IT-Krimi mit viel Fakt und etwas Fiktion

Barbara Wimmer ist mehrfach ausgezeichnete Tech-Redakteurin bei der Kurier „futurezone“, Oberösterreicherin, Wahl-Wienerin und
Drum & Bass - DJane.

Mit „Tödlicher Crash“ legt sie ihren ersten Krimi vor und greift dafür in alle ihre Erfahrungs-Schatzkisten. Nebenbei vermittelt sie, wie in ihrem Brotberuf, große Zusammenhänge.

Das Ergebnis ist ein kurzweiliger Aufklärungs-Ratgeber-Krimi, zu dem die Autorin MadameWien noch ein paar Fragen beantwortet hat.

Mit der Stopp-Corona-App gewinnen Szenen, die sich mit Überwachung, Recht auf Privatsphäre und Datenspuren befassen gerade an Brisanz und Aktualität.

Die Geschichte spielt in der nahen Zukunft. Im November 2022 bilden die Konservative Familienpartei und die Disruptionspartei, eine Abspaltung der Grünen, die Regierung. Der amtierende Finanzminister hat sich medienwirksam ein selbstfahrendes Auto der ersten Generation zugelegt und kracht damit kurz vor dem Ortsschild seiner oberösterreichischen Heimatgemeinde in einen Alleebaum. Die LeserInnen wissen bereits, dass kurz davor die Steuerung des Fahrzeugs durch einen Zero Day Exploit manipuliert wurde. Nicht so die Polizei. Auch ein Kuhstall im Attergau wurde gehackt. Aber gibt es eine Verbindung?

Die fesche junge Techjournalistin Stefanie, die das politische Programm des Finanzministers oft kritisiert hat, ist zu diesem Zeitpunkt auf Urlaub. Weil sie dort ihre Privacy-Vorkehrungen schleifen lässt, gerät sie ins Visier der Ermittler. Im Visier des Autokonzerns steht sie aufgrund ihrer kritischen Berichte ohnehin. Zunächst findet sie sich im Auge eines Social Media-Shitstorms wieder und bald auch vor den Trümmern ihrer bisherigen Existenz. Zur Seite steht ihr einzig Freund und White-Hat-Hacker Paul. Auch der erfahrene Kommissar mit Vorliebe für Leberkäse-Semmeln ist skeptisch, ob der Precrime-Computer recht haben kann.

Barbara Wimmer schreibt flott und mit Zug zum Tor. In den Kapiteln wechseln sich Schauplätze, Beziehungen und Charaktere angenehm ab. Wer welche Interessen hat, entpuppt sich erst nach und nach. Die Grenzen von Freund und Feind verschwimmen. Die Autorin zitiert rezente Fälle von IT-Versagen und/oder Überwachung und zeichnet eine denkbare Zukunft. Sie greift genüsslich in die Buzzword-Kiste der Gegenwart und nutzt die Gelegenheit, wünschenswerte Umstände und Überzeugungen zu skizzieren.

Wer ein wenig Einblick ins Mediengeschäft, die Bundeshauptstadt und (Lokal-)Politik hat, kommt noch mehr auf seine Kosten. Im letzten Drittel dreht Wimmer richtig auf. Da geraten selbst Institutionen wie das Wiener Café Landtmann ins Wanken. Kurzweilige Lektüre mit jeder Menge Impulse zum Nachdenken über das eigene Verhalten im Internet und vermeintliche IT-Sicherheit.

Warum hast du einen Krimi geschrieben, um IT-Wissen weiter zu geben? Bei „Tödlicher Crash“ geht es selbstverständlich nicht nur darum, Wissen über Cybersicherheit und die Hacker-Kultur weiterzugeben, sondern auch um Unterhaltung. Inspiriert haben mich freilich einige Lieblingsautoren wie Andreas Eschbach, Marc Elsberg, Sebastian Fitzek und Karl Olsberg. Ich möchte dieses Feld mit meiner Protagonistin Stefanie Laudon um die weibliche Perspektive erweitern. Die Formate Krimi und Thriller eignen sich besonders gut dazu, weil es in der Cybersicherheit viele Szenarien gibt, die sich der Prämisse „What Could Possibly Go Wrong“ regelrecht anbieten. Autorinnen und Autoren malen sich immer das Schlimmstmögliche aus, das passieren kann. Das macht man bei IT-Sicherheit auch und daher passen diese beiden Dinge besonders gut zusammen.

