Wien ist eine gute Stadt für Frauen

Anita Zieher fotografiert von Sebastian Philipp

Name Anita Zieher, geboren 1970 in Salzburg, studierte Publizistik und Politikwissenschaften, Beruf Schauspielerin, Theatermacherin, wohnt in Wien Währing.

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Vom Sockel holen – abstauben – breitenwirksam machen. So könnte man die Mission von Anita Zieher beschreiben. Mit ihrem Portraittheater hat sie in den vergangenen zehn Jahren bemerkenswerte Frauen auf die Bühne gebracht. Die Schauspielerin haucht echten statt erfundenen Frauenrollen Leben ein.

Wer an tolle Frauenrollen denkt, hat vielleicht Nora von Ibsen, Medea von Euripides oder Goethes Gretchen vor Augen. Anita Zieher will lieber Leben, Lieben, Leiden und Leistungen von echten Frauen auf die Bühne bringen und gründete deshalb in Wien das Portraittheater. Die Grundidee war eine zeitgemäße, unterhaltsame und mitreißende Darstellungsform rund um Gedenk- und Erinnerungsjahre zu finden. 2006 machte sie mit Hannah Arendt den Anfang: „Zu ihrem 100. Geburtstag waren sichtlich alle wegen der Herren Sigmund Freud und Mozart zu beschäftigt, um sich Gedanken über die Würdigung weiblichen Wirkens zu machen.“

Der Versuchsballon hieß „Hannah. Verstehen. Ein Dialog mit Hannah Arendt“. Dass sie nun schon acht Frauen verkörpert hat, freut und überrascht sie gleichzeitig. Anita Zieher stellt diese Frauen nicht nur dar, sie verleibt sie sich ein. Bevor sie zu Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Bertha von Suttner, George Sand, Marie Curie, Lise Meitner, Hedy Lamarr oder Rosa Luxemburg wird, verbringt sie rund ein Jahr mit akribischer Recherche zu Leben, Charakter und Wirken.

© Reinhard Werner

Mit dem Portraittheater ist sie nicht nur Schauspielerin, sondern auch Unternehmerin sowie Forscherin mit einem langen Atem. Der Lohn für diese Arbeit sind Selbst­bestimmung, Sinn­er­füllung und Selbst­bewusstsein. „Nach meiner Schauspielausbildung wartete ich zunächst auf ein Engagement. Ich hätte klassisch anfangen können und in irgendeiner Inszenierung nur stumm ein Tablett hereintragen können“, so Zieher. Aber das ist nicht ihr Ding. Ihr allererstes Engagement war Gretel, der Sidekick vom Hänsel am Märchenabend in der Volksschule.

Auch Gedichte hat sie bereits im Kindesalter in ihrer Heimatgemeinde Weißenkirchen im Attergau (Oberösterreich) vorgetragen. In der Hauptschule lernte sie freiwillig Texte auswendig: „Mit 18 Jahren habe ich mich aber noch nicht getraut zu sagen: Ich will Schauspielerin werden.“ Also studierte sie erst einmal Publizistik und Politik­wissenschaften in Salzburg und arbeitete in Brüssel und Berlin. Ein Besuch im vor Selbst­bewusstsein strotzenden New York und Julia Camerons Buch „Der Weg des Künstlers“ halfen ihr, dem inneren Drang zu folgen. Niemals sagen zu müssen „Ach hätte ich doch!“ war eine starke Motivation.

In Wien begann sie 1998 parallel zur Büroarbeit eine Schauspielausbildung. Dann fing sie an, Improvisationstheater zu spielen, was sie heute noch im professionellen Bereich tut: „Es ist für mich wie ein Ventil. Hier habe ich gelernt, mich auf den Moment zu verlassen. Der Mensch ist in der Lage, mit einem Wimpernschlag eine kreative Leistung zu erbringen. Das hat mich gelassener gemacht und es ist auch ein guter Ausgleich. Ich brauch beides: Die Verrücktheit und die Tiefe.“ Mit einer Kollegin tritt sie als Kabarettduo Zieher & Leeb auf.

Heute spielt sie mit dem Portraittheater stets mehrere Frauen über mehrere Jahre parallel. Schuhe, Kleider, Requisiten und Frisuren der Pionierinnen helfen ihr dabei, den Text abzurufen. Auffallend oft sind die Worte der Frauen erstaunlich aktuell und sie bemüht sich, die Balance zu wahren zwischen Werktreue, kritischer Distanz und Würdigung. Dass sie auf der Bühne im wesentlichen Monologe hält, liegt weniger an Größenwahn, denn an der Beweglichkeit von kleinen Teams auf Tour. Für Gastspiele überschreitet sie regelmäßig die Grenzen Österreichs von Temeswar bis Teheran.

