Wien soll nicht strebern

Christopher Just fotografiert von Nini Tschavoll

Name Christopher Just, geboren 1968 in Wien Penzing, war DJ und Techno-Produzent, ist jetzt Autor und wohnt in Wien Mariahilf


Christopher Just durchlebte seine Jugend inmitten von wummernden Bässen, oszillierenden Techno-Beats und hektischen Remixes. Umso verwunderlicher ist es, wie völlig entspannt der einstige Techno-Gott und DJ der Superlative heute im Café Jelinek sitzt. Wir treffen einen Mann, der gelassen und aufgeräumt auf eine laute und wilde Vergangenheit zurückblickt.

Als Produzent und DJ hat Christopher Just die Musik weitgehend hinter sich gelassen. Wenn er heutzutage noch auflegt, sind die Veranstaltungen ausgesucht. Etwas anderes hat ihn nun in den Bann gezogen: Die letzten zwei Jahre arbeitete er an seinem ersten Roman und entdeckte dabei seine Begeisterung für den kreativen Prozess des Schreibens.

Doch erst noch ein kleiner Rückblick in die wilden 90er. Der junge Christopher Just hatte „irgendwann die Nase voll von Hip-Hop, den Messages und den Vocals“. Er war auf der Suche nach Musik ohne Gesang, kramte alte Kraftwerk-Platten heraus. Irgendwann stieß er auf Maxi-Singles aus Detroit und Chicago mit „so richtig böser Disco-Musik“, wie er es nennt. Er wollte wissen, wie diese Musik produziert wurde und fand auf den Rückseiten der Plattencovers heraus, mit welchem Equipment der Sound gemacht war.

Das erste Instrument, das angeschafft wurde, war eine gebrauchte Roland TB303 Bassmaschine, mit der sich absurde Töne und Effekte erzielen ließen. Zu dieser Zeit studierte er noch auf der Angewandten und jobbte nebenbei bei Dum Dum-Records, wo er seinen kongenialen Partner für die kommenden Jahre kennenlernte. Mit Peter Votava alias DJ Pure veröffentlichte er auf dem Label Mainframe bald die konzeptuelle Platte „Ilsa Gold 1“. Die Tracks Up, Silke oder Süchtig wurden zu echten Hits in der Techno-Szene.

Es folgten Jahre, in denen die beiden zu Raves eingeflogen wurden, jedes Wochenende anderswo auflegten. Das machte einerseits Spaß, andererseits suchte der DJ Christopher Just bald wieder nach neuen Herausforderungen und Themen.

Er legte sich Pseudonyme wie Punk Anderson oder Gerhard zu, die er als Spaßprojekte verstand. Manche der bei so viel Spaß entstandenen Tracks, wie z. B. „I'm a Disco Dancer (and a Sweet Romancer)“  wurden echte Dancefloor-Hits und spielen bis heute Tantiemen ein.

2007 zog Christopher Just nach New York, wo er den bekannten Producer Larry Tee kennen lernte und mit ihm produzierte. Er erinnert sich gerne an die Zeit im Big Apple, wo er viel erlebte und interessante Begegnungen hatte.

Trotzdem kam er nach Ablauf seines Künstlervisums 2010 wieder nach Wien zurück und sah die Stadt plötzlich mit anderen Augen. „Ich war richtig glücklich, wieder hier zu sein“, schildert er. „Nicht andauernd connecten und netzwerken zu müssen. Sich die Miete leisten zu können. Die Qualität des Essens ist im Vergleich zu den USA extrem hoch. All das habe ich wieder sehr schätzen gelernt.“

Ich fand dann durch Zufall schnell eine Wohnung in einem bezaubernden Haus im 6. Bezirk, wo ich bis heute wohne. Auch mit meiner Frau kam ich bald nach meiner Rückkehr hier in Wien zusammen. Und es war so, dass man in Wien ja plötzlich „jemand war“, wenn man einige Zeit im Ausland Erfolg hatte, das schlug sich in den Angeboten nieder. Der Auslandsbonus war dann aber spätestens nach einem Jahr wieder dahin“, lacht er.

Christopher Justs Interesse bewegt sich schon seit Längerem weg von der Musik: „Es findet dauernd die Wiederholung der Wiederholung statt. Vielleicht kommt irgendwann ein Track daher, den ich nicht verstehe, dann wird es wieder interessant.“ Follow-ups mag er grundsätzlich nicht, mit „Ilsa Gold“ tritt er dennoch alle paar Jahre wieder kurz in Erscheinung.