Wie plausibel ist der Fall und die von dir beschriebene Zukunft? Dass ein Politiker auf diese Art und Weise ums Leben kommt, halte ich für sehr realistisch. Selbstfahrende Autos sind auch in Österreich bereits jetzt auf Teststrecken zugelassen. Mit dem Tesla Autopilot gibt es jetzt bereits ein Fahrassistenz-System, mit dem Autos streckenweise fähig sind, alleine zu fahren. Natürlich sind noch jede Menge technische und rechtliche Hürden zu bewältigen. Bis selbstfahrende Autos sich in durchsetzen, werden noch mehr als zwei Jahre vergehen. Die Überwachungsmöglichkeiten, die im Buch skizziert sind, könnten sich dank der Corona-Krise dauerhaft noch verschärfen, und daher am Ende, also im Jahr 2022 in dem mein Roman spielt, noch deutlich ausgeprägter sein als skizziert. Davor möchte ich auch in aller Eindringlichkeit warnen. Corona-Maßnahmen gehören ganz klar zeitlich begrenzt, ansonsten bieten sie das perfekte Einfallstor in eine permanente Überwachungsgesellschaft.

Für wie gut aufgeklärt hältst Du die ÖsterreicherInnen wenn es um Deine Leib- und Magenthemen geht? Ich denke, da ist noch viel Luft nach oben. Dabei bestimmt Digitalisierung unser aller Leben und hat meiner Meinung nach den Einzug in die Literatur mehr als verdient. Das ist sogar zwingend notwendig. Es ist schön, völlig analoge Geschichten zu lesen. Ich persönlich war schon immer großer Fan von Gegenwartsliteratur und Science Fiction. In „Tödlicher Crash“ habe ich versucht, Fachwissen für alle aufzubereiten, auch für die, die damit noch nie in Berührung gekommen sind. Dafür habe ich  nicht zu flache Charaktere entwickelt, deren Erlebnisse man mit Freude verfolgen kann.

Wie war die Arbeit an der Langform? Da ich als Journalistin beruflich mit dem Schreiben zu tun habe, habe ich gewusst, dass ich diszipliniert genug bin, 400 Seiten mit einem Haupt- und einem Nebenplot abzuliefern. Das Überarbeiten hat anfangs genauso wenig Freude gemacht wie das Redigieren von journalistischen Beiträgen. Doch auch daran kann man am Ende doch noch Gefallen finden. Ich denke, jede Autorin und jeder Autor, die noch nicht hauptberuflich vom literarischen Schreiben leben kann, muss ihren und seinen eigenen Weg finden, damit umzugehen. Die Zusammenarbeit mit dem Verlag hat sehr gut geklappt, wir hatten sehr lange Vorlaufzeiten und ich freue mich, dass Gmeiner mein Werk mit dem eher ungewöhnlichen Thema ins Programm aufgenommen hat.

Wo und wie entstand die Idee? Stefanie Laudon, Paul Mond, Meggie, "Kommissar Kaffee", wie ich ihn nenne: Hattest du reale Vorbilder? Die Buchidee entstand, wie viele meiner Ideen, um 4 Uhr in der Früh, nachdem ich am Vortag mit einem Freund im Alten AKH über IT-Sicherheit und vernetzte Fahrzeuge geplaudert hatte. Von der Entwicklung des Plots bis zum ersten, geschriebenen Satz verging dann rund ein halbes Jahr. Alle Charaktere sind frei erfunden. Natürlich schaut man sich als Autorin einzelne Eigenschaften, Dialogfetzen, Emotionen, Charakterzüge von real existierenden Personen ab, nimmt Merkmale, mit denen man auch aus seinem persönlichen Umfeld vertraut ist. Im fall dieses Romans die Medienbranche und die Hackerkultur. Man beobachtet Menschen in seiner Umgebung , aber es gibt keine realen Vorbilder im klassischen Sinne.


Tödlicher Crash
Ein Wien-Krimi
von Barbara Wimmer

Gmeiner Verlag 2020
408 Seiten
13,50 Euro


© Beitragsbild: Joanna Pianka

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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Barbara Wimmer legt ihren ersten Krimi vor und gibt darin Impulse, das eigene Verhalten im Netz zu reflektieren.

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