Das Leben ein Gedicht

Der österreichische Schriftsteller Stephan Eibel

In Zeiten wie diesen ist es gelegentlich schwer, nicht zu verzweifeln. Wie findet man einen gangbaren Weg zwischen dem Bösen, dem Hass, den Nationalismen? Wie behält ein integrer Mensch seine Mitmenschlichkeit unter all den Einflüsterungen und Anfeindungen? Der in Wien lebende Autor und Lyriker Stephan Eibel legt vor wie es ist, genau hinzuschauen, den Mund aufzumachen, selbst zu denken. Er will aber auch, dass wir uns freuen, es uns gut gehen lassen.

Orientierung findet sich in der Liebe als Sohn, als Mann, als Mutter oder Freundin, in Bäumen, auf Wiesen und im Sonnenlicht. „Wie kann man hadern, während man süße Kirschen isst ?“, fragt er zu recht.

Stephan Eibel, geboren in Erzberg, hat für seinen neuen Lyrikband im Limbus Verlag die Decke weggezogen, darunter geschaut. Das macht er auf gewohnt unkonventionelle und unangepasste Weise. Der Autor zahlreicher Romane, Texte und Gedichte ist älter geworden, und dabei ist er der Alte geblieben. Mit Haltung und Trauer, feinem Wortwitz und mitunter derber Schlagfertigkeit, mit offener Sympathie und großem Herzen trotzt er der Politik, den Raunzern, den falschen Freunden, und ja: dem Tod.

Im kleinen aber feinen Bändchen „decke weg“ lesen wir von poetischen, teils wehmütigen Ausflügen in seine Kindheit ebenso, wie von messerscharf beobachteten Alltagssituationen. Mal witzig, mal schwer, in jedem Fall erfrischend direkt wird die Leserschaft durch das kleine Büchlein geleitet. Eine Empfehlung, auch für solche, die an Lyrik bislang nur anstreiften!

 

auf diese eiche
kletterte ich als kind
und spuckte mitten ins
eingeritzte herz
vom gegenüberliegenden
tannenbaum

 

Auch mit Endlichkeit und Verfall setzt sich Stephan Eibel seit jeher auseinander.

 

ein hoch dem rollstuhl
von der endstation des 38er
bergauf in die märchenwelt
wo am weg wein, hendl, salat und gurkerln
in schone grüne gastgärten locken
w
idersteh ich
stapf mit wassrigem mund und leerem magen
die unendlich lange himmelstraße hinauf
in den herbstwald mit vielen wurzeln hinein
und immer weiter, weiter steil nach oben
bin müd, so müd
den ganzen weg entlang freu ich mich
wenn ich in zwanzig jahr
im rollstuhl sitz, von unseren kindern
den steilen weg hinauf geschoben werd


decke weg
von Stephan Eibel
Limbus Lyrik 2021
96 Seiten
15 Euro

Nini Tschavoll
Nini schreibt, fotografiert und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.
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