Die Jahrhundertfrau

Mona Horncastle, Autorin

Fast 103 Jahre ist Margarete Schütte-Lihotzky (1897-2000) alt geworden. Ihr Leben überspannte das gesamte spannende 20. Jahrhundert in Europa. In der aktuell erschienenen Biografie aus dem Molden Verlag untermauert Autorin Mona Horncastle, dass die Erfinderin der „Frankfurter Küche“, die sich bei einem späteren Engagement vertraglich zusichern ließ, ja keine Küchen mehr planen zu müssen, gleich drei bemerkenswerte Leben lebte: als Architektin, als Widerstandskämpferin und als Aktivistin. Horncastle beschreibt Margarete Schütte-Lihotzky anhand dreier für sie sinnstiftenden Eigenschaften: Sie ist keine Einzelkämpferin, sie übernimmt gerne Verantwortung und ihr Handeln unterliegt immer einer strengen Logik.

Schon das Cover des pinken Buchs mit dem Schwarz-Weiß-Foto der „lebe-lieber-ungewöhnlich-Margarete“, das ein wenig an Yoda erinnert, macht Lust auf mehr.

Geboren wird sie in die Zeit der prachtvollen Ringstraßenpalais einerseits, der Bettgeher und der Arbeiterfamilien auf engstem Raum in luft- und lichtlosen Zinskasernen andererseits. Zum Glück wird ihr Talent in einer gänzlich männerdominierten Zeit früh erkannt und geschätzt. Aus anonymen Wettbewerben stechen ihre Entwürfe mehrmals hervor. Hinterher hätte niemand einer Frau so etwas zugetraut. Der verspielte Jugendstil ist ihre Sache nicht. Stattdessen fokussiert sie auf Funktionalität, Praxistauglichkeit, Material, Maße und modulare Musterentwürfe, die einfach und günstig produziert werden können. Stets behält sie dabei im Auge, wer das Objekt nutzen wird. Sei es bei der Planung von Kindermöbeln, Küchen, Krippen, Schulen, Wohnungen oder Häusern. Aus einer bürgerlichen Familie stammend begreift sie früh, wie brüchig Wohlstand, Demokratie und Status sind. Erste Werke sind ein Toilette-Tischchen und ein Kulturdenkmal-Entwurf.

Fuß fasst Margarete Lihotzky mit ihren Musterhausentwürfen für die Wiener „Siedlerbewegung“ nach dem Ersten Weltkrieg. Auch den Otto Haas Hof in Wien plante sie 1923 mit. Mona Horncastle beschreibt sie als Frau mit starken politischen Überzeugungen, dem Willen anzupacken und einem sozialen Gewissen. Sie nur als Kommunistin zu brandmarken, die zu lange auf der falschen Seite der Geschichte steht, greift zu kurz. In die Kommunistische Partei tritt sie 1939 wegen Adolf Hitler ein. Zeitlebens kommt sie viel herum und arbeitet an allen möglichen Orten: Niederlande, Wien, Frankfurt, Sowjetunion, Paris, London, Türkei und China.

Bevor Margarete ab 1926 in Frankfurt zur städtebaulichen Höchstform aufläuft, muss sie 16 Monate in eine Lungenheilanstalt. Nicht umsonst wurde TBC im 19. Jahrhundert schlicht als Wiener Krankheit bezeichnet. Ernst May holt sie später als Fachfrau für Typisierung nach Frankfurt, um neues Wohnen im großen Stil umzusetzen. Auch ihren Mann, Wilhelm Schütte, lernt sie dort kennen. Geheiratet wird im April 1927. 1951 lassen sich die beiden harmonischen Vielarbeiter scheiden, bleiben einander aber ein Leben lang verbunden. 1937 verlassen sie gemeinsam Russland und versuchen die Weichen für ein neues Berufsleben zu stellen.

Bei ihrem antifaschistischen Engagement lässt Margarete Schütte-Lihotzky es nicht bei Diskussionen bewenden. Sie wird aus Überzeugung im Widerstand aktiv, wird in Wien verraten und verbringt 1.527 Tage ihres Lebens (1941 bis 1945) in Haft. Die seitenweise abgedruckten Briefe an Mann und Schwester (Seite 152 bis 185) zeigen einen Menschen, der sich trotz allem aufrecht hält und zumeist um andere besorgt ist. Der dankbar ist für jede Unterstützung, die Nerven bewahrt und Gemeinschaft lebt, wo Isolation und Aufgeben die Agenda ist. Sie beklagt sich nicht und überlebt. Danach beginnt ihr zweites Leben. Sie ruft mit Anna Grün den „Bund Demokratischer Frauen in Österreich“ ins Leben und schafft sich selbst sinnvolle Beschäftigung aufgrund eines quasi Berufsverbots in Österreich. Denn sie erkennt und benennt Ungerechtigkeiten im Frauenland und Männerstaat Österreich.

Margarete Schütte-Lihotzky widmet sich leidenschaftlich den Themen Frauenrechte, Völkerverständigung, Frieden und Abrüstung. Sie fordert Lohngleichheit, mehr Frauen im Parlament und Kinderbetreuung. Und das fordern wir heute immer noch. „Die Leute glauben immer, ich bin eine Küchenarchitektin, so wie sie glauben, ich sei eine Frauenrechtlerin. Beides stimmt nicht. Ich bin eine alte Systematikerin und habe mich in meiner Arbeit immer nach den funktionellen Notwendigkeiten gerichtet.“

Margarete Schütte-Lihotzky ist Pop: Robert Rotifer hat die Küche und die Architektin 2008 besungen. Die „Frankfurter Küche, im MAK zu besichtigen, ist immer noch ein Maßstab für Durchdachtheit und evidenzbasierte Architektur.
Was sagt Margarete Schütte-Lihotzky dazu: „Ich bin keine Küche. (…) Hätte ich gewusst, dass ich ein Leben lang über diese verdammte Küche sprechen muss dann hätte ich sie nie gebaut.“

In 103 Lebensjahren darf man auch einmal etwas falsch machen. Nichts falsch machen kann man mit der Lektüre dieser Biografie.


Margarete Schütte-Lihotzky. Architektin-Widerstandskämpferin-Aktivistin 
von Mona Horncastle
Molden Verlag 2019
287 Seiten
28 Euro

 

Beitragfoto: Domink Gigler

Astrid Kuffner
Astrid ist Wienerin, Working Mum, Wählerin, wählerisch, mag Menschen, Worte und Wale.

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