Wien ist gar nicht so anonym

Barbara Haas fotografiert von Nini Tschavoll

 

Name Barbara Haas, geboren 1974 in Gröbming, Beruf Chefredakteurin der WIENERIN, wohnt in Wien Neubau


Barbara Haas ist ein Stadtmensch, durch und durch. Dabei näherte sie sich Schritt für Schritt der Hauptstadt an. Seit 2006 genießt sie Wien in vollen Zügen.

Die geborene Steirerin stammt ursprünglich aus einer großen Gröbminger Familie. Nach der Matura in Radstadt ging sie nach Graz, mit dem sehr konkreten Berufsziel, Journalistin zu werden. Mentoren und Kenner der Medienlandschaft rieten ihr damals vehement von einem Publizistik-Studium ab, daher inskribierte sie erst einmal Jus und Volkswirtschaftslehre. Sie begann bei der „Kleinen Zeitung“ zu jobben und bald ergab sich die Möglichkeit, an einem hochwertigen Traineeship der Redaktion teilzunehmen.

Bald danach wurde sie angestellt und lieferte zunächst viele, kleine Beiträge und Recherchen für die Regionalredaktionen, die ihr Verständnis und die Leidenschaft für einen seriösen, auf Fakten beruhenden Journalismus wachsen ließen. Für die Redaktion der „Kleinen Zeitung“ absolvierte Barbara Haas auch Auslandseinsätze in Kooperation mit Hilfsorganisationen. Vorwiegend in von Hungers- und anderen Nöten geschüttelten Krisengebiete wie Äthiopien, Uganda, Darfur oder Guatemala. Dort lernte sie, dass es immer mehrere Wahrheiten gibt, dass nichts ganz schwarz und nichts ganz weiß ist. Eine wertvolle Berufs- und Lebenserfahrung für die junge Journalistin.

 

Nach acht Jahren in Graz lockte sie 2006 eine damals brandneue Tageszeitung in die Bundeshauptstadt. Barbara Haas wurde stellvertretende Chefredakteurin bis zu Geburt ihrer Zwillinge Magdalena und Franziska im Jahr 2012. Sie gönnte sich und ihren Kindern ein Jahr Karenz, bevor sie in die Redaktion zurückkehrte.

Als sich 2014 überraschend die Möglichkeit ergab, die Chefredaktion der WIENERIN zu übernehmen, überlegte Barbara Haas nicht lange. Die Linie des Magazins hatte ihr immer schon gefallen. Sie kann sich voll und ganz mit dem Frauenbild der WIENERIN identifizieren.

Dass Johanna Donahl, bei der Gründung der WIENERIN vor 30 Jahren SPÖ-Frauenministerin, ein Interview mit dem Magazin ablehnte, ist Geschichte. Heute steht die WIENERIN für die selbstbewusste, selbstbestimmte und moderne Frau. Diät-Tipps oder Ratschläge zu invasiven Veränderungsmaßnahmen am weiblichen Körper wird man unter Barbara Haas’ Führung hier nicht finden. Dass manche Dinge oft etwas mehr Zeit brauchen, ist ihr bewusst. So ist es beispielweise nicht einfach, normalgewichtige Models für die Fotoshootings der Mode-Editorials zu bekommen. Oft wird den Mädchen nach dem Shooting in der Bildbearbeitung noch etwas Volumen dazu retuschiert, weil österreichische Model-Agenturen fast ausschließlich sehr dünne Models anbieten. Gegen den grassierenden Magerwahn ist auf jeden Fall noch etwas zu tun, ist die einhellige Meinung in der Redaktion.

Auch das sogenannte „Gendern“ ist immer wieder ein Thema. Heftig wird diskutiert, wie Frauen in die Schreibweise einbezogen werden können. Barbara Haas selbst verwendet in ihren Editorials das Binnen–I.

Du wohnst im 7. Bezirk und arbeitest im 3. Bezirk, in der Nähe des Heeresgeschichtlichen Museums. Das ist ja ein ganz schönes Stück Weg jeden Morgen? Ich liebe die Anreise in der Früh. Von der U3 steige ich am wimmeligen Stephansplatz in die U1 ein, danach fahre ich vom Südtiroler Platz mit der Straßenbahn noch ein paar Stationen in die Ghegastraße. Das Geschiebe in der Früh in den U-Bahnen stört mich überhaupt nicht, ich gebe die Kopfhörer auf die Ohren und nütze die Zeit, um Beiträge auf Ö1 nachzuhören.