Zuletzt beim Nature-one Festival in Deutschland. Die Performance war gewagt: Vor 10.000 Besuchern ließen sich Christopher Just und Peter Votava zu ihren Tracks eine Stunde lang auf Massagetischen auf der Bühne den Rücken massieren. „Das war zwar nicht entspannend, aber trotzdem ein riesen Spaß. Geschätzte 7000 Besucher verließen schimpfend nach und nach die Show, die restlichen 3000 tanzten, jubelten uns zu und fanden es gut. Das war wirklich erstaunlich.“

Die Idee, ein Buch zu schreiben, hatte der Mann mit dem feinen, oft subtilen Humor, vor gut zweieinhalb Jahren. Aus einer Blödelei mit seinem Bruder heraus entwickelte sich die fiktive Figur „Der Moddetektiv“. Zuvor hatte der sprachgewandte Ex-DJ gerne und viel auf Facebook gepostet und gewitzelt und damit eine Fangemeinde unterhalten.

Als seine Frau eines Tages anmerkte, er könnte doch dieses zeitaufwändige Hobby in ein echtes Projekt umsetzen und ein Buch schreiben, fand er die Idee gut. Der damals noch leidenschaftliche Facebook-User verabschiedetet sich also von seinen Freunden im Netz und schloss sämtliche Social-Media-Kanäle, um sich ganz seinem ersten Roman zu widmen. Bis zu 16 Stunden täglich schrieb er und war jeden Morgen aufs Neue gespannt, was seinem Romanhelden, dem Moddetektiv Augustin Johnny Sandemann, als nächstes widerfahren würde.

Was hörst du derzeit für Musik? Ich liebe das Electric Light Orchestra oder Thijs van Leer (Introspektion). Das ist die Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Genauso wie mit Cat Stevens oder Georg Kreisler. Ich verehre Mahler und mag auch Bruckner sehr und Schubert. Und dann höre ich viel Ö1, andere Radiosender halte ich nicht aus.

Welche Bücher möchtest du uns empfehlen? „Ehepaare“ von John Updike und „Die Lage des Landes“ von Richard Ford. Nach diesem Buch habe ich die USA verstanden.

Hast du einen Lieblingsfilm? Das wechselt, aber „Blue Velvet“ von David Lynch ist einer davon. Auch Woody Allens „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“  und „Synecdoche, New York“ von Charlie Kaufmann sind für mich wichtige Filme.

Wo entspannst du dich in Wien? Ich geh’ ganz gerne in den Burggarten oder den grünen Prater. Auch den Cobenzl mag ich. Es ist schön zu wissen, dass es das alles gibt in Wien, auch wenn man es nicht dauernd nutzt.

Wo gehst du gerne shoppen?  Ich geh nicht gerne einkaufen, schon gar nicht bummeln. Wenn, dann mache ich mich zielgerichtet auf. „Little Joes Gang“ ist ein 2nd Hand Shop in der Operngasse, wo ich schon mal gerne vorbeischaue. Und Feine Dinge ist ein sehr schönes Geschäft, meine Frau arbeitet dort in der Manufaktur.

In welches Restaurant gehst du gerne essen? Ich mag das Schilling in der Neustiftgasse.

Wonach schmeckt Wien? Nach Stelze und Marillenknödel.

Wenn’s mal spät wird, wohin gehst du auf einen Absacker? Vielleicht mal in Raymonds Pub in der Stumpergasse. Aber ich schlag mir nicht mehr die Nächte um die Ohren, daher kommt das selten vor.

Buchpräsentation im Gartenbaukino © Raphael Just

© Raphael Just

© Raphael Just

© Philipp Frischherz

Möchtest du der Stadt etwas sagen? Wien soll authentisch bleiben und nicht wie ein Streber versuchen, international aufzufallen. Es gibt zu viele Städte auf der Welt, die durch die Ansiedlung der großen Ketten alle ähnlich aussehen. Wien hat das Besondere, das sollte es bewahren.


TIPP:
MadameWien hat Christopher Justs Buch „Der Moddetektiv“ gelesen. Mehr darüber hier.

Video

ILSA GOLD ALIVE @ NATURE ONE 2014

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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