wohnung und Wäsche etliche Spezial-Anwendungen mischen.

Gegründet hat sie am 1. Juni 2015 und verkaufte zunächst in ihrer Wohnung und auf Messen. Ende Juni 2016 hat sie das kleine Geschäft in der Lerchenfelderstraße aufgesperrt. Gefunden hat sie es über den Suchagenten „Freie Lokale“ der WKO. Sieben Minuten Fußweg trennen Wohnung und Arbeit. Sie griff zu und gestaltete die 13 Quadratmeter nach ihren Bedürfnissen.

Als wir darüber sprechen, kommt eine junge Tirolerin mit Hund ins Geschäft. Kundschaft geht vor. Die junge Frau hat ein leeres Gefäß mit und Heidi erklärt ihr Anwendung und Vorteile des Waschmittels für Naturfasern und des Waschmittels für Funktionstextilien. Sie darf die Mittel aber nicht in irgendeine leere Flasche füllen, wegen der Deklarationspflicht. Beim ersten Mal muss also ein Uni-Sapon-Pumpspender oder eine Schraubdeckeldose mitgekauft werden.

Kurz denke ich, dass die Kundin jetzt wieder gehen wird. Aber stattdessen fragt sie nach, ob die Waschmittel an Tieren getestet wurden. Die Antwort: Nein, sie sind rein pflanzlich und gut biologisch abbaubar. Wenige Minuten später verlässt die Neukundin das kleine Geschäft mit einer handlichen Flasche Konzentrat, die für rund 50 Waschmaschinenladungen ausreichen wird.

Heid Haas blutet einfach das Herz, wenn Sachen, die noch gut sind, weggegeben werden. Also steigert sie regelmäßig nicht nur ihr Karma, sondern auch die Körperkraft. Wenn andere Dinge loswerden wollen, die noch in Ordnung sind, fragt sie herum.

Die Umweltschützerin schleppt Stücke zum Offenen Bücherschrank in der Kandlgasse und nimmt sich dort auch immer wieder etwas mit. Sie ist eine leidenschaftliche Upcyclerin und bringt das nötige handwerkliche Talent mit. Auch in ihrem Geschäft hat die geborene Restlverwerterin selbst Hand angelegt: Sackerl aus Stoffresten, Tragetaschen aus Trägerleiberln, verzierte Verpackungskartons für das Haushalts-Putzzeug.  

Zudem ist sie Obfrau des Vereins Wiener Tafel, der pro Tag ca. drei Tonnen überschüssige Lebensmittel vor dem Müll rettet und mit diesen wertvollen Warenspenden aus Handel, Industrie und Landwirtschaft rund 19.000 Armutsbetroffene in 117 Sozialeinrichtungen versorgt.

Was gibt es nur bei dir? Ich bin die einzige Großhändlerin in Wien und Umgebung und bei mir bekommt man die Beratung, wofür und wie die Produkte zu verwenden sind.

Wie oft fährst du nach Vorarlberg? Die Ware bekomme ich per Post CO2-neutral zugestellt. Ich fahre nach Vorarlberg zu Uni-Sapon, wenn ich etwas zu besprechen habe oder einfach nur, um den guten Kontakt zu pflegen und bringe dann auch mein Leergut und die Leerkartons zurück.

Welches ist dein Lieblingsprodukt? Das ist schwierig, weil mich das gesamte Sortiment wirklich überzeugt. Aber die Sauerstoffbleiche ist schon ein Superding: Gegen das Vergrauen von Wäsche, zum Reinigen der Waschmaschine (Biofilm und Kalkschutz), zur Vorbehandlung von Flecken bei Weißwäsche, zum Reinigen von Thermoskannen, Flaschen, Vasen etc., die man nicht mechanisch reinigen kann und mit Kalklöser auch für die WC-Hygiene geeignet.

Magst du Hausarbeit? Lieber, seit ich diese Produkte verwende. Sie riechen gut und wirken gut.

Wie ist das Grätzel rund um dein Geschäft in der Lerchenfelderstraße? Mein Geschäft ist auf einem belebten Stück der Straße mit einigen etablierten Einzelhändlern. Ein gutes Umfeld! Sie haben mich begrüßt und auch ich begrüße inzwischen Neuankömmlinge.

Welche Geschäfte in der Umgebung kannst du auf der Lerchenfelderstraße empfehlen? Der Lebensmittelhändler nebenan „Feinkost Alex“ hat ein schönes Angebot an Obst und Gemüse und unglaubliche Öffnungszeiten. Die Buchhandlung Lerchenfeld gegenüber, etwas weiter stadtauswärts Paliti – Bio-Kerzen e.U.

Du hast hier einige Flyer und Karten von anderen Leuten zur freien Entnahme und auch ausgewählte Produkte. Ja, das ist meine Mini-Plattform für Produkte und Menschen, die mich überzeugen. Libuni ist ein Reismilchkonzentrat und ich habe mit den Machern schon mehrmals einen Messestand geteilt. WineAid verbindet Genuss und Spenden für die Kinderkrebshilfe. Die Wiener Pilzkultur von Hut & Stiel ist auch eine tolle Idee. Und die Nachhaltigkeits-Erlebnis-Spaziergänge von Sabrina Haupt sind großartig. Außerdem möchte ich noch die Upcycling-Künstlerin Eva Fernbach nennen. Ihr verdanke ich, unter anderem, die Idee mit den Tragetaschen-Trägerleiberln und den Regalkoffern und überhaupt meinen Zugang zu Upcycling.

Wien schmeckt, riecht nach …? Gewürzen aus aller Welt! Und es riecht nach Lindenblüten und frischem Obst.

Wo kaufst du in der Stadt gerne ein? Ich kaufe inzwischen keine Klamotten mehr. Mit einigen Gleichgesinnten veranstalte ich abwechselnd Kleider-Tauschpartys. Das funktioniert sehr gut und die Teilnehmerinnenzahl steigt stetig an. Wenn ich doch mal ein neues Stück brauche, schaue ich z. B. zu Esca in der Lange Gasse. Die haben wunderbare Mode aus Bio-Baumwolle, die sich herrlich trägt.  Die zwei Märkte im Grätzel um die Lerchenfelderstraße besuche ich immer häufiger, Freitag den Markt vor der Schottenfeldkirche, Samstag den Markt in der Lange Gasse. Dort gibt es gute Bio-Ware und super Schmankerl.

Und ich gehe in den Bioladen zum Greißler in der Albertgasse. Seit kurzem gibt es auch die Warenhandlung in der Marxergasse, ein „unverpackt-Laden“ mit tollem Angebot.  Auch noch ein junges Geschäft ist Sonnengrün in der Rochusgasse, dort bekommt man Kosmetik und Babyprodukte, die nicht in Plastik verpackt sind. Ein tolles Konzept.

Für welchen Verein schlägt Dein Herz ? Ich bin ehrenamtlich Obfrau des Vereins Wiener Tafel.

Wo kannst du in Wien besonders gut entspannen? Auf meinem Balkon, am Yppenplatz und auf dem Wilhelminenberg.

Was läuft momentan auf deiner Playlist?  Salsa, um den Sommer zu begrüßen.

Hast du ein Lieblingsbuch? Richtig lachen konnte ich zuletzt über die beiden Bücher von Jonas Jonasson „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ und „Die Analphabetin, die rechnen konnte“.

www.fuellbar.at

 

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.
Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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