Von den Pionierinnen hat sie gelernt, dass man nichts geschenkt bekommt und nicht gleich aufgibt, Stichwort Finanzierung. Allein aufgrund des Frauseins im öffentlichen Raum kritisiert zu werden ist bis heute aktuell – siehe Hillary Clinton im US-Wahlkampf.

Wien, wo sie seit 19 Jahren lebt, ist für sie die kreativste Stadt Österreichs und eine gute Stadt für Frauen, obwohl natürlich viel zu tun bleibt: „Wien ist urban und liberal. Frauen brauchen ein Umfeld, wo sie etwas außerhalb der Norm tun können, um sich zu entfalten. Woanders leben ist sicher auch schön, aber es kommt halt darauf an, was man vom Leben will.“ Am liebsten entspannt sie sich im Türkenschanzpark, den sie bereits vor ihrem Umzug kennenlernte. Hier geht sie spazieren und denkt nach: „Ich mag das Mystische am Türkenschanzpark. Er ist verwinkelt und hügelig, mit mehr alten Bäumen als akkuraten Blumenbeeten.“

Als politisch interessierter Mensch will Anita Zieher keine „dummen Puten“ spielen, sondern Frauen die etwas Bedeutendes geleistet haben: „Reiten, Gedichte, Sport und eine schlanke Taille sind mir zu wenig, also kommt Kaiserin Sisi eher nicht in Frage.“ Zur Zeit denkt sie gerade über die beiden Forscherinnen zum Thema Arbeitswelt, Marie Jahoda und Käthe Leichter, nach.

Was liest du aktuell? „Jetzt wird ´s ernst“ von Robert Seethaler, nachdem ich bereits drei andere Bücher von ihm verschlungen habe.

Welchen Film hast du zuletzt gesehen? „Lou Andreas Salome“.

Was ist dein Lieblingsfilm? Theaterstück? Keine einfache Frage, weil es so viele gute Filme und Theaterstücke gibt. Favoriten im Film sind „Manche mögen’s heiß“, „Sinn und Sinnlichkeit“, „Batman begins“. Favoriten im Theater sind „Hamlet“, „Maria Stuart“ und „Die Katze auf dem heißen Blechdach“.

Was sind deine Lieblingsserien? „Das Model und der Schnüffler“, „Downtown Abbey“, „House of Cards“, „Schlawiner“.

Dein allerliebster Lieblingssong? Auch nicht leicht zu beantworten, weil es so viele gibt und das immer wieder stimmungsmäßig wechselt. Aber was mich immer aufheitert, ist „Walking on sunshine“ von Katrina & The Waves und „Beautiful“ von Robbie Williams.

Für welchen Verein schlägt dein Herz? Außer Portraittheater? Naja, partnerschaftsbedingt für Rapid, ansonsten am ehesten für St. Pauli, die scheinen das Fußballspielen nicht zu ernst zu nehmen.

Wo frühstückst du in Wien gerne? Im Cafe Himmelblau.

Und wo gehst du mittags gerne hin? Ins Corbaci im Museumsquartier.

Dein Lieblingsrestaurant am Abend? Das Mikado.

Hast du einen Lieblingseissalon: Tuchlauben.

Dein Lieblingsgastgarten? Der Garten vom Steirerstöckl.

Dein Lieblingsrestaurant am Wasser?  Die Alte Kaisermühle.

Wien schmeckt nach … Vielfalt! Jeden Tag anders genießen und entdecken.

Was isst du am liebsten in Wien? Backhendl.

Ein Restaurant, wo du schon lange hinwillst, es aber noch nicht geschafft hast? Einen Kaffee trinken im Sofitel oben, um die Decke und die Aussicht zu genießen.

Was zeigst Du Menschen, die Dich in Wien besuchen? Den Naschmarkt, Heurige in Neustift, den Volksgarten.

Wo feierst du mit deiner Familie? Wir feiern gerne in  Vikerls Lokal.

Wo feierst du mit deinen Freunden? Im Schutzhaus am Schafberg.

Wo entspannst du dich am besten? Im Türkenschanzpark, in der  Therme Wien (Oberlaa), in einem Buchgeschäft, bei Wanderungen im Wienerwald.

Gibt es Plätze oder Orte in der Stadt, die dich inspirieren? Der Türkenschanzpark, der Park rund um Schloss Schönbrunn und die Gloriette, der Lainzer Tiergarten.

Deine Lieblingsdesignerin? Ulliko.

Dein Lieblingstheater? Theater Drachengasse ,  Theater an der Gumpendorferstraße.

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.