Was am Ende bleibt

Nicht nur, dass Michka plötzlich feststellt, ihr Leben nicht mehr unabhängig weiter führen zu können, sie verliert auch ihre Wörter. Von Tag zu Tag fühlt sie sich verlorener, der Verlust der Sprache ist für die ehemalige Lektorin und Liebhaberin schöner Sätze schwer zu ertragen.

Als es nicht mehr geht, leitet Marie, die junge Frau, um die sich Mischka früher oft gekümmert hat, den Umzug ihrer wichtigsten Bezugsperson ein. Den Wohnungsschlüssel dreht Michka ein letztes Mal selbst um, bevor sie unausweichlich im Seniorenheim eincheckt.

Dort warten  in einem kleinen Zimmer ein Bett, ein Tisch, ein Sessel auf sie. Ergeben weiß die alte Dame, dass es ihre letzte Station sein wird.

Neben Marie besucht sie auch der Logopäde Jérôme regelmäßig in ihrem neuen Zuhause. Der junge Mann nimmt seine Aufgabe ernst, versucht das unaufhaltsame Verschwinden der Wörter aus Michkas Sprachschatz zu verlangsamen und entwickelt Sympathie für seine Klientin.

Michka ist intellektuell imstande, ihre Lage einzuschätzen, dadurch fühlt sie sich zunehmend unnütz und verloren. Dennoch möchte man sich bereits nach ein paar Seiten vorstellen, diese reizende, gebrechliche alte Frau zu umarmen, sich neben sie zu setzen und ihr Gesellschaft zu leisten. Michkas tragisch-komische, durch ihre Aphasie verursachten Wortverwechslungen verleiten immer wieder zum Schmunzeln. Sie bringen ein wenig Leichtigkeit in einen Situation, in der klar ist, dass die Krankheit immer schneller ihren Lauf nimmt. Was mit Lauerwurst, aus dem Aal gepellt oder mit dem Topf voran bedeutet, erschließt sich problemlos und wird von ihren Gesprächspartnern nur selten richtig gestellt.

Je mehr die alte Frau verliert und entschwindet, umso größer wird ihr Wunsch, Gewissheit über zwei Lebensretter in der Kindheit zu erlangen. Daher gibt Marie eine Suchanzeige auf und Michka hofft, ihre tiefe Dankbarkeit übermitteln zu können, bevor sie stirbt. Doch erst als Jérôme ins Spiel kommt, gewinnt die Sache an Fahrt.

Alt werden heißt verlieren lernen. Heißt jede oder fast jede Woche ein weiteres Defizit, eine weitere Beeinträchtigung, einen weiteren Schaden verkraften müssen. So habe ich es vor Augen. Und auf der Einnahmenseite steht gar nichts mehr. Eines Tages nicht mehr laufen, gehen, sich beugen, sich bücken, etwas aufheben, spannen oder falten können.(…) Das Gedächtnis verlieren, seine Fixpunkte verlieren und seine Wörter verlieren. Das Gleichgewicht, das Zeitgefühlt, das Augenlicht, den Schlaf, das Gehör und den Verstand verlieren. Das verlieren, was einem geschenkt wurde, was man gewonnen, was man verdient, wofür man gekämpft und wovon man geglaubt hat, man würde es für immer behalten. ( Jérôme)

Ein wunderbar zärtliches Buch über das, was sein soll, wenn das Ende naht: Zuneigung, Dankbarkeit und Mitgefühl. Spätestens ab der Mitte des Buches Taschentücher in der Nähe zu haben, kann nicht schaden.


Dankbarkeiten

von Delphine de Vigan
Dumont 2020
165 Seiten

20,00 Euro


© Beitragsbild: Delphine Jouandeau 

Nini Tschavoll
Nini fotografiert, schreibt und bloggt digital.
Mag aber auch analog noch immer.

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Delphine de Vigan beschreibt in ihrem neuen Roman, dass nichts so wichtig ist wie die Menschen, durch die wir wurden wer wir sind.

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