Der 7. Bezirk gilt ja nicht gerade als Grün-Oase. Wie stehst du zu Natur in der Stadt? Für mich ist Stadt urban und das Land beginnt dort, wo die Stadt aufhört. Als jemand, der in den Bergen aufgewachsen ist, finde ich sogar, dass Berge und Täler und Seen auch dazu gehören. Daher verbringe ich meine Urlaube gerne mit Wandern. An den Stadtrand hinaus zu ziehen, käme für mich nicht in Frage. Ich fühle mich wahnsinnig wohl in meiner Dachwohnung im 7. Bezirk. Nächstes Jahr plane ich aber ein klein wenig mehr Grün in meine unmittelbare Umgebung zu holen und baue ein Hochbeet in den Innenhof. Außerdem möchte ich mir einen Bienenstock zulegen. Meine Kinder beginnen langsam, sich für solche Dinge zu interessieren, das motiviert mich.

Wo bewegst du dich am meisten im 7. Bezirk? Ich denke da ganz kleinräumig und liebe das Grätzel rund um die Zieglergasse. Ich mag den Kontakt zu den Menschen, man winkt sich zu auf der Straße, wechselt manchmal ein paar Worte. Überhaupt finde ich, dass Wien viel weniger anonym ist, als immer behauptet wird.

Wo isst du gerne? In der Pizza Il Mare oder im Gaumenspiel. Da fühle ich mich wohl, auch weil ich mittlerweile die Wirte kenne und man immer etwas zu plaudern hat.

Wien schmeckt nach … Käsekrainer.

Was machst du am späteren Abend, wenn du noch auf einen Drink, einen „Absacker“ gehen möchtest? Alt aber gut: Ich geh ins Europa! An der Bar kann ich auch alleine sitzen und ein Magazin lesen, ohne dass ich angemacht werde. Irgendwie fühle ich mich dort „sicher“ (lacht)! Die Rund-Bar in der Lindengasse mag ich auch sehr gerne! Vor allem, wenn es etwas zu feiern gibt.

Wo kannst du dich am besten entspannen? Zu Hause.

Welcher Ort in Wien inspiriert dich? Das Museumsquartier.

Was hast du zuletzt im Theater gesehen? Sophokles „Antigone“ mit Joachim Meyerhoff, Mavie Hörbiger, Aenne Schwarz usw. Aktuell hat mich Maria Happel in „Mutter Courage und ihre Kinder“ sehr beeindruckt. Und auch, wie viel traurige und aktuelle Wahrheit in dem Stück liegt. Ich habe ein Abo in der Burg.

Auf welchem Konzert warst du zuletzt? Bei The Cure in der Marxhalle. Es war fantastisch. Als ob die Zeit stehengeblieben wäre. Robert Smith war in voller Fahrt, gab eine Zugabe nach der anderen.

Wo kaufst du gerne ein? Eigentlich bin ich keine begeisterte Shopperin. Ich hebe viele meiner Sachen lange auf und kombiniere sie später wieder neu. Ganz gerne mag ich die Boutique 24 in der Burggasse, da finde ich immer etwas.

Und dann schaue ich gelegentlich zum Lederleitner. Da kaufe ich am liebsten Kleinigkeiten für den Wohnbereich. Lebensmittel wie Gemüse oder Fisch kaufe ich am Naschmarkt. Oder auch bei Firmann’s Bauernkörberl in der Westbahnstraße, alles bio. Unsere Redaktion ist ja in unmittelbarer Nachbarschaft zur Sozialversicherungsanstalt der Bauern. Manchmal verkaufen die Bauersfrauen hier vor Ort regionale Produkte, da greife ich auch gerne zu, das mag ich.

Hast du einen Verein, den du unterstützt? Ich kenne die Veranstalter von „Voices for Refugees“, ein ganz tolles, unterstützenswertes Projekt. Und dann kann man natürlich die Arbeit der Caritas nicht genug unterstützen. Durch diese Verbindung habe ich ein Flüchtlingsfamilie kennengelernt, die unsere Freunde geworden sind.

 

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.